Bonner Archäologen entdecken auf Sizilien antikes griechisches Gewerbegebiet

Bonner Altertumswissenschaftler haben während zwei Grabungskampagnen im September 2010 und im Herbst 2011 damit begonnen, in der griechischen Koloniestadt Selinunt auf Sizilien (7. bis 3. Jahrhundert vor Christus) eines der größten Handwerkerviertel der griechischen Antike auszugraben. Das Projekt findet in Zusammenarbeit mit den italienischen Behörden und dem Deutschen Archäologischen Institut statt. Ziel des Projekts ist die Erforschung eines bislang wenig beachteten Lebensbereiches der antiken Stadt.

„In welchem Maß es bei den alten Griechen schon so etwas wie ‚Gewerbegebiete’ gab, ist eine Frage, die in Fachkreisen bis heute diskutiert wird“, sagt der Bonner Archäologe Dr. Gabriel Zuchtriegel, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter zusammen mit Dr. Jon Albers am Institut für Klassische Archäologie der Universität Bonn am Lehrstuhl von Prof. Dr. Martin Bentz das Selinunt-Projekt koordiniert. „Die Konzentration von bestimmten ‚Industrien’ und Handwerkern in speziellen Vierteln setzt nicht nur vorausschauende Planung voraus, sie hängt auch mit einer bestimmten Vorstellung davon zusammen, wie man eine Stadt am besten organisiert – in praktischer, aber auch in sozialer und politischer Hinsicht. Etwa: Wer darf oder soll wo wohnen und arbeiten?“ Die Ausgrabungen der Universität Bonn tragen jetzt dazu bei, solche Fragen neu zu beantworten.

Riesige Öfen, gemeinsam genutzt

Es waren vor allem die Töpfereien, die in Selinunt in einem bestimmten Stadtgebiet konzentriert wurden, nämlich am Rand der Siedlung, direkt im Schatten der Stadtmauer. „Qualm, Gestank und Lärm belästigten auf diese Weise nicht so sehr die anderen Bewohner“, erklärt Dr. Zuchtriegel. „Gleichzeitig konnten Öfen und Lager von mehreren Handwerkern gemeinsam benutzt werden.“ Die Grabungen zeigen, dass die Töpfer sich zu Kooperativen zusammenschlossen, die riesige Öfen von bis zu 7 Metern Durchmesser gemeinsam benutzten. Das Handwerkerviertel von Selinunt zog sich wahrscheinlich über mehr als 600 Meter entlang der Stadtmauern und gehörte damit zu den größten, die bislang bekannt sind.

Die Ausgrabung liegt in der Hand von Dozenten und Studierenden aus Bonn und Rom – und sind beschwerlich. Denn die Grabungszeit liegt im August und September, wenn die Hitze am größten ist; dafür regnet es aber auch nur sehr wenig. „Die Arbeit stellt für alle eine Herausforderung dar“, betont Grabungsleiter Bentz. „Das ist kein Camping-Urlaub.“ Dafür sei es aber für die Studierenden eine große Chance, sich archäologische Techniken „learning by doing“ anzueignen.

Überraschend war für die Archäologen der Universität Bonn, dass sie unter den Töpferöfen des 5. Jahrhunderts v. Chr. noch ältere Werkstattreste fanden. Diese Befunde, so die Ausgräber, sind zwar noch nicht ganz freigelegt. Aber es deutet sich an, dass schon in der frühen Phase der Stadt, im 6. Jh. v. Chr., Töpferwerkstätten an derselben Stelle existierten. Das heißt, dass vermutlich schon mit der Anlage der Stadt, die wie bei vielen Koloniegründungen auf dem „Reißbrett“ geplant wurde, Handwerker bewusst am Rand angesiedelt wurden.

Rekonstruktion der Vergangenheit

Die Funde aus dem Handwerkerviertel sind keine Schätze, aber wertvoll für die Rekonstruktion der Vergangenheit sind sie trotzdem. In der Frühphase deuten breit gefächerte Funde von Tongefäßen, Ziegeln und Bronze, darunter auch Importe aus Athen und Sparta, darauf hin, dass Wohn- und Arbeitsbereiche zusammen lagen. Im Lauf des 5. Jahrhunderts werden beide Bereiche dann immer mehr getrennt.

