Mehr als 18.000 Tonscherben dokumentieren Leben im alten Ägypten

Funde aus dem antiken Athribis dokumentieren Handel, Unterrichtsmaterial und sogar Strafarbeiten von Schülern.

Ägyptologen haben im antiken Athribis mehr als 18.000 beschriftete Tonscherben geborgen – Überreste von Gefäßen ‒, die vor etwa 2000 Jahren als Schreibmaterial dienten. Auf den sogenannten „Ostraka“ sind Namenslisten dokumentiert, Geschäfte mit Lebensmitteln und Alltagsgegenständen und sogar Schriften einer antiken Schule, darunter Strafarbeiten von Schülern. Funde in dieser hohen Menge kommen äußerst selten vor. Die Ostraka wurden bei Grabungen unter Leitung von Professor Christian Leitz vom Institut für die Kulturen des Alten Orients (IANES) der Universität Tübingen geborgen in Kooperation mit Mohamed Abdelbadia und seinem Team vom ägyptischen Ministerium für Tourismus und Antike.

(Die Tempelanlage von Athribis; Foto: Marcus Müller)

In der Antike wurden Tonscherben in großen Mengen als Schreibmaterial genutzt, beschriftet wurden sie mit Tusche und einem Schreibrohr (Kalamus). Eine derart große Menge an Funden ist in Ägypten erst einmal gelungen, in der Arbeitersiedlung Deir el-Medineh, die im alten Ägypten nahe des Tals der Könige in Luxor lag. Die nun geborgenen Ostraka geben vielfältige Einblicke in das Alltagsleben der antiken Siedlung Athribis, knapp 200 Kilometer nördlich von Luxor.

Rund 80 Prozent der Tonscherben sind in Demotisch beschriftet, der gängigen Verwaltungsschrift in der Ptolemäer- und Römerzeit, die sich seit etwa 600 v. Chr. aus dem Hieratischen entwickelt hatte. Zu den zweithäufigsten Funden zählen Ostraka mit griechischer Schrift, das Team stieß aber auch auf Beschriftungen in hieratischer, hieroglyphischer und – weit seltener – koptischer und arabischer Schrift.

Als besondere Kategorie habe man zudem Bildostraka entdeckt, sagt Christian Leitz. „Diese Tonscherben zeigen verschiedene figürliche Darstellungen, darunter Tiere wie Skorpione und Schwalben, Menschen, Götter aus dem naheliegenden Tempel bis hin zu geometrischen Figuren.“

Die Inhalte der Ostraka variieren von der Auflistung verschiedener Namen bis zu Abrechnungen unterschiedlicher Lebensmittel und Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Eine erstaunlich große Anzahl Scherben habe sich einer antiken Schule zuordnen lassen, so das Forschungsteam. „Es gibt Listen von Monatsnamen, Zahlen, Rechenaufgaben, Grammatikübungen und ein sogenanntes Vogelalphabet ‒ jedem Buchstaben wurde ein Vogel zugeordnet, dessen Namen mit diesem Buchstaben begann.“ Eine dreistellige Anzahl an Ostraka enthält zudem Schreibübungen, die das Team als Strafarbeiten einordnet: Die Scherben sind mit den immer gleichen ein oder zwei Zeichen beschrieben, sowohl auf der Vorder- als auch auf der Rückseite.


(Koptische Quittung, ausgestellt von einem Tiberius (wahrscheinlich 6. Jahrhundert); Foto: Athribis-Projekt Tübingen)


Die Tübinger Ägyptologie arbeitet bereits seit 2003 in Athribis, ab 2005 im Rahmen eines 15-jährigen Forschungsprojekts und mit Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Ziel war die Freilegung und Publikation eines großen Tempels, der von Ptolemaios XII., dem Vater der berühmten Kleopatra VII. errichtet wurde. Dieses Projekt ist mittlerweile abgeschlossen, der Tempel ist jetzt für Besucher geöffnet. Das Heiligtum wurde vor etwa 2000 Jahren für die Löwengöttin Repit und ihren Gemahl Min errichtet und wurde nach dem Verbot heidnischer Kulte im Jahr 380 n. Chr. zu einem Nonnenkloster umfunktioniert. Seit dem Frühjahr 2018 wird westlich des Tempels nach einem weiteren Heiligtum gegraben, dabei stieß das Team in den Schuttmassen auf die zahlreichen Ostraka. Die Grabungen dazu werden kontinuierlich fortgesetzt.

Grabungsleiter Marcus Müller steht vor Ort mit zunehmender Tiefe vor immer anspruchsvolleren Aufgaben: Im Westen der Grabungsfläche treten mittlerweile mehrstöckige Gebäude mit Treppen und Gewölben zu Tage, der Rest der Fläche wurde im Lauf der Jahrhunderte mit Schutt aufgefüllt Die Auswertung der Ostraka durch ein internationales Team, zumeist aus Frankreich und Deutschland, koordiniert Sandra Lippert, Forschungsleiterin am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) in Paris. Die Bildostraka werden von Carolina Teotino an der Universität Tübingen erforscht. Die Grabungen werden finanziell unterstützt durch die Gerda-Henkel-Stiftung, der Brunner-Stiftung und der Stiftung Humanismus.

Quelle:

Antje Karbe

Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Neue Langhäuser aus dem 6. Jahrtausend v. Chr. bei Tübingen entdeckt

Nordwestlich von Tübingen-Unterjesingen liegt in der Flur Ammenbühlen, westlich des Enzbachs, eine prähistorische Siedlung. Obwohl die Fundstelle bereits 1926 entdeckt wurde, war mit Ausnahme weniger Lesefunde kaum etwas über das Areal bekannt. Im Zuge aktueller Geländeforschungen konnten nun wichtige Erkenntnisse zur Siedlungsstruktur und Befundsituation gewonnen werden.

Rekonstruktion eines linearbandkeramischen Langhauses (M. Steffen/Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart).

Die Untersuchungen fanden im Rahmen eines gemeinsamen Projekts des Landesamts für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart und der Universität Tübingen statt. Geleitet wurde das Projekt zur Besiedlungsgeschichte des Ammertals während der frühen Jungsteinzeit von Prof. Dr. Raiko Krauß, Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen, und Jörg Bofinger, Leiter des Referats Operative Archäologie am LAD.

