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Gold aus Troia, Poliochni und Ur hatte denselben Ursprung

Neue Lasermethode ermöglicht Untersuchung von berühmten Schmuckstücken – Handelsbeziehungen in der frühen Bronzezeit reichten bis ins Industal

Das Gold in Objekten aus Troia, Poliochni – einer Siedlung auf der ungefähr 60 Kilometer vor Troia liegenden Insel Lemnos – und dem mesopotamischen Ur hat denselben geographischen Ursprung und wurde über große Distanzen gehandelt. Zu dieser Erkenntnis kommt ein internationales Forscherteam, das mit Hilfe einer innovativen mobilen Lasermethode erstmals Proben von berühmten frühbronzezeitlichen Schmuckstücken aus Troia und Poliochni analysiert hat. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Journal of Archaeological Science veröffentlicht.
Die Studie haben Ernst Pernicka, Wissenschaftlicher Direktor des Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie (CEZA) an den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim und Leiter des Troia-Projekts an der Universität Tübingen, und Barbara Horejs, Direktorin der Österreichischen Archäologischen Instituts an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien initiiert. In ihrem internationalen Team waren Naturwissenschaftlerinnen und Archäologen vom Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie, dem Österreichischen Archäologischen Institut in Wien (ÖAI) und des Nationalen Archäologischen Museums in Athen beteiligt.
Seit Heinrich Schliemann 1873 in Troia unter anderem den „Schatz des Priamos“ gefunden hat, ist das Rätsel um die Herkunft des Goldes ungelöst. Professor Pernicka und das internationale Team konnten nun nachweisen, dass es aus sogenannten sekundären Lagerstätten wie Flüssen stammte und seine chemische Zusammensetzung einerseits identisch ist mit der von Goldobjekten aus der Siedlung Poliochni auf Lemnos und aus den Königsgräbern im mesopotamischen Ur, andererseits aber auch mit der von Objekten aus Georgien. „Es muss also Handelsbeziehungen zwischen diesen weit entfernten Regionen gegeben haben“, sagte Pernicka.
Die Untersuchung war durch einen tragbaren Laser (pLA) möglich geworden, der dem Team die minimalinvasive Entnahme von Probenmaterial aus Schmuckstücken im Archäologischen Nationalmuseum in Athen ermöglichte. Die Halsketten, Anhänger, Ohr- und Halsringe des Museums sind so kostbar, dass sie weder in ein Labor transportiert, noch auf eine Weise untersucht werden dürfen, die sichtbare Schäden an den Objekten hinterlässt. Die bisher verfügbaren Methoden scheiterten an mindestens einem dieser Hindernisse. Der tragbare Laser dagegen schmilzt für eine Probeentnahme vor Ort im Museum ein so kleines Loch in die Stücke, dass es mit bloßem Auge nichts zu erkennen ist. Anschließend konnte Pernicka und sein Team im Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim die Proben mittels Massenspektrometrie auf ihre Zusammensetzung hin untersuchen.
Historischer Goldschmuck enthält neben Gold immer auch andere Elemente wie Silber, Kupfer, Zinn, Palladium und Platin. Je nach Legierung können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein eindeutiges chemisches Profil von den Fundstücken erstellen und daraus Rückschlüsse ziehen. So sind die hohen Konzentrationen von Zinn, Palladium und Platin im Troia-Schmuck ein klarer Hinweis darauf, dass das dafür verarbeitete Gold in Form von Goldstaub aus einem Fluss gewaschen wurde. Die Forschenden konnten auch nachweisen, dass Werkstätten Schmuck in Serie produzierten und nicht nur als Einzelstücke. Anders sei beispielsweise der identische Anteil von Platin und Palladium in den Goldplättchen von Halsketten gleicher Machart, die aber an unterschiedlichen Orten gefunden wurden, nicht zu erklären.
Insgesamt untersuchte das Forscherteam 61 Artefakte, die alle aus der frühen Bronzezeit zwischen 2.500 und 2.000 v. Chr. stammen. In diesen Zeitraum gehört auch der berühmte „Schatz des Priamos“, den Schliemann fälschlicherweise dem mythischen König von Troia aus der Ilias zugeordnet hatte.
Auch über die Herkunft des Goldes aus den Königsgräbern von Ur war in der Fachwelt schon seit Jahrzehnten diskutiert worden. In Mesopotamien gibt es keine natürlichen Goldvorkommen – weshalb West-Anatolien, wo auch Troia lag, als mögliche Herkunftsregion vermutet worden ist. „Es kommen aber noch ganz andere Regionen in Betracht, in die rege Handelsbeziehungen mit Ur nachgewiesen sind“, so Pernicka. In der frühen Bronzezeit wurden in einem großen geographischen Raum von der Ägäis bis ins Industal im heutigen Pakistan auffallend ähnliche Gegenstände genutzt, wie die archäologischen Vergleichsstudien belegen: amtliche Siegel und standardisierte Gewichte, Ohrringe mit denselben Spiralmustern, Schmucksteine wie Lapislazuli oder der orange-weiß schimmernde Karneol. „Die neuen archäometrischen Daten eröffnen uns einen soliden und globalen Rahmen für unsere Modelle von Gesellschaften, ihren Netzwerken und die Bedeutung von Ressourcen vor rund 4500 Jahren“, so Horejs.
Die genaue Herkunft des Troia-Goldes konnten die Forschenden allerdings noch nicht zweifelsfrei klären, sagt Pernicka: „Wenn wir den Anteil von Spurenelementen im Gold aus Troia, Poliochni und Ur betrachten, so zeigt bronzezeitliches Gold aus Georgien die größte Übereinstimmung mit den genannten Fundorten. Uns fehlen aber noch Daten und Untersuchungen aus anderen Regionen und von weiteren Objekten um diese Vermutung zu erhärten. “

Quelle:

Antje Karbe

Hochschulkommunikation

Eberhard Karls Universität Tübingen

3400 Jahre alte Stadt aus dem Tigris aufgetaucht

Ein Team aus deutschen und kurdischen Archäologen hat am Tigris eine 3400 Jahre alte Stadt aus der Zeit des Mittani-Reichs freigelegt, die aus dem Wasser des Mosul-Stausees aufgetaucht war. Ermöglicht wurde dies, weil der Wasserspiegel des Sees aufgrund extremer Trockenheit im Irak rapide abgesunken war. Bei der ausgedehnten Stadtanlage mit Palast und mehreren Großbauten könnte es sich um das alte Zachiku handeln. Dieses dürfte ein wichtiges Zentrum im Großreich von Mittani gewesen sein (ca. 1550–1350 v. Chr.).