„Wir hoffen, das in Zukunft noch besser zu verstehen“, sagt Prof. Bentz. Bis jetzt, so der Archäologe, wissen wir noch wenig über die sozialen Verhältnisse, die bei einer Koloniegründung herrschten. Sicher ist nur, dass es oft Hunger und Not waren, die die Siedler bewegten, auszuwandern und eine neue Stadt zu gründen. Warum und unter welchen Bedingungen die einen von ihnen Töpfer wurden, die anderen Bauern, wieder andere sogar reiche Großgrundbesitzer, die sich auch die Teilnahme an den olympischen Spielen leisten konnten – zu diesen Fragen können die Ausgrabungen einen Beitrag leisten.

 

Quelle:

Johannes Seiler
Abteilung Presse und Kommunikation

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

 

 

Forscher der Saar-Uni stellt neue Erkenntnisse zur Bekleidung des Steinzeitmenschen „Ötzi“ vor

Der Steinzeitmensch Ötzi hat für seine Kleidung nicht nur Rinder- und Schaffelle verwendet, sondern auch Felle von Ziegen, Gämsen und Rothirschen sowie von Hunden oder von Verwandten des Hundes. Diese neuen Ergebnisse zu Ötzi hat der Biochemiker Klaus Hollemeyer im Rahmen des zweiten Eismumienkongresses vorgestellt, der vor kurzem im italienischen Bozen stattfand. Der Saar-Forscher entwickelte vor einigen Jahren das SIAM-Verfahren, das die Zuordnung von Haar- und Fellproben zu Tiergruppen erlaubt. 2008 gelang es ihm erstmals, Proben aus der Kleidung des Steinzeitmenschen näher zu bestimmen. Hollemeyers Ergebnisse tragen dazu bei, mehr über Ötzis Leben in der Jungsteinzeit zu erfahren.

Die 5300 Jahre alte Gletschermumie, die mit dem Namen „Ötzi“ weltbekannt wurde, lebte in der Kupferzeit, der letzten Epoche der Jungsteinzeit. Da das Eis die Mumie über die Jahre gut konservierte, bietet Ötzi der heutigen Wissenschaft die Möglichkeit, die Lebensumstände der Steinzeitmenschen im alpinen Raum näher zu erforschen. Der Biochemiker Klaus Hollemeyer von der Universität des Saarlandes trug bereits 2008 erste detaillierte Erkenntnisse zur Bekleidung des Steinzeitmenschen bei. Nun stellte er auf dem zweiten Eismumienkongress im italienischen Bozen weitere Ergebnisse vor.

In seiner Arbeit konnte er unter anderem nachweisen, dass für die Herstellung der Leggings auch Felle von Hunden oder mit Hunden verwandten Tieren verwendet wurde. „Ob es sich dabei um Wolf, Hund oder Rotfuchs handelt, lässt sich aber nicht mehr feststellen“, sagt Hollemeyer. Widerlegen konnte der Saarbrücker Forscher aber die Annahme, dass die Schuhsohlen des Steinzeitmenschen aus Bärenfell seien. „Hier handelt es sich um Rind“, ergänzt der Saar-Forscher. Rinderfell befände sich zudem an der Schließe des Köchers, von der man bislang annahm, dass sie aus Gämsfell bestehe. Außerdem ist es dem Biochemiker gelungen, Fellstücke von Schaf und Gämse in Ötzis Mantel aufzuspüren. Bislang galt die Annahme, dass der Mantel aus Ziegen hergestellt wurde.

Eine weitere genaue Analyse der Kopfbedeckung brachte jedoch keine neuen Erkenntnisse. „Wir konnten hier nicht eindeutig nachweisen, dass es sich um Bärenfell handelt“, sagt Hollemeyer. Denkbar sei auch hier, dass das Fell von Hunden oder mit Hunden verwandten Tieren verwendet wurde. Darüber hinaus konnte er mit seiner Analysemethode auch ältere Ergebnisse anderer Wissenschaftler bestätigen. Das für Ötzis Schuhe verwendete Oberleder stammt zum Beispiel vom Rothirsch, wie auch die Laschen seiner Patchwork Leggings, die in die Schuhe gesteckt wurden.

Mit seinen Ergebnissen hilft der Biochemiker die Lebensumstände der berühmten Mumie näher zu beleuchten. Derzeit vermuten Experten, dass Ötzi Angehöriger einer Bauern- und Viehzuchtgesellschaft war und nicht Teil einer Sammler- und Jägergesellschaft war, wie man lange Zeit dachte.