„Ziel des Forschungsprojektes ist es, die zeitliche Abfolge der verschiedenen frühneolithischen Siedlungen genauer zu erfassen und mit Hilfe naturwissenschaftlicher Untersuchungen Umweltbedingungen und Lebensweise und damit den Landschaftswandel durch den Beginn der Landwirtschaft im 6. Jahrtausend zu untersuchen “, erläutert Prof. Raiko Krauß.

Studierende des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen beim Freilegen des Hausgrundrisses eines Langhauses aus der zweiten Hälfte des 6. Jahrtausends v. Chr. (Veronika Stein/Universität Tübingen).



Zunächst konnte im Frühjahr 2021 das Siedlungsareal auf einer Fläche von rund sechs Hektar mittels geophysikalischer Messungen durch die Fachfirma Terrana aus Mössingen aufgenommen und erste Hinweise jungsteinzeitlicher Besiedlungsstrukturen kartiert werden. Die Magnetfeldmessungen zeigten, dass die Reste mehrerer der charakteristischen Langhäuser (die Dimensionen von über 30 Metern Länge erreichen können) noch im Boden erhalten sind und einen Siedlungsplatz der sogenannten Linienbandkeramischen Kultur, der frühesten bäuerlichen Bevölkerungsgruppe in Südwestdeutschland im 6. Jahrtausend v. Chr., belegen. Auf dieser Basis gelang es während einer vierwöchigen Grabungskampagne im Frühherbst 2021 unter der örtlichen Leitung von Veronika Stein (Universität Tübingen), Ausschnitte von einem der jungsteinzeitlichen Hausgrundrisse archäologisch zu untersuchen und zu dokumentieren. „Verfärbungen im Boden lassen die Standspuren der ehemaligen Pfosten der Hauskonstruktion erkennen, ebenso wie Gräbchenstrukturen, die als letzte Hinweise auf Wände des Hauses zu deuten sind,“ erläutert Dr. Jörg Bofinger.

Südlich von Entringen sowie nordöstlich von Pfäffingen konnten bereits Hausgrundrisse nachgewiesen werden, die auf linienbandkeramische Dörfer hinweisen. Dank der aktuellen Feldforschungen gelang es nun zweifelsfrei, ein weiteres Dorf mit mehreren Langhäusern beziehungsweise Gehöften der ersten Bauern rund 500 Meter nördlich des heutigen Ammerverlaufs zu lokalisieren. Weitere Untersuchungen wie beispielsweise 14C-Datierungen (Radiokarbonmethode zur Bestimmung des Alters von Funden) oder archäobotanische Analysen werden dazu beitragen, Fragen der absoluten Chronologie und Wirtschaftsweise besser beurteilen zu können.

Quelle:

Dr. Karl Guido Rijkhoek 
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Weinpresse aus der Eisenzeit

Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon

Die Weinpresse in Tell el-Burak (Foto: Ausgrabungsprojekt Tell el-Burak)
Die Weinpresse in Tell el-Burak (Foto: Ausgrabungsprojekt Tell el-Burak)

Wein hatte im Mittelmeergebiet schon in der Eisenzeit eine große Bedeutung. Insbesondere durch die Phönizier, die Bewohner der östlichen Mittelmeerküste, wurde das Getränk beliebt und über ihre Handelswege verbreitet. Nun wurde bei Ausgrabungen im phönizischen Tell el-Burak die erste eisenzeitliche Weinpresse auf dem Gebiet des heutigen Libanon entdeckt – bislang waren keine Anlagen zur Herstellung von Wein in dieser Region bekannt. Den Aufbau der Presse aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. und die verwendeten Baumaterialien haben Dr. Adriano Orsingher und Professor Jens Kamlah vom Biblisch-Archäologischen Institut sowie Dr. Silvia Amicone und Dr. Christoph Berthold vom Competence Center Archaeometry Baden-Württemberg (CCA-BW) der Universität Tübingen gemeinsam mit Professorin Hélène Sader von der American University in Beirut näher untersucht. Sie fanden heraus, dass die Phönizier beim Bau der Weinpresse einen Putz verwendeten, der aus Kalk und gemahlenen recycelten Tonscherben gemischt wurde. Diese Technik zur Herstellung eines Estrichmörtels wurde später von den Römern weiterentwickelt. Die Studie wird in der Fachzeitschrift Antiquity veröffentlicht.

Die Stätte Tell el-Burak wird seit 2001 als libanesisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt archäologisch ausgegraben. Dort konnten die Überreste einer kleinen phönizischen Siedlung aus dem späten achten bis in die Mitte des vierten Jahrhunderts v. Chr. freigelegt werden. Wahrscheinlich wurde die Siedlung zur Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten von der nahe gelegenen Stadt Sidon aus gegründet. Tell el-Burak war südwestlich und südöstlich von einer 2,5 Meter breiten Terrassenmauer eingegrenzt. „Südlich einer dieser Mauern haben wir eine gut erhaltene Weinpresse entdeckt. Sie war am Hang des Hügels angelegt worden“, berichten die Autoren.

Wasserresistentes und widerstandsfähiges Material

Analysen des Tübinger CCA-BW im Rahmen des Sonderforschungsbereichs RessourcenKulturen (1070) lieferten nun neue Daten zur Zusammensetzung und Technologie der eisenzeitlichen Kalkputzherstellung, aus dem auch die Weinpresse besteht. „Einen qualitativ guten Kalkputz herzustellen war aufwendig“, sagen die Autoren. „Die Phönizier haben die Technik weiterentwickelt, indem sie recycelte Keramikscherben verwendeten. Damit ließ sich besser und zugleich stabiler bauen.“ Im südlichen Phönizien habe sich eine lokale und innovative Tradition der Putzherstellung entwickelt. „Der Putz war wasserresistent und widerstandsfähig. Die Römer haben diese Technologie für den Gebäudebau übernommen.“ Das Forschungsteam will die Bauweise der Weinpresse auch mit zwei weiteren Anlagen in Tell el-Burak vergleichen, die aber auch anderen Zwecken gedient haben könnten.