Bronzezeitliche Stadt trat aufgrund von Dürre wieder an die Oberfläche

Der Irak ist eines der weltweit am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder. Besonders der Süden des Landes leidet seit Monaten unter extremer Trockenheit. Um die Ernte nicht vertrocknen zu lassen, wurden seit Dezember große Mengen von Wasser aus dem Mosul-Stausee – dem wichtigsten Wasserreservoir des Irak – zu Bewässerungszwecken abgelassen. Dadurch trat am Rand des Sees, am Ort Kemune in der Region Kurdistan des Irak, eine bronzezeitliche Stadt wieder an die Oberfläche, die vor Jahrzehnten untergegangen war, bevor sie archäologisch untersucht werden konnte.

Durch dieses unvorhergesehene Ereignis geriet die Archäologie unter Zugzwang: Es galt zumindest Teile dieser großen, wichtigen Stadtanlage schnellstmöglich freizulegen und zu dokumentieren, bevor sie wieder im Wasser versank. Deshalb haben der kurdische Archäologe Dr. Hasan A. Qasim, Direktor der Kurdistan Archaeology Organization (KAO) und die deutschen Archäolog*innen Jun.-Prof. Dr. Ivana Puljiz von der Universität Freiburg und Prof. Dr. Peter Pfälzner von der Universität Tübingen spontan beschlossen, eine gemeinsame Rettungsgrabung in Kemune zu unternehmen. Diese fand im Januar und Februar 2022 in Zusammenarbeit mit der Antikendirektion Dohuk, Region Kurdistan-Irak statt.

Fritz-Thyssen-Stiftung unterstütze Ausgrabungen

Binnen weniger Tage wurde ein Team für die Rettungsgrabung zusammengestellt. Über die Universität Freiburg konnten kurzfristig Mittel der Fritz-Thyssen-Stiftung zur Finanzierung der Arbeiten eingeworben werden. Das deutsch-kurdische Team stand bei den Ausgrabungen unter immensem Zeitdruck, weil nicht klar war, wann das Wasser im See wieder ansteigen würde.

Massive Befestigungsanlage, mehrstöckiges Magazingebäude, industrieller Komplex
Den Forscher*innen gelang es binnen kurzer Zeit, den Plan der Stadt weitgehend zu rekonstruieren. Neben einem Palast, der bereits 2018 im Verlauf einer Kurzkampagne erfasst worden war, wurden mehrere weitere Großbauten freigelegt: eine massive Befestigungsanlage mit Mauer und Türmen, ein monumentales, mehrstöckiges Magazingebäude sowie ein industrieller Komplex. Die ausgedehnte Stadtanlage datiert in die Zeit des Großreiches von Mittani (ca. 1550–1350 v. Chr.), das weite Teile Nordmesopotamiens und Syriens kontrollierte.

„Das riesige Magazingebäude ist von besonderer Bedeutung, weil darin enorme Mengen an Gütern gelagert worden sein müssen, die wahrscheinlich aus der gesamten Region herbeigeschafft wurden,“ erläutert Puljiz. Qasim schlussfolgert: „Die Ausgrabungsergebnisse zeigen, dass der Ort ein wichtiges Zentrum im Mittani-Reich war“.

Besonders erstaunlich sei, dass die Mauern dieser Gebäude sehr gut, manchmal mehrere Meter hoch erhalten seien, und dies obwohl es sich um Bauten aus ungebrannten Lehmziegeln handele, die über 40 Jahre lang unter Wasser lagen, so das Forschungsteam. Dies habe seinen Grund darin, dass die Stadt gegen 1350 v. Chr. bei einem Erdbeben zerstört wurde und die einstürzenden oberen Teile der Mauern die Gebäude unter sich begruben.

Keramikgefäße mit über 100 Keilschriften

Eine besondere wichtige Entdeckung sind fünf Keramikgefäße, in denen ein Archiv aus über 100 Keilschrifttafeln untergebracht war. Sie datieren in die mittelassyrische Zeit, kurz nach der Erdbebenkatastrophe, die die Stadt heimgesucht hatte. Einige Tontafeln, bei denen es sich vielleicht um Briefe handelt, stecken sogar noch in ihren Umschlägen aus Ton. Von dieser Entdeckung erhoffen sich die Forscher*innen wichtige Aufschlüsse über das Ende der Mittani-zeitlichen Stadt und den Beginn der assyrischen Herrschaft in dieser Region. „Dass die Keilschrifttafeln aus ungebranntem Ton so viele Jahrzehnte unter Wasser überdauert haben, grenzt an ein Wunder“, sagt Pfälzner.

Konservierungsmaßnahme, um Schäden durch Stausee zu verhindern

Um weitere Schäden an der bedeutenden Ruinenstätte durch den Stausee abzuwenden, wurden die ausgegrabenen Gebäude im Rahmen einer von der Gerda Henkel-Stiftung finanzierten umfangreichen Konservierungsmaßnahme vollständig mit enganliegender Plastikfolie umkleidet und mit Kiesschüttungen bedeckt. Dadurch sollen die Mauern aus ungebranntem Lehm und eventuelle weitere in den Ruinen noch verborgene Funde vor dem Wasser geschützt werden. Inzwischen ist der Fundort wieder vollständig überflutet.

Quelle:

Bastian Strauch, Hochschul- und Wissenschaftskommunikation

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

In eigener Sache / Leserreise Troja

Die „Bild der Wissenschaft“ bietet eine Leserreise zum Thema „Auf den Spuren Heinrich Schliemanns an“ (1. bis 11. Oktober 2022). Die Spurensuche beginnt in Berlin und wird die Teilnehmer von dort aus weiter nach Griechenland und in die Westtürkei führen – unter anderem zu all jenen Orten, die auch Schliemann einst aufgesucht und an denen er seine weltberühmten Entdeckungen zur mykenischen Hochkultur, einer damals längst vergessenen Epoche, gemacht hatte.

Ich selbst werde diese Reise begleiten und vor Ort Schliemann und sein Wirken als Archäologe nahebringen. Alle weiteren Infos zur BdW-Leserreise gibt es hier.