Der Saarbrücker Klaus Hollemeyer entwickelte vor wenigen Jahren am Technischen Institut für Biochemie unter Professor Elmar Heinzle in Zusammenarbeit mit Wolfgang Altmeyer von der Firma Gene-Facts die sogenannte SIAM-Methode, die seit Herbst 2007 unter Patentschutz steht. Dieses Analyseverfahren ermöglicht es, Haar- und Fellproben mittels charakteristischer Proteinstücke bestimmten Tierarten zu zuordnen.

 

Quelle:
Melanie Löw

Pressestelle der Universität des Saarlandes

Universität des Saarlandes

 

 

Die ersten modernen Menschen erreichten Europa früher als bisher angenommen

 

Blick von vorne (mesial) auf Cavallo-B (linker oberer erster Milchmolar), dem bisher ältesten europäischen anatomisch modernen Menschen. Die weiße Linie in der Abbildung entspricht 1 cm. Foto: Dr. Stefano Benazzi

Ein internationales Team von Paläoanthropologen und Archäologen zeigte, dass die bisher den Neandertalern zugeschriebenen Funde aus der Grotta del Cavallo in Süditalien dem modernen Menschen zuzuordnen sind. Das Team konnte mittels Computeranalysen an fossilen Zähnen und Neu-Datierungen von Muschelresten eine frühere Besiedlung Europas durch anatomisch moderne Menschen beweisen. Die Grotta del Cavallo ist eine 1960 entdeckte prähistorische Höhlen-fundstelle in Apulien. Dort wurden Überreste der sogenannten Uluzzien-Kultur gefunden, die durch persönliche Schmuckreste, Knochenwerkzeuge sowie Farbenreste gekennzeichnet ist. Solche Artefakte werden meist mit dem modernen Menschen in Zusammenhang gebracht. Bisher wurden allerdings zwei damals von Prof. Palma di Cesnola von der Universität Siena gefundene Milchzähne als Zähne von Neandertalern angesehen. Diese Bestimmung verursachte intensive Diskussionen über die kognitiven Fähigkeiten und eine mögliche unabhängige Entwicklung symbolischen Verhaltens bei Neandertalern, welches demnach als ähnlich der Kompetenz früher moderner Menschen angesehen wurde.

Dr. Stefano Benazzi von der Universität Wien und das internationale Forscherteam untersuchten dreidimensionale digitale Modelle der Zahnreste aus der Grotta del Cavallo anhand computertomographischer Daten. Sie verglichen diese mit einer großen Anzahl von Zähnen moderner Menschen und Neandertaler. Zwei unabhängige Vermessungsmethoden dienten zum Vergleich der internen und externen Merkmale der Zähne, einschließlich der Zahnschmelzdicke sowie der generellen Umrisslinie der Kronen.
Die Ergebnisse weisen die beiden Zähne aus der Grotta del Cavallo als Milchzähne von Kindern aus, die eindeutig zu den anatomisch modernen Menschen gehören. Prof. Katerina Harvati von der Universität Tübingen und dem dort angesiedelten Senckenberg Center for Human Evolution and Paleoecology, in deren Computertomographie-Labor ein großer Teil der Vergleichsuntersuchungen durchgeführt wurde, sagt: „Unsere Analyse zeigt eindeutig, dass die Zahn-Überreste aus der Grotta del Cavallo von modernen Menschen stammen und dass deshalb die Uluzzien-Kultur dem modernen Menschen zugeordnet werden muss und nicht Neandertalern. Unsere Untersuchung betont die wichtige Rolle computertomographischer Verfahren und virtueller Anthr-pologie bei der Identifizierung und Interpretation fossiler Überreste.“ Dr. Ottmar Kullmer vom Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt ergänzt: „Fossile Menschenreste aus der Zeit dieser Übergangskulturen sind extrem selten und Milchzähne standen bislang nicht im Fokus solcher Vergleichsuntersuchungen.“

Neue Radiokohlenstoff-Datierungen von marinen Muschelresten aus der gleichen archäologischen Schicht wie die Zähne, die von Dr. Katerina Douka an der Radiocarbon Accelerator Unit der Universität Oxford durchgeführt wurden, ergaben ein absolutes Alter von etwa 43.000 bis 45.000 Jahren vor heute. Damit sind die Funde aus der Grotta del Cavallo die bisher ältesten Nachweise des modernen Menschen in Europa. Kullmer deutet dieses Ergebnis: „Der moderne Homo sapiens ist offensichtlich schon vor dem Beginn des Aurignacien, das heißt vor dem Beginn der jüngeren Altsteinzeit, in das bereits von Neandertalern besiedelte Europa eingewandert.“ Harvati ergänzt “Es scheint, dass sich der moderne Mensch als erstes entlang der mediterranen Küste ausbreitete. Dies unterstreicht die Wichtigkeit Südeuropas in der Verbreitung der frühen Menschen.“