Rekonstruktion der Weinpresse (Zeichnung: O. Bruderer,
Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Ausgrabungsprojekts Tell el-Burak)



Frühere Forschungen in Tell el-Burak hatten ergeben, dass in der Umgebung des Orts großflächig Trauben angebaut wurden. „Wir gehen davon aus, dass dort für einige Jahrhunderte in großem Stil Wein hergestellt wurde. Für die Phönizier hatte er große Bedeutung, sie nutzten Wein auch in religiösen Zeremonien“, sagen die Autoren. Der frühere Fund einer großen Zahl von Amphoren, die häufig als Transportgefäße genutzt wurden, weise darauf hin, dass die Phönizier den Wein auch handelten. „Die Stadt Sidon lag an Meereshandelsrouten des östlichen Mittelmeergebiets. Phönizier spielten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Weins im Mittelmeergebiet, ihre Tradition des Weinkonsums gaben sie bis nach Europa und Nordafrika weiter.“ Bisher habe es kaum Nachweise für die Weinherstellung in Phönizien gegeben, so Orsingher. „Die neue Entdeckung liefert zahlreiche Hinweise, wie die Weinpioniere das Getränk herstellten.“

Mehr Infos zu der Entdeckung der Weinpresse gibt es hier.

Quelle:

Antje Karbe

Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Entdeckungen zum 2600 Jahre alten unterirdischen Friedhof aus dem alten Ägypten

Deutsch-ägyptisches Team untersucht Grabanlage mit modernsten Methoden und stößt immer wieder auf Überraschungen

Wissenschaftler der Universität Tübingen sind im ägyptischen Sakkara einem 2600 Jahre alten Kult um die Schlangengöttin Niut-schies auf der Spur – mit modernsten chemischen und digitalen Methoden. Bereits seit 2016 erforscht das deutsch-ägyptische Team die ausgedehnte unterirdische Grabanlage rund 20 Kilometer südlich von Kairo. Sarkophage aus sechs Grabkammern seien inzwischen geöffnet, zahlreiche Mumien und Objekte untersucht, sagt Grabungsleiter Dr. Ramadan Badry Hussein. Gemeinsam mit dem ägyptischen Antikenministerium präsentierte er der Öffentlichkeit die jüngsten Ergebnisse.

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Dr. Ramadan Hussein und sein Team verwenden die neuesten Laserscanner- und Photogrammetrieverfahren, um jeden Zentimeter des Grabkomplexes zu kartieren und aufzuzeichnen. (National Geographic/Schattenindustrie)

Wie schon 2018 berichtet, war das Team der Universität Tübingen in Sakkara auf eine gut erhaltene Mumifizierungswerkstatt mit einer Grabanlage aus der 26. Dynastie (ca. 664-525 v.Chr.) gestoßen. Die Grabanlage besteht aus mehreren Grabkammern, die in die Seitenwände eines tiefen Schachtes geschlagen wurden. In 30 Meter Tiefe fanden die Wissenschaftler insgesamt sechs unberührte Grabkammern mit 17 Mumien vor. Nach einem Jahr Ausgrabungsarbeiten und Dokumentation gehen sie davon aus, dass es sich um einen unterirdischen Friedhof für Priester und Priesterinnen handelt: Durch Texte auf Sarkophagen und Särgen habe man die meist weiblichen Mumien als Priester(innen) einer geheimnisvollen Schlangengöttin namens Niut-schies (wörtlich übersetzt: „Die Stätte ihres Sees“) identifiziert, berichtet Hussein. Es gebe Hinweise darauf, dass Niut-schies während der 26. Dynastie eine prominente Göttin wurde, ihr war ein großer Tempel in Memphis, der Verwaltungshauptstadt des alten Ägypten geweiht.

Reiche Grabbeigaben für Priester der Schlangengöttin

Offensichtlich hatten die wirtschaftlichen Einnahmen dieses Tempels den Priesterinnen und Priestern einen hohen sozialen und ökonomischen Status verschafft. Mindestens zwei Generationen von ihnen wurden im gleichen Grabkomplex beigesetzt. Sie erhielten wertvolle Grabbeigaben wie Sarkophage, Holzsärge, sogenannte Kanopen-Krüge aus Alabaster, Statuetten und eine vergoldete Silbermaske.

Die sechste Grabkammer war erst im Jahr 2019 hinter einer unscheinbaren Steinmauer entdeckt worden. Dort war unter anderem eine Frau namens Didibastet beerdigt, die offensichtlich eine herausragende Stellung einnahm: Bei ihr fanden die Wissenschaftler erstmals in einem ägyptischen Grab insgesamt sechs Kanopenkrüge. Üblicherweise bewahrten die alten Ägypter bei der Mumifizierung Lunge, Magen/Milz, Darm und Leber einbalsamiert in vier eigenen Krügen auf, die in der Grabkammer unter dem Schutz der „vier Söhne des Horus“ aufgestellt wurden. Wie die Durchleuchtung der zusätzlichen Krüge per Computertomographie (CT) ergab, enthalten diese ebenfalls menschliches Gewebe. Ein Radiologe arbeitet an der Identifizierung der Organe. Demnach wäre bei Didibastet eine spezielle Form der Mumifizierung angewandt worden, bei der sechs Organe ihres Körpers erhalten blieben.

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3D-Photogrammetrie-Modell der sechsten Grabkammer, in der Didibastet beerdigt wurde – die Priesterin hatte offensichtlich eine besonders privilegierte Stellung. (Saqqara Saite Tombs Project, Matthias Lang/Philippe Kluge)

Eine Besonderheit sind auch die Herkunft einer Priesterin und eines Priesters aus der gleichen Grabkammer: Sie waren möglicherweise Einwanderer, denn ihre Namen, Ayput und Tjanimit, waren in der libyschen Gemeinschaft verbreitet, die sich ab der 22. Dynastie (ca. 943-716 v. Chr.) in Ägypten niederließ. Das alte Ägypten gilt als multikulturelle Gesellschaft, die Einwanderer aus verschiedenen Teilen der antiken Welt aufnahm, darunter Griechen, Libyer und Phönizier.

Maske aus reinem Silber

An weiteren Funden wurden inzwischen detaillierte Analysen durchgeführt, so auch an der vergoldeten Silbermaske, die das Team ebenfalls 2018 präsentiert hatten. Sie bedeckte das Gesicht der Mumie einer Priesterin und gilt als Sensation: Von ihrer Art sind weltweit insgesamt nur drei erhaltene Masken bekannt, die letzte wurde 1939 in Ägypten gefunden. „Durch Röntgenfluoreszenz konnten wir feststellen, dass hier außerordentlich wertvolles Material verwendet wurde“, sagt Hussein. Das Silber weise eine Reinheit von 99,07 Prozent auf, das sei sogar mehr als die üblichen 92,5 Prozent bei einem Sterling Silber.