Und wer sich nun fragt, wer Heinrich Schliemann überhaupt ist: In der Juni-Ausgabe der Bild der Wissenschaft ist ein Beitrag von mir über Schliemann und seine archäologischen Leistungen erschienen.

Die Ausbreitung der Hausratte war eng mit den Römern verknüpft

Neue DNA-Analysen haben Aufschluss darüber gegeben, wie sich die Hausratte, die unter anderem für die Ausbreitung des Schwarzen Todes mitverantwortlich gemacht wird, in Europa ausbreitete. Sie zeigen, dass das Nagetier unseren Kontinent in der Römerzeit und im Mittelalter gleich zweimal besiedelte. Die Studie, die von der University of York und der University of Oxford in Zusammenarbeit mit den Max-Planck-Instituten für Menschheitsgeschichte (Jena) und für evolutionäre Anthropologie (Leipzig) durchgeführt wurde, untersucht erstmals altes Erbgut dieser Spezies, die unter anderem auch als Schiffsratte bekannt ist.

Die Hausratte (Rattus rattus) gehört zusammen mit der Hausmaus (Mus musculus) und der Wanderratte (Rattus norvegicus) zu den drei Nagetierarten, die sich an das Leben in menschlichen Siedlungen angepasst und sich menschliche Nahrungsquellen und Transportmöglichkeiten zunutze gemacht haben. So ist es ihnen gelungen, sich weltweit zu verbreiten. In Europa war die Hausratte bis zum 18. Jahrhundert weit verbreitet, bevor ihre Population stark zurückging – höchstwahrscheinlich wurde sie von der neu eingewanderten Wanderratte verdrängt, der heute dominierenden Rattenart im gemäßigten Klima Europas.

Durch die Analyse der Genome alter Hausratten, deren Überreste bei archäologischen Ausgrabungen in Europa und Nordafrika gefunden wurden und die den Zeitraum vom ersten bis zum 17. Jahrhundert umspannen, haben die Forschenden neue Erkenntnisse darüber gewonnen, wie sich die Rattenpopulationen im Zuge des menschlichen Handels, der Urbanisierung und der Entstehung von Weltreichen ausbreiteten. Die Studie zeigt, dass die Hausratte Europa mindestens zweimal besiedelte: einmal zur Zeit der römischen Expansion, danach noch einmal im Mittelalter. Der Rückgang bzw. das Verschwinden der Ratten im frühen Mittelalter ist auch durch archäologische Funde belegt. Den Autorinnen und Autoren zufolge hing dies wahrscheinlich mit dem Zusammenbruch des römischen Wirtschaftssystems zusammen. Aber auch klimatische Veränderungen und die Justinianische Pest im sechsten Jahrhundert könnten eine Rolle gespielt haben. Als die Städte und der Fernhandel im Mittelalter wiederauflebten, kam es auch zu einer erneuten Ausbreitung der Hausratte.

Wiederholte Besiedlung Europas

„Wir wissen seit langem, dass die Ausbreitung von Ratten mit menschlichen historischen Ereignissen zusammenhängt und haben vermutet, dass die römische Expansion die Ratten nordwärts nach Europa gebracht haben könnte“, sagt David Orton von der University of York. „Aber ein bemerkenswertes Ergebnis unserer Studie ist, dass es sich dabei um ein einzelnes Ereignis zu handeln scheint: Alle unsere römischen Rattenknochen von England bis Serbien bilden genetisch gesehen eine einzige Gruppe.“ Er fügt hinzu: „Als die Ratten im Mittelalter wiederauftauchen, sehen wir eine völlig andere genetische Signatur – aber auch hier bilden alle unsere Proben von England über Ungarn bis Finnland eine einzige Gruppe. Einen deutlicheren Beweis für die wiederholte Besiedlung Europas hätten wir uns nicht wünschen können.“ „Die heutige Dominanz der Wanderrate hat die faszinierende Geschichte der Hausratte in Europa überblendet. Die genetischen Signaturen früher Hausratten zeigen aber, wie eng die Populationsdynamik dieser Tiere mit der des Menschen verbunden ist“, sagen Co-Autor Greger Larson und Co-Autorin Alex Jamieson von der University of Oxford.

Nach Ansicht der Autorinnen und Autoren könnte die Studie sogar Aufschluss über die Migrationswege des Menschen über die Kontinente hinweg geben. „Diese Studie ist ein großartiges Beispiel dafür, wie der genetische Hintergrund von Arten wie der Hausratte, die im Umkreis menschlicher Siedlungen leben, menschliche historische oder ökonomische Ereignisse widerspiegeln kann. Wir können noch viel von diesen häufig nicht für wichtig befundenen kleinen Tieren lernen“, sagt He Yu, Forscherin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Quelle:

Sandra Jacob, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

Alte DNA beleuchtet Ursprünge der Awaren

Die Awaren beherrschten fast 250 Jahre lang weite Teile Mittel- und Osteuropas. Als belegt gilt, dass sie im sechsten Jahrhundert unserer Zeit aus Zentralasien kamen, doch ihre Herkunft blieb antiken Autoren und modernen Historikern gleichermaßen ein Rätsel. Nun hat ein Forschungsteam bestehend aus Genetikern, Archäologen und Historikern die ersten alten Genome aus den bedeutendsten Stätten der Awaren-Elite aus dem heutigen Ungarn untersucht. Die Studie verortet den genetischen Ursprung der Awaren-Elite in einer weit entfernten Region Ost-Zentralasiens und liefert direkte genetische Belege für eine der größten und schnellsten Fernmigrationen der frühen Menschheitsgeschichte.

In den 560er Jahren errichteten die Awaren im Karpatenbecken ein Reich, welches mehr als 200 Jahre lang bestand – doch trotz zahlreicher wissenschaftlicher Debatten blieb unklar, woher sie ursprünglich stammten. Man kennt sie vor allem aus historischen Quellen ihrer Feinde, der Byzantiner, die sich nach dem plötzlichen Auftauchen der furchterregenden Awaren-Krieger in Europa gewundert hatten, woher diese ursprünglich kamen. Stammten sie aus dem Rouran-Khaganat in der mongolischen Steppe, welches damals gerade von den Türken zerstört worden war, oder sollte man den damaligen Türken glauben, die ein solch prestigeträchtiges Erbe entschieden bestritten?