 

Quelle:

Michael Seifert
Hochschulkommunikation
Universität Tübingen

Gerda Henkel Stiftung schreibt Gerda Henkel Preis 2012 aus

Die Gerda Henkel Stiftung lädt dazu ein, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für den Gerda Henkel Preis 2012 zu benennen. Bis zum 31. Januar 2012 nimmt die Geschäftsstelle der Stiftung Vorschläge für herausragende Forscherinnen und Forscher auf dem Gebiet der Archäologie, Geschichtswissenschaften, Historischen Islamwissenschaften, Kunstgeschichte, Rechtsgeschichte sowie Ur- und Frühgeschichte entgegen. Nominierungen in den Förderfeldern „Konfliktforschung“ und „Islam, moderner Nationalstaat und transnationale Bewegungen“ sind ebenfalls möglich. Der Gerda Henkel Preis ist mit 100.000 Euro dotiert und wird seit 2006 alle zwei Jahre vergeben.

Die Auszeichnung soll die von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Fachgebiete stärken und auf Themen aufmerksam machen, die sonst weniger im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen. Die Preisverleihung findet am 29. Oktober 2012 in Düsseldorf statt.

Über den Preisträger bzw. die Preisträgerin entscheidet das Kuratorium der Gerda Henkel Stiftung auf der Grundlage einer Empfehlung der Jury. Dem Kuratorium gehören an: Julia Schulz-Dornburg (Vorsitz, Barcelona), Prof. Dr. Meinhard Miegel (Stellv. Vorsitz, Bonn), Prof. Dr. Hans-Joachim Gehrke (Freiburg), Prof. Dr. Ulrich Lehner (Düsseldorf), Dr. Michael Muth (München) und Dr. Hans-Dietrich Winkhaus (Ehrenmitglied, Düsseldorf). Die Jury unter Vorsitz von Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Frühwald (Augsburg) setzt sich aus den Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung – Prof. Dr. Andreas Beyer (Paris), Prof. Dr. Willibald Steinmetz (Bielefeld), Prof. Dr. Dr. h.c. Barbara Stollberg-Rilinger (Münster) und Prof. Dr. Martin Zimmermann (München) – und unabhängigen Persönlichkeiten aus den Bereichen Wissenschaft und Politik zusammen. Neben Prof. Dr. Bo Stråth (Helsinki), der dem Auswahlgremium seit 2009 angehört, wirken als neue Mitglieder Dr. Franziska Augstein (München) und Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Parzinger (Berlin) in der Jury mit.

Bisherige Trägerinnen und Träger des Gerda Henkel Preises sind die Berliner Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Dr. h.c. Gudrun Krämer (2010), der New Yorker Soziologe und Kulturhistoriker Prof. Dr. Richard Sennett (2008) und der Hamburger Kunsthistoriker Prof. Dr. Dr. h.c. Dr. h.c. Martin Warnke (2006).

 

Quelle:

Dr. Sybille Wüstemann

Geschäftsstelle


Gerda Henkel Stiftung

DAI – Dr. Friedrich Lüth übernimmt neues Amt in Berlin

Fragen des Kulturgüterschutzes und des site managements spielen mittlerweile in der Archäologie weltweit eine zentrale Rolle. Sie können im Rahmen von Forschungsprojekten nur über internationale Kooperationen und die Einwerbung von Drittmitteln erfolgversprechend angegangen werden. Das Deutsche Archäologische Institut schätzt sich deshalb glücklich, mit Dr. Friedrich Lüth einen herausragenden Kollegen für einen einschlägigen, neu zu begründenden Arbeitsbereich an der Zentrale in Berlin gewonnen zu haben. An der Römisch-Germanischen Kommission in Frankfurt hat Dr. Friedrich Lüth als Erster Direktor nicht nur die internationale Vernetzung im Bereich archäologischer Verbundforschung mit zahlreichen Drittmittelprojekten, sondern auch die internationale Diskussion zu Fragen des cultural heritage nicht zuletzt in seiner Funktion als Präsident der European Association of Archaeologists (EAA) mit großem Erfolg vorangetrieben. Ab dem 1. November 2011 wird er diese Kompetenzen für das gesamte Deutsche Archäologische Institut in der Zentrale in Berlin einbringen.