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Die mit Gold überzogene Silbermaske weist nach Untersuchungen einen Reinheitsgehalt des Silbers von mehr als 99 Prozent auf. (Saqqara Saite Tombs Project, Ramadan Hussein)

Die in Schalen und Töpfen der Mumifizierungswerkstatt konservierten Fette, Öle und Harze werden derzeit von Archäologen und Chemikern der Universität Tübingen, der Ludwigs-Maximilians-Universität München sowie des ägyptischen Nationalen Forschungszentrums in Kairo analysiert. Die Erkenntnisse zeigen, welche Substanzen im alten Ägypten zur Mumifizierung verwendet wurden, darunter Bitumen, Pistazienharz, Bienenwachs und Tierfett. „Diese Funde aus Sakkara ermöglichen einen einmaligen Einblick in die Balsamierungspraktiken der alten Ägypter“, sagt Professor Philipp Stockhammer, Projektpartner an der LMU München. Die Erkenntnisse seien auch für die moderne Anatomie und deren Konservierungspraktiken von Interesse.
Zudem erfassen die Wissenschaftler seit einigen Jahren die gesamte unterirdische Grabanlage mit einer Kombination aus Laserscanning und bildbasierten 3D-Verfahren: So konnte eine hochpräzise 3D-Dokumentation erstellt werden, mit der die räumlichen Zusammenhänge sichtbar wurden.

Ausgrabungen gehen weiter

Die Funde aus Sakkara werden die Forscher noch eine Weile beschäftigen: Aus den Gräbern wurden insgesamt 54 Mumien und Skelette, fünf große Sarkophage, ein Dutzend Kanopenkrüge aus Kalzit (ägyptischer Alabaster) und tausende von Shawabtis-Figuren geborgen. Ab Winter 2020 wollen die Wissenschaftler wieder vor Ort weiterarbeiten. Über die bisherigen Grabungen der Universität Tübingen in Sakkara startet der amerikanische Sender National Geographic ab 12. Mai eine vier-teilige Dokumentation, die ab dem 28. Juni auch in Deutschland ausgestrahlt werden soll.

Weitere Infos der archäologischen Untersuchung gibt es hier.

Quelle:
Antje Karbe
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Neue Kunst aus der Eiszeit

15.000 Jahre alte Frauenfigur im Ostalbkreis geborgen ‒ Tübinger Archäologen präsentieren Fund aus Waldstetten

Archäologen der Universität Tübingen haben ein Fundstück aus der Gemeinde Waldstetten als 15000 Jahre altes Kunstwerk aus der Eiszeit identifiziert. Die Frauenfigur vom Typ Gönnersdorf zeigt gleichzeitig einen stark vereinfachten Frauenkörper und einen Phallus. Figuren dieser Art sind bereits aus Fundstätten in Europa bekannt, erstmals wurde nun ein Exemplar im Ostalbkreis gefunden. In einer Pressekonferenz präsentierten am Mittwoch Professor Harald Floss (Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Universität Tübingen) und sein Team den Fund gemeinsam mit Vertretern der Gemeinde Waldstetten und des „Arbeitskreis Steinzeit Schwäbisch Gmünd“.

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Die Frauenfigur vom Typ Gönnersdorf (Foto: Simon Fröhle)

Geborgen wurde die Figur durch den Amateurarchäologen Adolf Regen. Insgesamt hatte er an die Wissenschaftler ca. 2000 Funde übergeben, von denen ein Teil aus dem Magdalénien stammt, einer Kulturstufe zum Ende der Altsteinzeit (ca. 18000-12000 v. Chr.) und vom Ende der letzten Eiszeit. Die Figur ist knapp sechs Zentimeter groß und besteht aus einem Quarzitgeröll, das so auf der Fundstelle nicht vorkommt. Der Form nach entspricht sie den so genannten Frauenfiguren vom Typ Gönnersdorf, die nach einer Fundstelle am Mittelrhein benannt wurden und stark stilisiert sind: Von der natürlichen Form des Gerölls inspiriert, machen hier nur wenige eingravierte Linien aus einem typisch geformten Stein ein Kunstwerk. Die Darstellung reicht von anatomisch annähernd vollständigen Darstellungen bis hin zu Figuren, die nur aus Rumpf und Gesäß bestehen.

So zeigt der Fund aus Waldstetten nur einen Oberkörper ohne Kopf, einen dominanten Mittelteil mit Gesäß und einen verkürzten Unterkörper im Profil. Mit einer umlaufenden Gravierung im oberen Bereich folgt er zudem einer Tradition der zweigeschlechtlichen Darstellung, die aus der europäischen Eiszeitkunst bekannt ist ‒ die Figur kann gleichzeitig als männliches Geschlechtsteil interpretiert werden.

„Diese Art der Abstrahierung zeichnet die Kunst am Ende der Eiszeit aus. Unser Typ Frauenfigur hat wenig mit den üppigen so genannten Venusfiguren aus der früheren Epoche des Gravettien gemein“, sagte Archäologe Harald Floss. Frauenfiguren des Typs Gönnersdorf folgten in ihrer geografischen Verbreitung der des Magdalénien und fänden sich von den Pyrenäen bis nach Osteuropa. In Süddeutschland kenne man sie zum Beispiel vom Petersfels bei Engen im Hegau. „Die Figur von Waldstetten ist als ein solches Kunstwerk einzuordnen. Dafür sprechen die absolut typische Form, die Lage in einer Konzentration von magdalénienzeitlichen Funden und mehrere umlaufende Gravierungen, die von Menschen angebracht wurden.“

Harald Floss leitet ein archäologisches Großprojekt zur Erforschung des Freilandpaläolithikums in Baden-Württemberg, das vom Landesamt für Denkmalpflege, der baden-württembergischen Förderstiftung Archäologie und dem Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg gefördert wird. Eine Schwerpunktregion ist der Ostalbkreis, der in der Altsteinzeitforschung bislang wenig im Mittelpunkt stand. Durch eine Kooperation mit dem „Arbeitskreis Eiszeit in Schwäbisch Gmünd“ waren Floss und sein Team auf die Fundstelle in Waldstetten aufmerksam geworden. Die Frauenfigur ist erst der zweite Fund eines Eiszeitkunstwerkes im Ostalbkreis, nach der Skulptur einer Dasselfliegenlarve aus Gagat von der Kleinen Scheuer im Rosenstein (Stadt Heubach). Die Waldstettener Funde werden derzeit von den Doktoranden Simon Fröhle und Stefan Wettengl an der Universität Tübingen untersucht. Eine Intensivierung der Forschungen in der Region ist geplant.