Derecske-Bikás-dűlő, Grab Nr. 1341/1503 (Déri Museum, Debrecen). © Szilvia Döbröntey-David


Historiker haben sich gefragt, ob es sich um eine gut organisierte Migrantengruppe oder um Geflüchtete handelte. Die archäologische Forschung fand zahlreiche Parallelen in Form von Funden aus dem Karpatenbecken und eurasischen Nomadenartefakten (Waffen, Gefäße, Pferdegeschirr) – beispielsweise ein halbmondförmiges Pektorale aus Gold, das als Machtsymbol diente. Bekannt ist ebenfalls, dass die Awaren den Steigbügel in Europa eingeführt haben. Bislang war es Forschenden jedoch nicht gelungen, ihre Herkunft aus den weiten eurasischen Steppen nachweisen.

Ein multidisziplinäres Team, bestehend aus Forschenden des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, der ELTE-Universität und des Instituts für Archäogenomik in Budapest, der Harvard Medical School in Boston, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und des Institute for Advanced Study in Princeton, analysierte in dieser Studie das Erbgut von 66 Individuen aus dem Karpatenbecken. Darunter befanden sich die acht reichsten jemals entdeckten Awaren-Gräber, die mit Goldgegenständen überfüllt waren, sowie weitere Personen, die vor und während der Awaren-Zeit in derselben Region gelebt hatten. „In unserer Studie sind wir einem 1400 Jahre alten Rätsel auf der Spur: Wer waren die awarischen Eliten, die geheimnisvollen Begründer eines Reiches, welches Konstantinopel fast vernichtete und mehr als 200 Jahre lang das Gebiet des heutigen Ungarn, Rumänien, der Slowakei, Österreich, Kroatien und Serbien beherrschte?“, sagt Johannes Krause, Hauptautor der Studie.

Die schnellste Fernmigration der Menschheitsgeschichte

Die Awaren selbst hinterließen keine schriftlichen Aufzeichnungen über ihre Geschichte, doch erste genomweite Daten liefern nun zuverlässige Hinweise auf ihre Herkunft. „Wenn wir die archäogenetischen Ergebnisse in den historischen Kontext bringen, können wir den Zeitpunkt der Awaren-Wanderung eingrenzen. Sie legten in wenigen Jahren mehr als 5000 Kilometer zurück – von der Mongolei zum Kaukasus – und ließen sich weitere zehn Jahre später im heutigen Ungarn nieder. Es handelt sich hierbei um die schnellste bisher rekonstruierte Fernmigration der Menschheitsgeschichte“, erklärt Co-Autor Choongwon Jeong.


Rekonstruktion eines berittenen Awaren-Kriegers in Rüstung. © Ilona C. Kiss


„Neben ihrer eindeutigen genetischen Affinität zu Nordostasien und ihrer durch den Fall des Rouran-Khaganats naheliegenden Herkunft, deuten weitere 20 bis 30 Prozent des Erbguts der Awaren-Elite des 7. Jahrhunderts auf eine zusätzliche nicht-lokale Abstammung hin“, ergänzt Erstautor Guido Gnecchi-Ruscone. „Dieser Anteil steht möglicherweise in Verbindung mit dem Nordkaukasus und der westasiatischen Steppe und könnte auf ein weiteres Migrationsereignis nach deren Ankunft im 6. Jahrhundert hindeuten.“

Die ostasiatische Abstammung konnte in Individuen mehrerer Fundstätten innerhalb des Kernsiedlungsgebiets zwischen Donau und Theiß im heutigen Zentralungarn nachgewiesen werden. Außerhalb ihres Hauptsiedlungsgebiets fanden die Forschenden jedoch eine hohe Variabilität zwischen verschiedenen Individuen hinsichtlich ihrer Abstammung – insbesondere in der südungarischen Fundstätte Kölked. Dies deutet darauf hin, dass die eingewanderte Awaren-Elite mithilfe einer heterogenen lokalen Elite über eine genetisch sehr diverse Bevölkerung herrschte.

Diese spannenden Ergebnisse zeigen das große Potential einer Zusammenarbeit zwischen Genetikern, Archäologen, Historikern und Anthropologen bei der Erforschung der Völkerwanderung im ersten Jahrtausend unserer Zeit.

Quelle:

Sandra Jacob, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

Die farbigen Skelette von Çatalhöyük

Ein internationales Team mit Forschenden der Universität Bern liefert neue spannende Erkenntnisse darüber, wie die Bewohner der «ältesten Stadt der Welt» in Çatalhöyük (Türkei) ihre Toten bestatteten. Deren Knochen wurden teilweise bemalt, mehrmals ausgegraben und wieder bestattet. Die Erkenntnisse geben einen Einblick in die Begräbnisrituale einer faszinierenden Gesellschaft, die vor 9000 Jahren lebte.

Çatalhöyük in Zentralanatolien, Türkei, ist eine der bedeutendsten archäologischen Stätten im Nahen Osten mit einer neolithischen (jungsteinzeitlichen) Besiedlung. Diese geht auf die Zeit von vor zwischen 9000 und 8000 Jahren zurück. Die Siedlung, die als älteste Stadt der Welt bekannt ist, erstreckt sich über eine Fläche von 13 Hektar und weist eine dichte Ansammlung von Lehmziegelgebäuden auf. In den Häusern von Çatalhöyük finden sich die archäologischen Spuren von Begräbnisritualen mit Skeletten, die Spuren von Farbstoffen tragen, sowie dazugehörige Wandmalereien.

Skelett eines Mannes, verstorben im Alter zwischen 35 und 50 Jahren, mit Zinnoberbemalung auf dem Schädel (© Marco Milella).


Der Zusammenhang zwischen der Verwendung von Farbstoffen und symbolischen Handlungen ist bei vielen menschlichen Gesellschaften dokumentiert. Im Nahen Osten waren Pigmente in Begräbnis- und auch architektonischen Kontexten ab der zweiten Hälfte des 9. und 8. Jahrtausends v. Chr. besonders häufig. Die archäologischen Stätten des Nahen Ostens, die auf die Jungsteinzeit zurückgehen, haben eine Vielzahl von Belegen für komplexe, oft rätselhafte symbolische Handlungen geliefert. Dazu gehören das Ausgraben und erneute Bestatten von Toten, das Weiterreichen von Skelettteilen, wie zum Beispiel Schädeln, in der Gemeinschaft, sowie die Verwendung von Pigmenten sowohl auf Knochen als auch auf Hauswänden, die in Zusammenhang mit den Begräbnissen stehen.