 

Quelle:

Nicole Kehrer

Pressestelle

Deutsches Archäologisches Institut

Briefe aus der koptischen Vergangenheit…

Im Konzessionsgebiet der Unternehmung Dra‘ Abu el-Naga des Deutschen Archäologischen Instituts Kairo in Theben-West/Oberägypten gelang einem Team der Ludwig-Maximilians-Universität München eine überraschende Entdeckung: Bei Arbeiten im Umland des auf der Hügelkuppe gelegenen Klosters Deir el-Bachit wurden 175 Ostraka geborgen, die aufgrund der Fundumstände zweifelsfrei dem Kloster zuzuordnen sind. Bereits eine erste Sichtung der Texte führte zu spektakulären Ergebnissen: Außer einigen Briefen an die „Klosterväter“ Apa Zacharias (siehe Foto) und Apa Papas fand sich auch die Erwähnung eines „Topos (Klosters) des heiligen Paulos“.

Diese Ergebnisse sind insofern interessant, als eine Identifikation der Anlage von Deir el-Bachit bisher nicht möglich war. Das ist umso bedauerlicher, als es sich hierbei nicht nur um die größte monastische Anlage der Region handelt, sondern auch um die letzte noch recht gut erhaltene. Sie wird seit einigen Jahren im Rahmen zweier DFG-geförderter Projekte und im Rahmen des von der Fritz-Thyssen-Stiftung finanzierten Projekts „Zwischen Christentum und Islam“ archäologisch und epigraphisch erforscht. Die neuen Befunde sind nun in hohem Maße geeignet, diese Wissenslücke zu füllen: Beide in den Texten als Adressaten genannte Klosterväter sind bisher, wie aus bereits veröffentlichten, allerdings nicht verorteten Texten bekannt ist, ausschließlich für das seinerseits noch nicht lokalisierte, im thebanischen Raum gelegene Pauloskloster belegt. Die Identifikation der Anlage von Deir el-Bachit mit dem Pauloskloster ist damit sehr wahrscheinlich geworden.

Ein vor kurzem durchgeführter erster Abgleich der dem Pauloskloster zuzuweisenden Textbestände des British Museum, London mit den im Bereich der Anlage von Deir el-Bachit gefundenen Ostraka ergab einige zweifelsfreie Übereinstimmungen in den Handschriften der jeweiligen Texte und untermauert damit diese Zuordnung.

Diese neuen Erkenntnisse ermöglichen nicht nur neue absolute Datierungsmöglichkeiten in Bezug auf das zeitlich sonst nur schwer einzuordnende koptische Material der Region, sondern sie bieten darüber hinaus neue wichtige Informationsquellen. So steht zu erwarten, dass im Zuge der noch andauernden Projekte Einsichten in die Lebenswelt, Organisation und Vernetzung einer monastischen Landschaft von der Spätantike bis in islamische Zeit gewonnen werden können, die diese sonst häufig unbeachtete „dunkle“ Epoche weiter zu erschließen helfen.

Quelle:

Nicole Kehrer

Pressestelle

Deutsches Archäologisches Institut

Landesdenkmalamt Berlin veranstaltet Archäologentag

„Archäologie und Stadtplanung“ ist das zentrale Thema des 15. Berliner Archäologentages am 20. Oktober im Berliner Rathaus.

Zukünftig sollen Bodendenkmale in der historischen Mitte Berlins mithilfe „archäologischer Fenster“ in die Neubebauung integriert und somit erlebbar gemacht werden. Neben dem Themenschwerpunkt wird es Vorträge u.a. zu Großgrabungen in den mittelalterlichen Städten Berlin und Cölln geben.

Zusätzlich können Besucher u.a. die Grabung auf dem Gelände des Großen Jüdenhofs besichtigen.

Der Eintritt ist frei.

 

 

Informationen zum Programm finden Sie hier.