Quelle:
Antje Karbe
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Ägyptologen entdecken vergoldete Mumienmaske

Deutsch-ägyptisches Wissenschaftlerteam stellt neue Ergebnisse der Ausgrabungen in Sakkara vor.

Wissenschaftler der Universität Tübingen haben im ägyptischen Sakkara eine vergoldete Mumienmaske aus saitisch-persischer Zeit (664-404 v. Chr.) entdeckt. Wie der Leiter des deutsch-ägyptischen Teams, Dr. Ramadan Badry Hussein, am Samstag berichtete, wurde die Maske in einer ausgedehnten Grabanlage gefunden, die seit 2016 von Tübinger Ägyptologen mit neuesten Methoden untersucht wird. Nach dem Ergebnis einer ersten Untersuchung im Ägyptischen Museum in Kairo besteht die Maske aus Silber und ist teilweise vergoldet. Die Augen wurden als Einlegearbeit mit einem schwarzen Edelstein (möglicherweise Onyx) sowie Calcit und Obsidian ausgeführt.

„Der Fund dieser Maske darf als Sensation gelten“, sagte Hussein: „Nur sehr wenige Masken aus Edelmetall haben sich bis heute erhalten, weil die Mehrzahl der Gräber altägyptischer Würdenträger schon in der Antike geplündert wurden.“ Wie der Leiter des Projekts berichtete, befand sich die wertvolle Maske auf dem Gesicht einer Mumie, die in einem stark beschädigten Holzsarg entdeckt wurde. Die erhalten gebliebene Verzierung des Sarges lässt darauf schließen, dass es sich bei dem Toten um einen Priester der Göttin Mut und der Göttin Niut-schi-es handelte, der zur Zeit der 26. Dynastie lebte. Der Fund wurde am Samstag von Wissenschaftlern und Vertretern des ägyptischen Antikenministeriums der Öffentlichkeit präsentiert.

„Altägyptische Totenmasken aus Gold und Silber sind außerordentlich selten“, sagte Professor Christian Leitz, Leiter der Abteilung für Ägyptologie an der Universität Tübingen: „Belegt sind lediglich zwei weitere vergleichbare Funde aus Privatgräbern, der letzte davon im Jahr 1939.“ Selbst in den ägyptischen Königsgräbern seien von Wissenschaftlern nur sehr wenige Mumienmasken aus Edelmetall gefunden worden. Ein Großteil der Masken sei zuvor bereits von Grabräubern entwendet und anschließend vermutlich eingeschmolzen worden.

Der Grabkomplex, der seit 2016 von Tübinger Ägyptologen untersucht wird, besteht aus mehreren, teils über dreißig Meter tiefen Schachtgräbern. Über einem der Hauptschächte fanden die Wissenschaftler unter anderem die Reste eines rechteckigen Gebäudes aus Lehmziegel und Kalksteinblöcken, das wohl als Werkstatt zum Einbalsamieren der Verstorbenen diente. Innerhalb des Gebäudes fanden sich zwei große Becken, die vermutlich einerseits zur Verarbeitung von Natron zur Trocknung der Körper und andererseits zur Vorbereitung der Leinenbinden für die Mumifizierung dienten. Ebenfalls auf den Prozess der Balsamierung deuten Gefäße hin, die mit den Namen von Ölen und Substanzen beschriftet sind, die für die Mumifizierung notwendig waren.

In den Seitenwänden und am Boden des Schachtes konnten eine ganze Reihe von unberührten Grabkammern entdeckt und geöffnet werden. Neben Mumien und Sarkophagen traten eine Vielzahl von Objekten zu Tage, unter anderem ganze Sätze von leuchtendblauen Fayence Statuetten – den sogenannten Uschebtis und Kanopen aus Alabaster, in denen die Organe der einbalsamierten Toten aufbewahrt wurden.

Bei der Untersuchung der Nekropole von Sakkara setzen die Tübinger Wissenschaftler auf den Einsatz modernster Technologie für die Dokumentation und Erfassung der gesamten Anlage. So ist das eScience-Center der Universität Tübingen unter der Leitung von Dr. Matthias Lang für die vollständige hochpräzise 3D-Dokumentation der Anlage sowie der bedeutenden Objekte verantwortlich. Eine Kombination von Laserscanning und bildbasierten 3D-Verfahren machen die räumlichen Zusammenhänge der räumlich hochkomplexen Gräber erstmals sichtbar und analysierbar.

Weitere Infos zur neu entdeckten Mumienmaske gibt es hier.

Quelle:
Antje Karbe
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Tontafeln lüften Geheimnis

Assyrische Tontafeln aus dem zweiten Jahrtausend v. Chr. ermöglichen erstmals Lokalisierung einer bedeutenden Handelsstadt.

Die Übersetzung eines assyrischen Tontafelarchivs, das Tübinger Archäologen kürzlich entdeckt haben, hat für eine wissenschaftliche Überraschung gesorgt: Bei dem Fundort Bassetki in der Autonomen Region Kurdistan im Irak handelt es sich augenscheinlich um die alte Königsstadt Mardaman. Die bedeutende nordmesopotamische Stadt war bislang aus Quellen bekannt, aber nie lokalisiert worden. Sie bestand von 2200 bis 1200 v. Chr., zeitweise als Königtum oder auch als Provinzhauptstadt, und wurde mehrfach erobert und zerstört.