Eine Studie, die kürzlich von einem internationalen Forschungsteam mit Berner Beteiligung in der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlicht wurde, liefert die erste detaillierte Analyse der Verwendung von Pigmenten bei Bestattungen und an den Wänden der Bestattungsräume in dieser wichtigen neolithischen Stätte. Dr. Marco Milella, Hauptautor der Studie von der Abteilung für Physische Anthropologie am Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern, erklärt: «Wir zeigen erstmals Zusammenhänge zwischen Bestattungsritualen, Wohnbereichen und der Verwendung von Farbstoffen in dieser faszinierenden Gesellschaft.»

Eine Zeitreise in eine Welt der Farben, Häuser und Toten

Marco Milella war Teil des anthropologischen Teams, das die menschlichen Überreste der Stätte ausgegraben und untersucht hat. Seine Arbeit bestand hauptsächlich darin, Tote vergangener Gesellschaften zum «Sprechen» zu bringen. Alter und Geschlecht der Verstorbenen festzustellen, das Vorhandensein von Gewaltverletzungen oder einer speziellen Behandlung der Leiche zu überprüfen und «Skeletträtsel» zu lösen, gehören zum normalen Alltag in der Abteilung Anthropologie des Berner Instituts für Rechtsmedizin.

Die Forschenden wiesen nach, dass roter Ocker das am häufigsten verwendete Pigment in Çatalhöyük war und dass der Farbstoff auf den Körpern von mehreren Erwachsenen und Kindern beider Geschlechter zu finden war, während Zinnober und blaues sowie grünes Pigment eher bei Erwachsenen verwendet wurde. In einem Gebäude scheint die Zahl der Bestattungen interessanterweise mit der Zahl der nachfolgenden Schichten von Wandmalereien zusammenzuhängen. Dies deutet laut den Forschenden stark auf einen kontextuellen Zusammenhang zwischen der Bestattung und dem Auftragen von Farbstoffen im Wohnbereich hin. «Das heißt: Bei jeder Bestattung wurden auch die Wände des Hauses bemalt», sagt Milella. Zudem blieben in Çatalhöyük einige Verstorbene quasi Teil der Gemeinschaft: Teile ihres Skeletts wurden wieder ausgegraben und eine Zeit lang weitergereicht, bevor sie erneut bestattet wurden. Diese zweite, manchmal auch dritte Bestattung von Skelettteilen wurde ebenfalls von Wandmalereien begleitet.

Neolithische Geheimnisse

Nur eine Auswahl von Individuen wurde mit Farbstoffen bestattet, und nur ein Teil dieser Individuen blieb mit ihren weitergereichten Gebeinen Teil der Gemeinschaft. «Die Kriterien für die Auswahl dieser Individuen sind bislang unbekannt. Unsere Studie zeigt, dass diese Auswahl nicht mit dem Alter oder dem Geschlecht zusammenhängt», erklärt Milella. Klar sei jedoch, dass vor 9000 Jahren visuelle Ausdrucksformen, rituelle Handlungen und symbolische Assoziationen Elemente einer gemeinsamen soziokulturellen Praktik waren.

Quelle:

Nathalie Matter, Media Relations

Universität Bern

7000 Jahre altes Getreide verrät Ursprung der Schweizer Pfahlbauten

Nirgendwo sonst sind so viele jungsteinzeitliche Pfahlbausiedlungen bekannt wie rund um die Alpen. Wie dieser spezielle Bauboom seinen Anfang nahm, ist jedoch rätselhaft. Forschende der Universität Basel haben nun neue Hinweise aufgedeckt: Eine Hauptrolle könnten Siedler am Varese-See in Norditalien gespielt haben.

Als Arbeiter Mitte des 19. Jahrhunderts die erste Pfahlbausiedlung am Zürichsee entdeckten, nahm ein ganzer archäologischer Forschungszweig seinen Anfang. Mittlerweile gehören 111 Pfahlbaudörfer im Alpenraum zum UNESCO-Weltkulturerbe. Woher diese einzigartige Bauweise kam, war bisher jedoch unklar. Fachkreise gingen bis vor einigen Jahren davon aus, dass es sich um ein lokales Phänomen handelte.


Überreste von Nutzpflanzen aus der Jungsteinzeit – hier Nacktgerste und Nacktweizen – deuten auf Verbindungen zwischen geografisch weit entfernten Siedlungen hin. (Foto: Raül Soteras)


Forschende um Prof. Dr. Ferran Antolín vom Fachbereich Integrative Prähistorische und Naturwissenschaftlichen Archäologie (IPNA) der Universität Basel liefern nun jedoch neue Hinweise, wie die Pfahlbaukultur in die Gebiete nördlich der Alpen kam. Prähistorische Pflanzenreste aus einer Siedlung vom Lago di Varese in Norditalien weisen die gleiche Zusammensetzung auf wie die Nutzpflanzen der ältesten Schweizer Pfahlbausiedlungen in Zürich und im luzernischen Egolzwil. Davon berichten die Forschenden im «Journal of Archaeological Science: Reports».

Hartweizen, Gerste, Schlafmohn und Flachs

Das Team entnahm Sedimentbohrkerne rund um eine prähistorische Siedlung auf dem Isolino Virginia und datierte die Kulturpflanzen in den Ablagerungen mittels Radiokarbonmethode. Demnach schienen Menschen diese künstlich angelegte Insel bereits 4950 bis 4700 v. Chr. ihr Zuhause zu nennen. Die ältesten bekannten Pfahlbausiedlungen der Schweiz datieren auf ca. 4300 v. Chr.

Durch Vergleiche mit der Referenzsammlung des IPNA konnten die Archäobotanikerinnen und -botaniker die Zusammensetzung des rund 7000 Jahre alten Pflanzenmaterials aus dieser frühesten Besiedlungsphase auf dem Isolino Virginia identifizieren: Nacktweizen (Hartweizen), Nacktgerste, Schlafmohn und Flachs. Die gleichen Pflanzenarten, wie sie auch die Bewohnerinnen und Bewohner der ältesten Schweizer Pfahlbausiedlungen anbauten.

Verbindung zum westlichen Mittelmeerraum

Diese Pflanzenarten sind allerdings untypisch für die damalige nordostitalienische Bevölkerung, deren Landwirtschaft sich auf den Anbau von Spelzweizen wie Emmer konzentrierte. Die am Varese-See gefundenen Nutzpflanzen wurden eher im westlichen Mittelmeerraum angebaut. Daraus schlussfolgerte das Forschungsteam, dass die Siedlung auf dem Isolino Virginia wohl von Gruppen gegründet wurde, die aus dem westlichen Mittelmeerraum stammten oder mit diesem durch Handel eng verbunden waren. «Diese Gruppen spielten wahrscheinlich eine Hauptrolle bei der Ausbreitung des Pfahlbauphänomens nördlich der Alpen», sagt der Archäobotaniker Antolín.

Die Zeit zwischen 4700 v. Chr., als die Siedlung auf dem Isolino Virginia temporär aufgegeben wurde, und 4300 v.Chr., als die ersten Pfahlbaudörfer nördlich der Alpen entstanden, bleibt mit offenen Fragen behaftet. Andere archäologische Nachweise, etwa weitere Siedlungen, könnten noch unentdeckt geblieben oder verloren gegangen sein, vermuten die Forschenden.

Zudem zeigt die laufende Forschung, dass es auch in anderen Gebieten Europas eine Fülle von Zeugnissen prähistorischer Pfahlbauten gibt, wie etwa auf dem zentralen Balkan. Auch hier beteiligt sich das Team der Universität Basel an der Erforschung der jungsteinzeitlichen Pfahlbausiedlungen. Diese Stätten weisen jedoch eine andere landwirtschaftliche Tradition auf, sodass eine direkte Verbindung zu den Pfahlbauten der Schweiz unwahrscheinlich scheint.

Der Ursprung der Pfahlbauten bleibe ein komplexes Phänomen, das sich anhand der Überreste der Gebäude selbst kaum klären lasse, so Antolín. «Die Analyse von Überresten der Nutzpflanzen kann hier aber einen wichtigen Beitrag leisten.»

Quelle:

Dr. Angelika Jacobs, Kommunikation

Universität Basel

Rätsel um die Herkunft der Venus von Willendorf gelöst

Die knapp 11 cm hohe Figurine aus Willendorf ist eines der wichtigsten Zeugnisse von beginnender Kunst in Europa. Sie ist aus einem Gestein gefertigt, das als „Oolith“ bezeichnet wird und in Willendorf und Umgebung nicht vorhanden ist. Ein Forschungsteam um den Anthropologen Gerhard Weber von der Universität Wien und die beiden Geologen Alexander Lukeneder und Mathias Harzhauser sowie die Prähistorikerin Walpurga Antl-Weiser vom Naturhistorischen Museum Wien fanden nun mit Hilfe hochauflösender tomographischer Aufnahmen heraus, dass das Material der Venus wahrscheinlich aus Norditalien stammt. Das wirft ein ganz neues Licht auf die bemerkenswerte Mobilität der ersten modernen Menschen südlich und nördlich der Alpen. Die Ergebnisse erscheinen aktuell in Scientific Reports.

Die Venus von Willendorf ist nicht nur in ihrer Machart besonders, sondern auch was ihr Material betrifft. Während andere Venusfiguren meist aus Elfenbein oder Knochen, manchmal auch aus verschiedenen Gesteinen gefertigt sind, wurde für die niederösterreichische Venus Oolith verwendet, einzigartig für solche Kultobjekte. Die 1908 in der Wachau gefundene Figur, zu sehen im Naturhistorischen Museum Wien, konnte bisher nur äußerlich untersucht werden. Erst mehr als 100 Jahre später wendete der Anthropologe Gerhard Weber von der Universität Wien nun eine neue Methode an, um ihr Inneres zu durchleuchten: Micro-Computer-Tomographie. In mehreren Durchgängen erzielten die Wissenschaftler Aufnahmen mit bis zu 11,5 Mikrometer Auflösung – eine Qualität, die man sonst nur im Mikroskop betrachtet. Die erste gewonnene Erkenntnis: „Die Venus sieht im Inneren überhaupt nicht gleichmäßig aus. Eine besondere Eigenschaft, die man benutzen konnte, um ihre Herkunft zu bestimmen“, so der Anthropologe.


Die Original-Venus aus Willendorf. Links: Seitenansicht. (Kern, A. & Antl-Weiser, W. Venus. (Edition-Lammerhuber, 2008))


Zusammen mit den beiden Geologen Alexander Lukeneder und Mathias Harzhauser vom Naturhistorischen Museum Wien, die sich schon früher mit Oolithen beschäftigten, beschaffte das Team Vergleichsproben aus Österreich und Europa und wertete diese aus. Ein aufwändiges Vorhaben: Gesteinsproben von Frankreich bis zur Ostukraine, von Deutschland bis Sizilien wurden dafür besorgt, zersägt und mikroskopiert. Unterstützt wurde das Team vom Land Niederösterreich, das finanzielle Mittel für die zeitintensiven Analysen zur Verfügung stellte.

Inneres gibt auch Aufschluss über Äußeres

Die Tomographie-Daten der Venus zeigten, dass sich die Sedimente im Gestein in verschiedenen Dichten und Größen abgelagert hatten. Dazwischen befanden sich immer wieder kleine Reste von Muscheln und sechs sehr dichte, größere Körner, sogenannte Limonite. Letzteres erklärt die bisher rätselhaften halbkugelförmigen Vertiefungen an der Oberfläche der Venus mit demselben Durchmesser: „Die harten Limonite sind dem Schöpfer der Venus beim Schnitzen vermutlich herausgebrochen“, erläutert Weber: „Beim Venusnabel hat er dann offenbar aus der Not eine Tugend gemacht.“

Venus im fluoreszierendem Licht (Gerhard Weber, Universität Wien)

Eine weitere Erkenntnis: Der Venus-Oolith ist porös, weil sich die Kerne der Millionen Kügelchen (Ooide), aus denen er besteht, aufgelöst hatten. Damit könne man sehr gut erklären, warum der findige Skulpteur gerade dieses Material vor 30.000 Jahren ausgesucht hat: Es ist wesentlich leichter zu bearbeiten. Die Wissenschaftler identifizierten auch einen winzigen, gerade einmal 2,5 Millimeter langen Muschelschalenrest und datierten ihn in die Jurazeit. Damit waren alle anderen potentiellen Lagerstätten des Gesteins aus dem viel späteren Miozän-Erdzeitalter, wie etwa diejenigen im nahegelegenen Wiener Becken, ausgeschlossen.

Ein für damalige Verhältnisse weiter Weg

Auch die übrigen Proben analysierte das Forschungsteam auf ihre Korngrößen. Hunderte, manchmal auch tausende Körnchen wurden mit Bildverarbeitungsprogrammen oder gar manuell markiert und vermessen. Keine der Proben im Umkreis von 200 Kilometern von Willendorf passte auch nur annähernd. Die Analyse zeigte schließlich: Die Proben der Venus waren statistisch nicht zu unterscheiden von Proben eines Ortes aus Norditalien in der Nähe des Gardasees. Das ist bemerkenswert, weil es bedeutet, dass die Venus (oder zumindest ihr Material) eine Reise von südlich der Alpen bis zur Donau nördlich der Alpen angetreten hatte.

„Die Menschen im Gravettian – die damalige Werkzeugkultur – haben günstige Standorte gesucht und bewohnt. Wenn sich das Klima oder die Beutetiersituation geändert haben, sind sie weitergezogen, vorzugsweise entlang von Flüssen“, erklärt Gerhard Weber. So eine Reise könnte auch Generationen gedauert haben.

Einer der beiden möglichen Wege vom Süden in den Norden würde um die Alpen herum und in die Pannonische Tiefebene hineinführen und wurde in Simulationen schon vor einigen Jahren von anderen Forschern beschrieben. Die andere Möglichkeit, um vom Gardasee in die Wachau zu gelangen, würde über die Alpen führen. Ob dies vor mehr als 30.000 Jahren möglich war, ist aufgrund der damals beginnenden Klimaverschlechterung unklar. Eine eher unwahrscheinliche Variante, wenn es damals bereits durchgehende Gletscher gegeben hätte. Der 730 km lange Weg entlang der Etsch, des Inns und der Donau liegt aber – bis auf 35 Kilometer beim Reschensee – immer unter 1.000 Meter Seehöhe.

Mögliche, aber unwahrscheinlichere Verbindung in die Ostukraine

Die Statistik weist eindeutig auf Norditalien als Ursprung des Venus-Ooliths. Dennoch gibt es einen anderen interessanten Ort für den Ursprung des Gesteins. Er liegt in der Ostukraine, mehr als 1.600 Kilometer Luftlinie von Willendorf entfernt. Die dortigen Proben passen nicht so eindeutig wie jene aus Italien, aber besser als alle anderen im Sample. Eine interessante Verbindung dabei: Im nahen Südrussland wurden Venusfiguren gefunden, die zwar einiges jünger sind, aber der in Österreich gefundenen Venus sehr ähnlich sehen. Dass zu dieser Zeit Menschen in Zentral- und Osteuropa miteinander in Verbindung standen, zeigen auch genetische Ergebnisse.

Die spannende Geschichte der niederösterreichischen Venus könnte eine Fortsetzung finden. Nur wenige systematische Untersuchungen haben sich bisher mit der Existenz von frühen Menschen in diesem Zeitrahmen im Alpenraum und mit ihrer Mobilität beschäftigt. Der berühmte „Ötzi“ beispielsweise kommt erst sehr viel später ins Spiel, nämlich vor 5.300 Jahren. „Über diese Venus-Ergebnisse und unser neues Wiener Forschungsnetzwerk Human Evolution and Archaeological Sciences wollen wir, in Zusammenarbeit von Anthropologie, Archäologie und anderen Disziplinen, die frühe Geschichte im Alpenraum weiter klären“, meint Weber abschließend.

Quelle:

Alexandra Frey, Öffentlichkeitsarbeit

Universität Wien

Frühe menschliche Besiedlung der Arabischen Halbinsel weniger vom Klima beeinflusst als bislang angenommen

Ein internationales Forscherteam der Sharjah Archaeology Authority/ Vereinigte Arabische Emirate (VAE) und der Universitäten Tübingen und Freiburg sowie Oxford Brookes/England  um Dr. Knut Bretzke von der Universität Tübingen und Prof. Dr. Frank Preusser vom Institut für Geo- und Umweltnaturwissenschaften der Universität Freiburgbringt neues Licht in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit: Sie zeigen, dass frühsteinzeitliche Menschen zwischen 210.000 und 120.000 Jahren wiederholt am Jebel Faya im heutigen Emirat Shardscha/VAE gesiedelt haben. Das verändert die bisherigen Vorstellungen darüber, wann und wie Menschen auf die Arabische Halbinsel kamen. Die Forschenden haben ihre Erkenntnisse in der aktuellen Ausgabe von Scientific Reports publiziert.

Jebel Faya ist eine der wichtigsten frühsteinzeitlichen paläolithischen Stätten auf der Arabischen Halbinsel. Bei Ausgrabungen im Jahr 2009 wurde eine menschliche Besiedlung aus der Zeit vor 125.000 Jahren festgestellt, was sie zur damals ältesten bekannten menschlichen Stätte in dieser Region machte. Die neuen archäologischen Daten vom Jebel Faya zeigen, dass die dortige menschliche Besiedlung unter unerwarteten klimatischen Bedingungen und deutlich früher als bisher angenommen, erfolgte.

Menschen waren nicht auf günstige Klimabedingungen angewiesen

Bisher gingen Wissenschaftler*innen davon aus, dass die Region während trockener Klimaphasen für prähistorische Menschen unzugänglich war und die Besiedelung auf Perioden mit feuchteren Klimabedingungen beschränkt war. Die neuen Ergebnisse widersprechen dieser Ansicht und zeigen, dass die frühen Menschen weitaus anpassungsfähiger waren als bisher angenommen. Sie waren nicht auf längere Perioden mit günstigen Klimabedingungen angewiesen.

Mithilfe moderner archäologischer, paläoklimatologischer und datierungstechnischer Verfahren konnte das Team vier verschiedene Phasen der menschlichen Besiedlung vor 210-120.000 Jahren rekonstruieren. Das stellt frühere Vorstellungen darüber in Frage, wann Menschen während des Paläolithikums arabische Stätten besiedeln konnten und wann nicht, und eröffnet die Möglichkeit, dass noch weitere Beweise für die Verbreitung des Menschen aus Afrika während trockenerer Phasen gefunden werden könnten.

Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Umwelt neu bewerten

„Für mich persönlich ist es am spannendsten, dass unsere Daten erste Belege für die menschliche Besiedlung der Arabischen Halbinsel vor etwa 170.000 Jahren liefern“, erklärt Bretzke. „Für diesen Zeitraum wird traditionell angenommen, dass er durch extreme Trockenheit gekennzeichnet war, die die Anwesenheit von Menschen verhindert haben muss. Wir glauben, dass das einzigartige Zusammenspiel von menschlicher Verhaltensflexibilität, den mosaikartigen Landschaften Südostarabiens und dem Auftreten kurzer feuchterer Perioden das Überleben dieser frühen Menschengruppen ermöglichte. Um die Einzelheiten dieses Zusammenspiels und die Entwicklung der Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Umwelt zu untersuchen, sind der Jebel Faya und seine Umgebung das Schlüsselgebiet, und ich bin überzeugt, dass wir dort noch weitere Überraschungen erleben werden“.

Prof. Adrian Parker von der Oxford Brookes University, der die Rekonstruktion der Paläoumwelt leitete, stellte fest: „Unsere Daten stellen frühere Annahmen in Frage, wonach die menschliche Besiedlung der Region nur auf genau definierte feuchte Klimaphasen beschränkt war. Bei der Bewertung der menschlichen Besiedlung ist das Verständnis des Umweltkontextes von entscheidender Bedeutung. Die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Mensch, Klima und Umwelt müssen aufgrund der Ergebnisse sorgfältig neu bewertet werden.“

Lumineszenzdatierung elementar für archäologische Forschung


Der Freiburger Geologe Frank Preusser, der die Phasen der menschlichen Besiedlung datierte, ergänzt: „Die Tatsache, dass die Lumineszenzdatierung ermöglicht, den Zeitpunkt der letzten Tageslichtexposition von in Sedimentschichten eingebetteten Quarzkörnern zu bestimmen, hat die archäologische Forschung revolutioniert. Die Studie vom Jebel Faya ist ein weiterer Meilenstein in der Erhellung der komplexen Geschichte unserer Spezies.“

Quelle:

Rimma Gerenstein

Hochschul- und Wissenschaftskommunikation


Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Kinder wurden in der Bronzezeit nach biologischem Geschlecht bestattet

Archäologen und Archäologinnen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften haben eine neue Methode entwickelt, über Peptide im Zahnschmelz das Geschlecht bei bestatteten Kindern festzustellen. Bei einer Untersuchung auf dem frühbronzezeitlichen Gräberfeld Franzhausen I in Niederösterreich konnte das Team nun zeigen, dass bereits Kinder mehrheitlich ihrem biologischen Geschlecht gemäß beigesetzt wurden. Aber es scheint auch Spielraum für Geschlechtsidentität im Lebensverlauf gegeben zu haben.

Ein Team von Wissenschaftler/innen unter der Leitung von Katharina Rebay-Salisbury vom Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat nachgewiesen, dass Kinder schon in der frühen Bronzezeit entsprechend ihres biologischen Geschlechts bestattet wurden. Die strenge binäre Geschlechterideologie, die Menschen in männlich und weiblich einteilte, galt also auch für Kinder, wie die Forscher/innen im Journal of Archaeological Sciences berichten.

Frauen hatten mehr Spielraum

Eine Ausnahme gab es allerdings: Ein Mädchen wurde in einer männertypischen Körperhaltung und Ausrichtung bestattet. „Daraus lässt sich folgern, dass Frauen möglicherweise etwas mehr Spielraum hatten, um Geschlechtergrenzen zu überschreiten und ihr Geschlecht im Verlauf ihres späteren Lebens zu ändern“, so Rebay-Salisbury. Das korreliert auch mit den Zahlen bei Erwachsenen: Bei 2 bis 4 Prozent der Bestatteten zeigt sich, dass sie nicht ihres biologischen Geschlechts gemäß beigesetzt wurden. Auch hier ist das überwiegend bei Frauen der Fall.

Die Untersuchung fand auf einem der größten frühbronzezeitlichen Gräberfelder in Europa statt: Franzhausen I befindet sich im Bezirk St. Pölten und stammt ca. aus der Zeit 2200-1600 v. Chr. Konkret wurde das Geschlecht von 70 Kindern unter 12 Jahren identifiziert und mit geschlechtsspezifischen Bestattungspraktiken verglichen, wie sie bei Erwachsenen gelten: Frauen wurden in Hockerlage auf der rechten Körperseite liegend bestattet, mit dem Kopf nach Süden, Männer auf der linken Körperseite mit dem Kopf nach Norden.

Zahnschmelz verrät biologisches Geschlecht

Bisher war es schwierig, das biologische Geschlecht bei bestatteten Kindern festzustellen, weil sich erst nach der Pubertät die Skelettmorphologie geschlechterspezifisch ausbildet. Es gibt zwar DNA-Analysen, aber diese sind kostenintensiv und vom Erhaltungszustand der Knochen abhängig. Das Team um Archäologin Katharina Rebay-Salisbury, zu dem auch Forschende vom Institut für Analytische Chemie der Universität Wien und der Gerichtsmedizin der Medizinischen Universität Wien gehören, setzte eine revolutionäre neue Methode ein: die Identifizierung geschlechtsspezifischer Peptide im Zahnschmelz durch Nano-Flüssigkeitschromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (nanoLC-MS/MS). Peptide im Zahnschmelz erhalten sich wesentlich besser als DNA in Knochen.

„Diese neue Methode hat das Potenzial, die Anthropologie und Archäologie der Kindheit zu verändern, da geschlechtsspezifische Morbidität und Mortalität, Ernährung und Behandlung von Kindern nun in großem Umfang untersucht werden können“, so Rebay-Salisbury. Weitere Forschungen auf dem Gebiet der Geschlechterarchäologie sollen nun mit Hilfe der neuen peptidbasierten Methode der Geschlechtsbestimmung Erkenntnisse dazu bringen, wie Männer und Frauen in der Vergangenheit zusammenlebten und miteinander in Beziehung standen.

Quelle:

Sven Hartwig, Öffentlichkeit und Kommunikation
Österreichische Akademie der Wissenschaften