 

 

 

 

 

Archäologischer Dachverband gegründet

Im Rahmen des 7. Deutschen Archäologie-Kongresses fand am 4. Oktober 2011 in Bremen die Gründungsversammlung des „Deutschen Verbandes für Archäologie“ (DVA) statt. Nachdem Versuche einer verbandsmäßigen Vereinigung der deutschen Archäologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts und erneut nach der deutschen Wiedervereinigung Anfang der 1990er Jahre jeweils gescheitert waren, entstand mit dem neuen Dachverband nun erstmals in der Geschichte der deutschen Archäologie eine Interessenvertretung für die gesamte vereins- und verbandsmäßig organisierte Archäologie, Altertumsforschung und fachverwandte Wissenschaften in der Bundesrepublik Deutschland.

Mit seinen über 3.000 Mitgliedern wird der DVA ein wichtiges Sprachrohr für die Archäologie und fachverwandte Wissenschaften sein. Er wird sich in Belangen der Bewahrung des kulturellen Erbes, der archäologischen Museen, der Bodendenkmalpflege, der Universitäten und anderer Forschungseinrichtungen auf dem Gebiet der Archäologie engagieren und deren Anliegen und Interessen gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit vertreten.

Auf der Gründungsversammlung traten dem DVA folgende Einzelverbände und Gesellschaften bei: Nordwestdeutscher Verband für Altertumsforschung e.V., West- und Süddeutscher Verband für Altertumsforschung e.V., Mittel- und Ostdeutscher Verband für Altertumsforschung e.V., Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte e.V., Deutscher Archäologen-Verband e. V., Verband der Landesarchäologen in der Bundesrepublik Deutschland e. V., Deutsche Orient-Gesellschaft e.V., Deutsche Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit e.V., Dachverband Archäologischer Studierendenvertretungen e.V., Gesellschaft für Naturwissenschaftliche Archäologie – Archäometrie sowie Archäologische Kommission für Niedersachsen e. V.

Zum Präsident des „Deutschen Verbandes für Archäologie“ wurde der Prähistoriker Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Parzinger gewählt. Parzinger war nach seiner Hochschulassistenz und Habilitation im Fach Vor- und Frühgeschichte an der LMU München zunächst Zweiter Direktor der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Frankfurt a. M. (1990-94), anschließend Gründungsdirektor der Eurasien-Abteilung des DAI (1995-2003) und zuletzt Präsident des Instituts (2003-2008); seit 2008 ist er Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Er gehört zweifellos zu den renommiertesten Archäologen in Deutschland; 1998 erhielt Parzinger als bisher einziger Vertreter seines Faches den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und vor wenigen Monaten wurde er in den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste aufgenommen. Er ist Mitglied zahlreicher Akademien in Deutschland, Russland, China, Großbritannien und den USA. Seine Ausgrabungstätigkeit reicht von Spanien über die Türkei und Iran bis Zentralasien, Sibirien und die Mongolei.

Parzinger bezeichnete in seiner Dankesrede die Gründung des neuen Dachverbandes als „historischen Moment“. Weiter stellte er fest: „Die Archäologie hat sich zu einer ungemein dynamischen und transdisziplinär arbeitenden Wissenschaft entwickelt, die äußerst erfolgreich Forschungsmittel einwirbt und durch ihre aktuellen Themen zum Erhalt und zur Erforschung der Bodendenkmäler weltweit großen öffentlichen Zuspruch findet. Es war deshalb höchste Zeit, ein Dach für die Archäologie in Deutschland zu schaffen, unter dem alle Verbände, Gesellschaften und Institutionen mit ihren unterschiedlichen Traditionen, Aufgaben und Zielen zusammengeführt und ihre Interessen gebündelt werden.“

In den Vorstand des „Deutschen Verbandes für Archäologie“ wurden neben Parzinger vier Vizepräsidenten gewählt: Prof. Dr. Friedrike Fless, Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts, Prof. Dr. Ute Halle, Landesarchäologin der Hansestadt Bremen, Prof. Dr. Jürgen Kunow, Vorsitzender des Verbands der Landesarchäologen in der Bundesrepublik Deutschland sowie Prof. Dr. Alfried Wieczorek, Generaldirektor der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim. Zum Geschäftsführer wurde Prof. Dr. Mat-thias Wemhoff bestimmt, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, wo sich auch die Geschäftsstelle des neuen Dachverbandes befinden wird.

 

Quelle:
Dr. Stefanie Heinlein
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Stiftung Preussischer Kulturbesitz

Kopf eines Satyrs im tunesischen Chimtou entdeckt

Kopf des Satyrs „Ludovisi” aus Chimtou. Der Ausbruch an der Stirnseite ist zur Hand der Mänade zu ergänzen (DAI Rom)

Bei den archäologischen Ausgrabungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Rom in Simitthus (Chimtou, Tunesien) wurde 2010 der fragmentierte Kopf eines Satyrs entdeckt. Bei den Detailuntersuchungen konnte nun festgestellt werden, dass es sich bei dem unterlebensgroßen Kopf um einen Satyr der Satyr-Mänaden-Gruppe „Ludovisi“ handelt. Der Kopf aus Chimtou ist damit der vierte bekannte Satyrkopf der Gruppe weltweit.

Besondere Aufmerksamkeit erregt der Fund darüber hinaus, da es erst die zweite bekannte Großplastik aus Simitthus ist, die nicht aus numidischen Marmor (gallo antico) gefertigt wurde. Neben dem Kopf des Satyrn aus weißem kristallinem Marmor ist bisher nur der sogenannte „Knabe aus Chimtou“ bekannt. Der Vergleich mit dem Satyrkopf im Thermenmuseum in Rom zeigte nun, dass es sich bei dem Fragment aus Chimtou um eine Replik der hellenistischen Satyr-Mänaden-Gruppe Typus „Ludovisi“ handelt.

Der fragmentierte Kopf war als Spolie in einer mittelalterlichen Mauer verbaut, die im zerstörten Podium eines römischen Tempels dokumentiert werden konnte. Der Podiumtempel, der allgemein als Kaiserkulttempel angesprochen wird, wurde in severischer Zeit mit einer monumentalen Platzanlage ausgestattet. Zusätzlich wurde im Westen des Areals eine Thermenanlage errichtet, aus der möglicherweise auch die Gruppe des Satyrs und der Mänade stammt.

Die Arbeiten am Kaiserkulttempel sind Teil des deutsch-tunesischen Kooperationsprojekts in Chimtou im heutigen Tunesien. Das Deutsche Archäologische Institut, Abteilung Rom und das Institut National du Patrimoine de la Tunisie (INP Tunis) forschen seit 1965 im Stadtgebiet der ehemaligen römischen Colonia Simitthus. Unter der Leitung von Philipp von Rummel und Mustapha Khanoussi konzentrieren sich die Bemühungen derzeit auf das Areal des Forums, den sog. Kaiserkulttempel und die traianische Brücke.

Quelle:
Nicole Kehrer
Pressestelle

Deutsches Archäologisches Institut

DARIAH vernetzt Forscher

Mit Methoden der Digital Humanities sichtbar gemachte Hügelgräber aus der jüngeren Bronzezeit (Lausitzer Kultur) unweit mehrerer Altarme der Schwarzen Elster bei Uebigau (Kreis Elbe-Elster). Mit Aerial-Laser-Scanning-Daten konnte erstmals die gesamte Ausdehnung des Gräberfeldes erfasst werden. Bisher war dies unbekannt, da die meisten Gräber heute durch Erosion fast vollkommen eingeebnet sind und die Vegetation ihre Lokalisation stark erschwert. Bild: Armin Volkmann, interpoliert nach Daten der Landesvermessung und Geobasisinformationen Brandenburg

Geistes- und Kulturwissenschaftler sollen sich künftig stärker vernetzen – über die digitale Forschungsinfrastruktur DARIAH. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert deren Aufbau mit 5,8 Millionen Euro, der Lehrstuhl für Computerphilologie der Universität Würzburg ist an dem Projekt maßgeblich beteiligt.

Ein über die ganze Welt verstreutes Experten-Team arbeitet per Internet zeitgleich an einem gemeinsamen Projekt: Dieses Prinzip steckt hinter dem Online-Lexikon Wikipedia, und nach diesem Prinzip soll in drei Jahren auch DARIAH funktionieren, eine digitale Forschungsinfrastruktur für Geistes- und Kulturwissenschaftler.

DARIAH steht für „Digital Research Infrastructure for the Arts and Humanities“. In Deutschland sind an dem europaweiten Projekt 17 Partner beteiligt. Dazu gehört auch ein Team vom Lehrstuhl für Computerphilologie der Universität Würzburg: der Literaturwissenschaftler Professor Fotis Jannidis, der Archäologe Armin Volkmann und der Romanist Christof Schöch.

IT-Methoden verstärkt im Einsatz

Warum DARIAH sein muss? „Auch in den Geistes- und Kulturwissenschaften werden computergestützte Forschungsmethoden zunehmend komplexer“, sagt Professor Jannidis. Darum sei es wichtig, die Forscher mit den neuesten Technologien und Methoden besser vertraut zu machen, ihnen Unterstützung anzubieten und neue Forschungsansätze zu eröffnen. Letzteres sei besonders dann zu realisieren, wenn die neuen Methoden fachübergreifend zum Einsatz kommen.

Armin Volkmann nennt als Beispiel ein Projekt, an dem er selbst mitgearbeitet hat: Archäologen, Historiker und Klimatologen aus Deutschland, Israel und den USA befassten sich mit dem Niedergang des Römischen Reichs im fünften Jahrhundert nach Christus. Bei ihrer Kooperation übers Internet fanden sie mit einer gemeinsamen Datenbank und einem web-basierten geographischen Informationssystem heraus: Genau in dieser Zeit gab es jahrzehntelange Klimakapriolen. Diese dürften – neben den bekannten politischen Ereignissen – wesentlich zur Krise des Reichs beigetragen haben. Denn Dürren, Überschwemmungen, Missernten und Nahrungsmangel können gesellschaftliche Umbrüche mitbestimmen.

Forschungsquellen in digitalen Umgebungen zusammenführen

Damit solche Forschungen künftig verstärkt möglich sind, entwickeln Professor Jannidis und sein Team im DARIAH-Verbund eine Infrastruktur im Internet. Bildlich gesagt: Sie bauen die Autobahn, auf der Geistes- und Kulturwissenschaftler auch ohne größeres technisches Vorwissen ihre Projekte fahren können. Weit verstreute Forschungsquellen – wie einzelne digitalisierte Handschriften, Manuskripte und Akten – lassen sich mit der Unterstützung von DARIAH in digitalen Umgebungen zusammenführen. „Das macht Forschungen möglich, die wegen der großen Quellenbasis auf einem guten Fundament stehen und fundierte Aussagen durch automatisierte Reihenvergleiche überhaupt erst zulassen“, so das DARIAH-Team.

Anwendungsmöglichkeiten gibt es viele: Historiker, Philosophen und Literaturwissenschaftler können kollaborativ Texte edieren und mit digitalen Methoden auf Wortwahl, Sprachgebrauch und andere Kennzeichen untersuchen. Filme lassen sich damit ebenso analysieren wie Musikstücke oder Partituren.

Digitale Werkzeuge im Fokus

Für derartige Analysen werden im Projekt auch digitale Werkzeuge weiterentwickelt. Das ist nötig, um die teils sehr unterschiedlichen digitalen Quellen miteinander vergleichbar und damit wissenschaftlich auswertbar zu machen. Auch neue Werkzeuge für spezifische Analysen sollen geschaffen werden.

Zwei Beispiele: Es gibt Software, die Laserscandaten der Erdoberfläche in dreidimensionale Karten umsetzt. Auf dieser Basis lassen sich automatisierte Verfahren entwickeln, um auf der Karte Bodendenkmäler wie prähistorische Hügelgräber oder mittelalterliche Burgwälle aufzuspüren. Oder: Zunehmend verwenden online verfügbare Textarchive standardisierte, strukturierte Formate zur Textcodierung. Es mangelt jedoch aber noch an Werkzeugen für komplexe Abfragen, die der zielgerichteten Analyse dieser Textdaten dienen.

Ablauf des Drei-Jahres-Projekts

Das BMBF fördert die Arbeit an DARIAH für zunächst drei Jahre. In dieser Zeit werden die Würzburger Wissenschaftler zuerst den Bedarf analysieren: Welche Forschungsfragen sind in den Geistes- und Kulturwissenschaften aktuell oder im Kommen? Welche digitalen Forschungswerkzeuge gibt es schon, wo herrscht noch Bedarf? Welche fachwissenschaftlichen Anforderungen müssen digitale Werkzeuge und virtuelle Forschungsumgebungen erfüllen?

Parallel dazu wird das Team Fallbeispiele entwickeln, um das Potenzial von DARIAH anschaulich zu machen. Weiterbildungen für Wissenschaftler und die Verankerung der neuen Methoden („Digital Humanities“) in der Studierendenausbildung runden das Vorhaben ab.

Mehr Informationen hierzu finden Sie hier.

 

Quelle:
Gunnar Bartsch
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Julius-Maximilian-Universität Würzburg