Die Archäologen des Instituts für die Kulturen des Alten Orients der Universität Tübingen hatten das aus 92 Tontafeln bestehende Archiv im Sommer 2017 ausgegraben. Unter der Leitung von Professor Peter Pfälzner arbeitet das Team gemeinsam mit Dr. Hasan Qasim von der Antikendirektion Duhok in der bronzezeitlichen Stadtanlage von Bassetki. Die Tontafeln stammen aus der Periode des mittelassyrischen Reiches um 1250 v. Chr. In mühevoller Kleinarbeit wurden die kleinen, teils zerbrochenen Täfelchen nun durch Dr. Betina Faist von der Universität Heidelberg gelesen, die als Philologin und Spezialistin für assyrische Sprache an dem Tübinger Projekt mitarbeitet. Sie übersetzte anhand von Fotografien die Texte, die Stück für Stück Licht auf die Geschichte der Region und der Stadt zur Zeit des mittelassyrischen Reiches werfen.

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Freilegung der Tontafeln (Foto: Peter Pfälzner, Universität Tübingen)

Zur Überraschung der Wissenschaftler konnte Faist den Namen des Fundortes als die alte Stadt Mardama identifizieren. Wie die Keilschrifttexte ferner zu erkennen geben, war diese Sitz eines Statthalters des mittelassyrischen Reiches. Damit wird eine neue, bisher nicht bekannte Provinz dieses Reiches greifbar, das sich im 13. Jahrhundert v. Chr. über weite Teile Nordmesopotamiens und Syriens ausdehnte. Sogar der Name des assyrischen Statthalters, Assur-nasir, sowie seine Aktivitäten und Aufgaben werden auf den Tafeln beschrieben. „Damit war plötzlich klar, dass wir mit unseren Ausgrabungen auf den assyrischen Gouverneurspalast gestoßen sind“, sagt Archäologe Pfälzner.

Gleichzeitig ist es für das Wissenschaftlerteam nun möglich, die Stadt zu lokalisieren, die in altbabylonischen Quellen um 1800 v. Chr. mit dem Namen Mardaman bezeichnet wird und dem assyrischen Mardama entsprechen dürfte. Den Quellen zufolge war sie Sitz eines Königtums, das von einem der mächtigsten Herrscher der damaligen Zeit, Schamschi-Adad I., im Jahr 1786 v. Chr. erobert und seinem obermesopotamischen Reich einverleibt wurde. Allerdings wurde die Stadt wenige Jahre später wieder zu einem selbständigen Königtum unter einem hurritischen Herrscher namens Tisch-ulme. Dieser neuen Blüte folgte ein Rückschlag, als die Stadt um 1769/1768 v. Chr. von den Turukkäern zerstört wurde, einem Bergvolk aus dem nördlich angrenzenden Zagrosgebirge. „Aus den Keilschrifttexten und durch die Ausgrabungsergebnisse in Bassetki wird nun deutlich, dass dies nicht das Ende bedeutete“, sagt Pfälzner. „Die Stadt existierte kontinuierlich weiter und erlebte eine letzte Blüte als mittelassyrischer Gouverneurssitz zwischen 1250 und 1200 v. Chr.“

Die Geschichte Mardamans lässt sich sogar in die frühen Perioden Mesopotamiens zurückverfolgen. In den Quellen der Dritten Dynastie von Ur, ca. 2100–2000 v. Chr., erscheint es als wichtige Stadt an der nördlichen Peripherie des mesopotamischen Reiches. Die älteste Quelle reicht zurück in die Zeit des Akkadischen Reiches, das als erstes Großreich der Geschichte gilt. Sie erwähnt, dass die Stadt bereits um 2250 v. Chr. von Naram-Sin, dem mächtigsten Herrscher der akkadischen Dynastie, ein erstes Mal zerstört wurde.

„Der Tontafelfund aus Bassetki liefert einen wichtigen neuen Beitrag zur Geographie Mesopotamiens“, erläutert die Assyriologin Betina Faist. Möglicherweise könne sich mit diesem Puzzleteil die Lage weiterer früher Städte Mesopotamiens rekonstruieren lassen, sagt Pfälzner. „Mardaman wurde sicherlich auf Grund seiner Position an den Handelswegen zwischen Mesopotamien, Anatolien und Syrien zu einer bedeutenden Stadt und einem regionalen Königtum. Bisweilen war sie gar ein Widersacher der großen mesopotamischen Reiche. Folglich lassen sich von den geplanten weiteren Ausgrabungen der Universität Tübingen in Bassetki sicherlich noch viele spannende Entdeckungen erwarten.“

Weitere Infos zu den Tontafeln aus Bassetki gibt es hier.

Quelle:
Antje Karbe
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Keilschriften entdeckt

93 Texttafeln in assyrischer Sprache aus dem zweiten Jahrtausend v. Chr. warten auf Entzifferung.

In der Region Kurdistan im Norden des Irak haben Archäologen des Instituts für die Kulturen des Alten Orients der Universität Tübingen unter der Leitung von Professor Peter Pfälzner bei ihren Ausgrabungen in der alten Stadt Bassetki überraschende Entdeckungen gemacht: Sie stießen unter anderem auf ein Keilschriftarchiv mit 93 Tontafeln, das sie in die Zeit um 1250 v. Chr. datieren, die Periode des mittelassyrischen Reiches. Was auf den Texttafeln festgehalten ist, bleibt vorerst ein Geheimnis. Sie müssen entziffert werden, was nach Einschätzung der Forscher aufwendig und langwierig werden könnte.

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Bassetki (Irak-Kurdistan) 2017: Blick in das Keramikgefäß mit den assyrischen Keilschrifttafeln.
Foto: Peter Pfälzner, Universität Tübingen

Die bronzezeitliche Stadtanlage von Bassetki wurde erst 2013 bei Geländeforschungen im Rahmen des Tübinger Sonderforschungsbereiches „RessourcenKulturen“ (SFB 1070) entdeckt. Die Tübinger Archäologen konnten ihre Arbeiten in diesem Jahr auch im September und Oktober ungestört fortsetzen, trotz der Turbulenzen um das kurdische Unabhängigkeitsreferendum und der heftigen Reaktionen der umliegenden Regierungen. In den vergangenen Monaten legten die Forscher Siedlungsschichten aus der Frühen, Mittleren und Späten Bronzezeit sowie der nachfolgenden Assyrischen Periode frei. „Die Funde belegen, dass dieses frühe städtische Zentrum in Nordmesopotamien jahrhundertelang, von ca. 3000 bis 600 v. Chr., nahezu ununterbrochen besiedelt war. Dies weist auf eine herausgehobene Bedeutung Bassetkis an wichtigen alten Handelsrouten hin“, sagt Peter Pfälzner.

Schicht aus der Zeit des wenig erforschten Mittani-Reiches

Erstmals kam an diesem Ort nun auch eine Schicht aus der Zeit des noch wenig erforschten Mittani-Reichs (ca. 1550 – 1300 v. Chr.) zu Tage. Zwei in dieser Schicht gefundene mittanische Keilschrifttafeln berichten von intensiven Handelsaktivitäten der Bewohner der Stadt um die Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr., die wohl durch ihre Lage an den Handelswegen von Mesopotamien nach Anatolien und Syrien florierte.

In der darauffolgenden Periode des mittelassyrischen Reiches erlebte die Stadt eine neue Blüte. Die Forscher aus Tübingen, die in Kooperation mit Dr. Hasan Qasim von der Antikendirektion der Region Dohuk arbeiten, entdeckten ein Keilschriftarchiv mit 93 Tontafeln aus dieser Zeit, das um 1250 v. Chr. zu datieren ist. Alleine 60 dieser beschriebenen Tontafeln waren in einem Keramikgefäß nie-dergelegt, welches wohl zur Archivierung der Texte diente. Das Gefäß fanden die Ausgräber in einem zerstörten Raum eines mittelassyrischen Gebäudes; dort war es zusammen mit zwei weiteren Gefäßen mit einem dicken Lehmmantel umhüllt worden. „Das Gefäß wurde möglicherweise auf diese Weise versteckt, unmittelbar nachdem das umgebende Gebäude zerstört worden war. Vielleicht sollten die enthaltenen Informationen geschützt und für die Nachwelt aufbewahrt werden“, erläutert Peter Pfälzner. Es ist allerdings noch nicht klar, ob es sich um wirtschaftliche Aufzeichnungen, juristische oder religiöse handelte. „Ein kleines Fragment einer Tontafel hat unsere Philologin Dr. Betina Faist bereits entziffert. Dort wird ein Tempel der Göttin Gula erwähnt, sodass möglicherweise ein religiöser Kontext in Betracht zu ziehen ist“, sagt der Wissenschaftler.

Die Entzifferung: Eine große Herausforderung

Vor Ort haben die Wissenschaftler die Tontafeln mit modernen computergestützten Fotografie-Methoden aufgenommen, aus denen Texturbilder mit veränderbarer Lichtquelle entstehen. Die aufwendige Arbeit des Lesens und Übersetzens der 93 Keilschrifttafeln in assyrischer Sprache beginnt allerdings erst jetzt in Deutschland, nach Rückkehr des Teams aus dem Irak. Da viele der Tontafeln ungebrannt und stark abgerieben sind, stellt die Entzifferung eine große Herausforderung dar und wird lange Zeit in Anspruch nehmen. Peter Pfälzner hofft, dass sich aus den Texten zahlreiche neue Kenntnisse über die Geschichte, Gesellschaft und Kultur dieser bisher kaum erforschten Region Nordmesopotamiens im zweiten Jahrtausend v. Chr. ablesen lassen werden.

Mehr Infos zu der Entdeckung der Keilschriften gib es hier.

Quelle:
Dr. Karl Guido Rijkhoek
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Perlenfunde aus Eiszeithöhlen

Universität Tübingen und Urgeschichtliches Museum Blaubeuren präsentieren 42.000 Jahre alten Schmuck aus Mammutelfenbein: Herstellung und Tragen waren wohl nur auf der Schwäbischen Alb Tradition.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Tübingen und des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP) an der Universität Tübingen haben in den Weltkulturerbe-Höhlen des Achtals und Lonetals Perlen aus Mammutelfenbein gefunden, die in ihrer Machart bislang ausschließlich auf der Schwäbischen Alb vorkommen. Am Fundort Hohle Fels bei Schelklingen im Achtal wurden zudem Perlenformen ausgegraben, die gänzlich einmalig für diese Höhle zu sein scheinen.

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Die dreifach durchlochten Perlen aus Mammutelfenbein wurden bisher nur im Hohle Fels gefunden. Foto: Hildegard Jensen / Universität Tübingen

„Diese Schmuckstücke sind wichtig für die Entwicklung unserer Art: neben Kunst und Musikinstrumenten dokumentieren sie als symbolische Artefakte die frühesten Schmuckfunde in dreidimensionaler Formgebung aus Elfenbein.
Sie unterstreichen die gemeinsame Kultur und soziale Einheit der Menschen im Ach- und Lonetal, die neue Formen systematisch produziert haben – eventuell als Ausdruck einer Konkurrenz-Situation zum Neandertaler oder als Reaktion auf die radikalen Umweltveränderungen in dieser Zeit“, sagte Professor Nicholas Conard, wissenschaftlicher Direktor des Urgeschichtlichen Museums Blaubeuren. „Und wir können sogar Rückschlüsse auf die gesellschaftlichen Vorstellungen während dieser ersten Epoche der modernen Menschen in Europa ziehen.“

Die archäologischen Ausgrabungen im Hohle Fels bei Schelklingen liefern jährlich faszinierende Fundstücke aus der Jüngeren Altsteinzeit. Aus den Schichten des Aurignacien, die zwischen 42.000 und 34.000 Jahre alt sind, wurden im vergangenen Jahr wieder zahlreiche Schmuckstücke ausgegraben.
So haben die Grabungsteams der Universität Tübingen in den Höhlen des Achtals wie auch des Lonetals über die Jahre hunderte von doppelt durchlochten Perlen aus Mammutelfenbein geborgen. Sie sind in der Mitte verdickt und zu den Enden beidseitig abgeflacht. Die Lochungen entstanden durch das Bohren mit einem feinen Feuersteingerät oder durch wiederholtes Einschneiden. Die Perlen liegen in allen Stadien des Herstellungsprozesses vor, vom Rohling bis zum getragenen Stück. In ihrer Herstellungsart kommen sie ausschließlich auf der Schwäbischen Alb vor. Zudem sind die Schmuckstücke aus den schwäbischen Höhlen der bislang älteste Nachweis für die komplexe Herstellung von Elfenbeinperlen weltweit. Noch spezieller sind dreifach durchlochte Perlen aus Mammutelfenbein aus der ältesten aurignacienzeitlichen Schichten des Hohle Fels im Achtal. Hier laufen die Enden mehr oder weniger spitz zu, die beiden äußeren Löcher werden meist durch Einkerbungen vom mittleren Teil der Perle abgesetzt. Die Einkerbungen entstanden durch mehrfaches Ansetzen und Schneiden des entsprechenden Steinwerkzeugs. Dieser Perlentyp ist nur vom Fundort Hohle Fels bekannt und besitzt derzeit keine Parallelen zu anderen Funden.

Dass auch die doppelt durchlochten Perlen nur aus Grabungen auf der Schwäbischen Alb bekannt sind, zeigt für die Wissenschaftler, dass sie Ausdruck einer Gruppenidentität waren. „Diese Form wurde nicht mit Menschen aus anderen Regionen geteilt, obwohl europaweit Kontakte bestanden; dieser Perlentyp war offensichtlich für die Gruppen im Ach- und Lonetal bestimmt“, sagt Dr. Sibylle Wolf, wissenschaftliche Koordinatorin und Mitarbeiterin des Senckenberg Centre HEP. Zudem träten die Perlen über einen Zeitraum von 6.000 Jahren auf: „Das bezeugt, dass es eine Tradition des Herstellens und Tragens dieser sehr speziellen Form gab.“

Weitere Infos zu den Perlenfunden gibt es hier.

Quelle:
Karl Guido Rijkhoek
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Einwanderung am Ende der Eiszeit

Forscher schreiben die genetische Geschichte der Menschen in Europa neu – auch mithilfe von Proben aus den Höhlen der Schwäbischen Alb.

Die einzige bis heute überlebende Menschenart, der anatomisch moderne Mensch, erreichte Europa erstmals vor rund 45.000 Jahren. Hier lebte er ununterbrochen bis heute – doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Das verraten die Gene. Eine groß angelegte genetische Studie an Überresten von 51 Menschen, die vor 45.000 bis 7.000 Jahren lebten, ergab eine Reihe von überraschenden Befunden aus der komplexen Urgeschichte der Europäer. So muss es am Ende der Eiszeit vor rund 14.500 Jahren eine Wanderungsbewegung von Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa gegeben haben, auf die bis vor kurzem jeglicher Hinweis fehlte. An der Studie war ein großes Forscherteam beteiligt, darunter eine Arbeitsgruppe von der Universität Tübingen unter der Leitung von Professor Johannes Krause, der auch Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena ist. Unter den untersuchten frühen Europäern waren sieben Individuen, deren Überreste aus Höhlen der Schwäbischen Alb stammen. Die Studienergebnisse wurden in der Zeitschrift Nature veröffentlicht.

„Das Klima hat immer wieder Einfluss auf das Überleben und die Wanderungsbewegungen der modernen Menschen genommen“, sagt Johannes Krause. In Europa lebten sie sogar während des letzten Kaltzeitmaximums vor 25.000 bis 19.000 Jahren, als große Teile des Kontinents von Eis bedeckt waren. Doch die Forscher wussten aus früheren Untersuchungen, dass das Überleben teilweise nur in einzelnen Refugien möglich war. Solche Zurückdrängung und Wiederausbreitung spiegelt sich in den Genen. Um mehr zu erfahren, analysierte das Forscherteam in der neuen Studie das gesamte Erbgut der 51 prähistorischen Menschen. „Solche umfassenden genomweiten Daten lagen bisher nur für einige wenige Menschen aus der Zeit von der ersten Besiedlung Europas bis zum Einsetzen der Landwirtschaft vor rund 8.500 Jahren vor“, erklärt Johannes Krause. Denn die Analyse alter DNA ist in mehrerer Hinsicht eine große Herausforderung. Zum einen ist das Erbgut aus Jahrtausende alten menschlichen Überresten stark zerfallen und muss aufwendig rekonstruiert werden, zum anderen ist es mit der DNA von Mikroorganismen und möglicherweise von heute lebenden Menschen verunreinigt. Nur mithilfe der in den letzten Jahren stark verbesserten Verfahren und bei sorgfältiger Zuordnung der Erbinformationen erhalten die Forscher belastbare Ergebnisse.

„Besonders überraschend war ein Befund, der die Urgeschichte revolutioniert: In der Warmzeit vor 14.500 Jahren erscheint eine neue genetische Komponente in Europa, deren Spur in den Nahen Osten führt“, sagt Cosimo Posth, der die schwäbischen Knochen im Rahmen seiner Doktorarbeit im Labor in Tübingen aufarbeitete. Die genetischen Neuerungen bei den Europäern hatten zuvor andere Wissenschaftler mit Bevölkerungsumwälzungen in Europa selbst erklärt. „Doch nun ist klar, dass Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa eingewandert sind und so bei der Vermischung ein neuer Genpool entstand.“

Weiterhin ergaben die Analysen, dass die frühesten modernen Menschen in Europa nicht substanziell zur Genausstattung heutiger Europäer beitrugen. Wie bereits eine frühere Studie anhand der Mitochondrien-DNA gezeigt hatte, stammen alle Individuen, die zwischen 37.000 und 14.000 Jahren alt sind, von einer einzelnen Gründerpopulation ab, die auch die Vorfahren heutiger Europäer bilden. „Wir sehen aber auch eine Kontinuität zwischen den ersten modernen Menschen Europas, die vor 40.000 bis 32.000 Jahren die wunderbare Kunst der Schwäbischen Alb geschaffen haben, und den Bewohnern West- und Zentraleuropas nach der Eiszeit, vor 18.000 bis 14.500 Jahren“, erklärt Krause. Zwischendurch habe sich eine Population hineingemischt, bekannt als Mammutjäger Osteuropas, die aber durch die Eiszeit vor 23.000 bis 19.000 Jahren zurückgedrängt worden sei. Das komplexe Bild der Genetik europäischer Menschen wollen die Forscher im nächsten Schritt mit ähnlichen Genomanalysen von urgeschichtlichen Menschen aus Südosteuropa und dem Nahen Osten weiter vervollständigen.

Mehr Infos gibt es hier.

Quelle:
Dr. Karl Guido Rijkhoek
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen