Gold aus Troia, Poliochni und Ur hatte denselben Ursprung

Neue Lasermethode ermöglicht Untersuchung von berühmten Schmuckstücken – Handelsbeziehungen in der frühen Bronzezeit reichten bis ins Industal

Das Gold in Objekten aus Troia, Poliochni – einer Siedlung auf der ungefähr 60 Kilometer vor Troia liegenden Insel Lemnos – und dem mesopotamischen Ur hat denselben geographischen Ursprung und wurde über große Distanzen gehandelt. Zu dieser Erkenntnis kommt ein internationales Forscherteam, das mit Hilfe einer innovativen mobilen Lasermethode erstmals Proben von berühmten frühbronzezeitlichen Schmuckstücken aus Troia und Poliochni analysiert hat. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Journal of Archaeological Science veröffentlicht.
Die Studie haben Ernst Pernicka, Wissenschaftlicher Direktor des Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie (CEZA) an den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim und Leiter des Troia-Projekts an der Universität Tübingen, und Barbara Horejs, Direktorin der Österreichischen Archäologischen Instituts an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien initiiert. In ihrem internationalen Team waren Naturwissenschaftlerinnen und Archäologen vom Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie, dem Österreichischen Archäologischen Institut in Wien (ÖAI) und des Nationalen Archäologischen Museums in Athen beteiligt.
Seit Heinrich Schliemann 1873 in Troia unter anderem den „Schatz des Priamos“ gefunden hat, ist das Rätsel um die Herkunft des Goldes ungelöst. Professor Pernicka und das internationale Team konnten nun nachweisen, dass es aus sogenannten sekundären Lagerstätten wie Flüssen stammte und seine chemische Zusammensetzung einerseits identisch ist mit der von Goldobjekten aus der Siedlung Poliochni auf Lemnos und aus den Königsgräbern im mesopotamischen Ur, andererseits aber auch mit der von Objekten aus Georgien. „Es muss also Handelsbeziehungen zwischen diesen weit entfernten Regionen gegeben haben“, sagte Pernicka.
Die Untersuchung war durch einen tragbaren Laser (pLA) möglich geworden, der dem Team die minimalinvasive Entnahme von Probenmaterial aus Schmuckstücken im Archäologischen Nationalmuseum in Athen ermöglichte. Die Halsketten, Anhänger, Ohr- und Halsringe des Museums sind so kostbar, dass sie weder in ein Labor transportiert, noch auf eine Weise untersucht werden dürfen, die sichtbare Schäden an den Objekten hinterlässt. Die bisher verfügbaren Methoden scheiterten an mindestens einem dieser Hindernisse. Der tragbare Laser dagegen schmilzt für eine Probeentnahme vor Ort im Museum ein so kleines Loch in die Stücke, dass es mit bloßem Auge nichts zu erkennen ist. Anschließend konnte Pernicka und sein Team im Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim die Proben mittels Massenspektrometrie auf ihre Zusammensetzung hin untersuchen.
Historischer Goldschmuck enthält neben Gold immer auch andere Elemente wie Silber, Kupfer, Zinn, Palladium und Platin. Je nach Legierung können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein eindeutiges chemisches Profil von den Fundstücken erstellen und daraus Rückschlüsse ziehen. So sind die hohen Konzentrationen von Zinn, Palladium und Platin im Troia-Schmuck ein klarer Hinweis darauf, dass das dafür verarbeitete Gold in Form von Goldstaub aus einem Fluss gewaschen wurde. Die Forschenden konnten auch nachweisen, dass Werkstätten Schmuck in Serie produzierten und nicht nur als Einzelstücke. Anders sei beispielsweise der identische Anteil von Platin und Palladium in den Goldplättchen von Halsketten gleicher Machart, die aber an unterschiedlichen Orten gefunden wurden, nicht zu erklären.
Insgesamt untersuchte das Forscherteam 61 Artefakte, die alle aus der frühen Bronzezeit zwischen 2.500 und 2.000 v. Chr. stammen. In diesen Zeitraum gehört auch der berühmte „Schatz des Priamos“, den Schliemann fälschlicherweise dem mythischen König von Troia aus der Ilias zugeordnet hatte.
Auch über die Herkunft des Goldes aus den Königsgräbern von Ur war in der Fachwelt schon seit Jahrzehnten diskutiert worden. In Mesopotamien gibt es keine natürlichen Goldvorkommen – weshalb West-Anatolien, wo auch Troia lag, als mögliche Herkunftsregion vermutet worden ist. „Es kommen aber noch ganz andere Regionen in Betracht, in die rege Handelsbeziehungen mit Ur nachgewiesen sind“, so Pernicka. In der frühen Bronzezeit wurden in einem großen geographischen Raum von der Ägäis bis ins Industal im heutigen Pakistan auffallend ähnliche Gegenstände genutzt, wie die archäologischen Vergleichsstudien belegen: amtliche Siegel und standardisierte Gewichte, Ohrringe mit denselben Spiralmustern, Schmucksteine wie Lapislazuli oder der orange-weiß schimmernde Karneol. „Die neuen archäometrischen Daten eröffnen uns einen soliden und globalen Rahmen für unsere Modelle von Gesellschaften, ihren Netzwerken und die Bedeutung von Ressourcen vor rund 4500 Jahren“, so Horejs.
Die genaue Herkunft des Troia-Goldes konnten die Forschenden allerdings noch nicht zweifelsfrei klären, sagt Pernicka: „Wenn wir den Anteil von Spurenelementen im Gold aus Troia, Poliochni und Ur betrachten, so zeigt bronzezeitliches Gold aus Georgien die größte Übereinstimmung mit den genannten Fundorten. Uns fehlen aber noch Daten und Untersuchungen aus anderen Regionen und von weiteren Objekten um diese Vermutung zu erhärten. “

Quelle:

Antje Karbe

Hochschulkommunikation

Eberhard Karls Universität Tübingen

In eigener Sache / Leserreise Troja

Die „Bild der Wissenschaft“ bietet eine Leserreise zum Thema „Auf den Spuren Heinrich Schliemanns an“ (1. bis 11. Oktober 2022). Die Spurensuche beginnt in Berlin und wird die Teilnehmer von dort aus weiter nach Griechenland und in die Westtürkei führen – unter anderem zu all jenen Orten, die auch Schliemann einst aufgesucht und an denen er seine weltberühmten Entdeckungen zur mykenischen Hochkultur, einer damals längst vergessenen Epoche, gemacht hatte.

Ich selbst werde diese Reise begleiten und vor Ort Schliemann und sein Wirken als Archäologe nahebringen. Alle weiteren Infos zur BdW-Leserreise gibt es hier.

Und wer sich nun fragt, wer Heinrich Schliemann überhaupt ist: In der Juni-Ausgabe der Bild der Wissenschaft ist ein Beitrag von mir über Schliemann und seine archäologischen Leistungen erschienen.

7000 Jahre altes Getreide verrät Ursprung der Schweizer Pfahlbauten

Nirgendwo sonst sind so viele jungsteinzeitliche Pfahlbausiedlungen bekannt wie rund um die Alpen. Wie dieser spezielle Bauboom seinen Anfang nahm, ist jedoch rätselhaft. Forschende der Universität Basel haben nun neue Hinweise aufgedeckt: Eine Hauptrolle könnten Siedler am Varese-See in Norditalien gespielt haben.

Als Arbeiter Mitte des 19. Jahrhunderts die erste Pfahlbausiedlung am Zürichsee entdeckten, nahm ein ganzer archäologischer Forschungszweig seinen Anfang. Mittlerweile gehören 111 Pfahlbaudörfer im Alpenraum zum UNESCO-Weltkulturerbe. Woher diese einzigartige Bauweise kam, war bisher jedoch unklar. Fachkreise gingen bis vor einigen Jahren davon aus, dass es sich um ein lokales Phänomen handelte.


Überreste von Nutzpflanzen aus der Jungsteinzeit – hier Nacktgerste und Nacktweizen – deuten auf Verbindungen zwischen geografisch weit entfernten Siedlungen hin. (Foto: Raül Soteras)


Forschende um Prof. Dr. Ferran Antolín vom Fachbereich Integrative Prähistorische und Naturwissenschaftlichen Archäologie (IPNA) der Universität Basel liefern nun jedoch neue Hinweise, wie die Pfahlbaukultur in die Gebiete nördlich der Alpen kam. Prähistorische Pflanzenreste aus einer Siedlung vom Lago di Varese in Norditalien weisen die gleiche Zusammensetzung auf wie die Nutzpflanzen der ältesten Schweizer Pfahlbausiedlungen in Zürich und im luzernischen Egolzwil. Davon berichten die Forschenden im «Journal of Archaeological Science: Reports».

Hartweizen, Gerste, Schlafmohn und Flachs

Das Team entnahm Sedimentbohrkerne rund um eine prähistorische Siedlung auf dem Isolino Virginia und datierte die Kulturpflanzen in den Ablagerungen mittels Radiokarbonmethode. Demnach schienen Menschen diese künstlich angelegte Insel bereits 4950 bis 4700 v. Chr. ihr Zuhause zu nennen. Die ältesten bekannten Pfahlbausiedlungen der Schweiz datieren auf ca. 4300 v. Chr.

Durch Vergleiche mit der Referenzsammlung des IPNA konnten die Archäobotanikerinnen und -botaniker die Zusammensetzung des rund 7000 Jahre alten Pflanzenmaterials aus dieser frühesten Besiedlungsphase auf dem Isolino Virginia identifizieren: Nacktweizen (Hartweizen), Nacktgerste, Schlafmohn und Flachs. Die gleichen Pflanzenarten, wie sie auch die Bewohnerinnen und Bewohner der ältesten Schweizer Pfahlbausiedlungen anbauten.

Verbindung zum westlichen Mittelmeerraum

Diese Pflanzenarten sind allerdings untypisch für die damalige nordostitalienische Bevölkerung, deren Landwirtschaft sich auf den Anbau von Spelzweizen wie Emmer konzentrierte. Die am Varese-See gefundenen Nutzpflanzen wurden eher im westlichen Mittelmeerraum angebaut. Daraus schlussfolgerte das Forschungsteam, dass die Siedlung auf dem Isolino Virginia wohl von Gruppen gegründet wurde, die aus dem westlichen Mittelmeerraum stammten oder mit diesem durch Handel eng verbunden waren. «Diese Gruppen spielten wahrscheinlich eine Hauptrolle bei der Ausbreitung des Pfahlbauphänomens nördlich der Alpen», sagt der Archäobotaniker Antolín.

Die Zeit zwischen 4700 v. Chr., als die Siedlung auf dem Isolino Virginia temporär aufgegeben wurde, und 4300 v.Chr., als die ersten Pfahlbaudörfer nördlich der Alpen entstanden, bleibt mit offenen Fragen behaftet. Andere archäologische Nachweise, etwa weitere Siedlungen, könnten noch unentdeckt geblieben oder verloren gegangen sein, vermuten die Forschenden.

Zudem zeigt die laufende Forschung, dass es auch in anderen Gebieten Europas eine Fülle von Zeugnissen prähistorischer Pfahlbauten gibt, wie etwa auf dem zentralen Balkan. Auch hier beteiligt sich das Team der Universität Basel an der Erforschung der jungsteinzeitlichen Pfahlbausiedlungen. Diese Stätten weisen jedoch eine andere landwirtschaftliche Tradition auf, sodass eine direkte Verbindung zu den Pfahlbauten der Schweiz unwahrscheinlich scheint.

Der Ursprung der Pfahlbauten bleibe ein komplexes Phänomen, das sich anhand der Überreste der Gebäude selbst kaum klären lasse, so Antolín. «Die Analyse von Überresten der Nutzpflanzen kann hier aber einen wichtigen Beitrag leisten.»

Quelle:

Dr. Angelika Jacobs, Kommunikation

Universität Basel

Zerstörungsfreie Methode datiert Felskunst im Amerikanischen Westen

In Stein gravierte menschenähnliche Wesen, fantastische Tiergestalten oder geometrische Muster: Felsbilder sind oft Jahrtausende alt und erlauben uns einzigartige Einblicke in die geistige Welt unserer Vorfahren. Die zeitliche Einordnung dieser Felsgravuren, auch Petroglyphen genannt, bleibt jedoch eine Herausforderung. Forschenden des Max-Planck-Instituts für Chemie ist es nun gelungen, ihre Methode zur Datierung von Felszeichnungen auf Nordamerika zu übertragen. Die Analysen zeigen, dass Felskunst im Great Basin, einer Region im Westen der U.S.A., über zwölf Jahrtausende erzeugt und kontinuierlich erneuert wurde.

Menschen griffen dabei immer wieder auf die gleichen Kunstwerke zu und versahen sie mit neuer Bedeutung, so die Erkenntnis.

(Tracey Andreae, MPI für Chemie)

Um das Alter der in die Felsen geritzten Figuren verlässlich einzuschätzen, ermittelten die Wissenschaftler von den Elementen Mangan und Eisen die Masse pro Fläche, die sogenannte Flächendichte, in der Felsoberfläche. Beide Stoffe sind in der Gesteinslack genannten Kruste enthalten, die sich auf Felsen als dünner, dunkler Überzug ablagerte. Nach dem Einritzen bildet sich diese Schicht erneut und wächst mit den Jahren. „Wir haben intakten Gesteinslack mit dem Lack de Gravuren verglichen und konnten diese so chronologisch einordnen“, erklärt Meinrat O. Andreae. Der emeritierte Direktor des Mainzer Instituts führte gemeinsam mit seiner Frau, der Biogeowissenschaftlerin Tracey Andreae, insgesamt 461 Messungen direkt vor Ort mithilfe eines tragbaren Röntgenfluoreszenzgerätes durch. Zudem wird der Gesteinslack durch die Messungen nicht zerstört oder angegriffen.

Vier Fundorte in Idaho, Wyoming, und im Süden von Montana

Das Team konzentrierte sich auf die Felskunst an vier Fundorten in Idaho, Wyoming und im Süden von Montana im nordöstlichen Teil des Great Basin. Hier liegt unter anderem das Kulturareal der Shoshonen-Indianer. In diesem Gebiet erstreckt sich die vielfältige Felskunst über eine breite Zeitspanne, die von der paläo-indianischen Epoche vor rund 15.000 Jahren bis in die jüngste Vergangenheit reicht. Ein weiterer Vorteil: Die Wissenschaftler konnten ihre eigene Methode durch Messungen von Felsgravuren ergänzen, deren Alter zuvor mithilfe unabhängiger, geochemischer Methoden datiert wurde. Beide Altersschätzungen stimmen überein und bestätigten sich somit gegenseitig. Auch der Abgleich mit anderem, archäologisch datierbarem Material an den Fundorten der Felskunst unterstützte die Altersschätzungen der Forscher.

Lineare, konstante Ablagerungsraten von Mangan im Felslack

Weitere Gewissheit über die korrekte Datierung erlangten die Forscher, indem sie ermittelten, auf welche Weise sich Mangan im Laufe der Jahrtausende im Felslack abgelagert hat. Sie vermuteten ein relativ gleichmäßiges Wachstum des Lackes. Zur Erhärtung dieser Hypothese zogen sie Analysen von Felsflächen zu Rate, von denen zweifelsfrei feststeht, wann sie sich gebildet haben. Im Great Basin erfüllen diese Bedingung zwei Arten von Oberflächen: Die melonenartig geformten Basalt-Felsbrocken im Snake River-Valley, die vor 14.500 Jahren geologisch abgetragen wurden, und zwei circa 2.000 Jahre alte Basaltlavaströme im Craters of the Moon National Monument. Tatsächlich waren die Ablagerungsraten zu beiden Zeiten nahezu konstant, was auf eine annähernd lineare Ablagerung schließen lässt.

(Meinrat Andreae, MPI für Chemie)

„Alle unsere Analysen lassen den Schluss zu, dass die frühesten Felszeichnungen bereits in der Übergangszeit vom Pleistozän zum Holozän, also vor rund 12.000 Jahren, entstanden sind und von den Ureinwohnern über Jahrtausende hinweg bis in die jüngste Vergangenheit immer wieder überarbeitet wurden“, erklärt der Biogeochemiker Andreae.

Allein im Celebration Park, einem der Fundorte in Idaho, decken die Felsgravuren eine Spanne von rund 10.000 Jahren ab. Die frühesten Bilder dort waren abstrakte Formen. Später kamen repräsentative, gegenständliche Darstellungen hinzu. An anderen Orten wiederum dominierten die gegenständlichen Figuren zuerst und abstrakte Muster folgten später.

Breites Spektrum von Stilen und Motiven

Insgesamt machten Andreae und seine Frau an den Fundstätten ein breites Spektrum an Stilen und Motiven aus, angefangen von Strichzeichnungen abstrakter geometrischer Muster bis hin zu großen, menschenähnlichen Wesen, sogenannten Anthropomorphen.

„Mit unserer Methode stellen wir eine Verknüpfung zwischen den Natur- und Humanwissenschaften her. Sie ermöglicht Altersschätzungen für eine statistisch relevante, große Anzahl von Felskunst-Elementen – und das mit geringem Aufwand und vor allem ohne zerstörerische Probennahmen“, resümiert Andreae die Ergebnisse der Studie im Nordamerikanischen Becken. Weitere Expeditionen in Saudi-Arabien, wo es ebenfalls zahlreiche gut erhaltene Petroglyphen gibt, plant der Max-Planck-Forscher bereits.

Quelle:

Claudia Dolle

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Chemie

Frühester von Menschen dekorierter Schmuck Eurasiens

In einer neuen multidisziplinären Studie berichtet ein internationales Forschungsteam über die Entdeckung eines Elfenbeinanhängers, der mit einem Muster von wenigstens 50 Punkten verziert ist, die eine unregelmäßige Schleife bilden. Die direkte Radiokarbondatierung dieses Schmuckstücks ergab ein Alter von etwa 41.500 Jahren. Somit ist der Anhänger aus der Stajnia-Höhle in Polen das älteste bisher bekannte mit Punkten dekorierte Ornament Eurasiens – und etwa 2.000 Jahre älter als andere vergleichbare Schmuckstücke.

Nach ihrer Ausbreitung in Mittel- und Westeuropa vor etwa 42.000 Jahren begannen Homo sapiens-Gruppen, Mammutstoßzähne für die Herstellung von Anhängern und Gegenständen wie geschnitzten Statuetten zu bearbeiten, die gelegentlich mit geometrischen Motiven verziert waren. Neben Linien, Kreuzen und Rauten tauchte bei einigen Ornamenten in Südwestfrankreich und Figuren aus der Schwäbischen Alb eine neue Verzierungsart auf – die Aneinanderreihung von Punkten. Die meisten dieser dekorierten Gegenstände wurden bei früheren Ausgrabungsarbeiten entdeckt, und ihre chronologische Zuordnung ist nach wie vor nicht gesichert. Daher blieben Fragen offen hinsichtlich der Entstehung von Körperschmuck und der Verbreitung mobiler Kunst in Europa.

Eine neue Studie unter der Leitung von Forschenden des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der Universität Bologna in Italien, der Universität Wrocław in Polen, des Polnischen Geologischen Instituts – Nationales Forschungsinstitut, Warschau, Polen, und des Instituts für Systematik und Evolution der Tiere der Polnischen Akademie der Wissenschaften stellt nun den ältesten bekannten Elfenbeinanhänger Eurasiens vor, der mit einem Punktmuster verziert ist. Mit einem Alter von 41.500 Jahren ist dieser Schmuckgegenstand aus der Stajnia-Höhle einer der frühesten Ausbreitungswellen des Homo sapiens in Europa zugeordnet.



Der Stajnia-Anhänger ist mit einem Muster aus mindestens 50 Punkten verziert, die eine unregelmäßige Schleife bilden (Antonino Vazzana – BONES Lab).


„Die Bestimmung des genauen Alters dieses Schmuckstücks war für seine kulturelle Zuordnung von grundlegender Bedeutung, und wir sind von dem Ergebnis begeistert. Diese Arbeit zeigt, dass wir mit den jüngsten methodologischen Fortschritten bei der Radiokarbondatierung nicht nur den Umfang der Probennahme minimieren sondern auch hochpräzise Daten mit einem sehr geringen Fehlerbereich erzielen können. Wenn wir für die Debatte darüber, wann mobile Kunst in steinzeitlichen Homo sapiens-Gruppen erstmals aufkam, eine Lösung finden wollen, müssen wir diese Ornamente mit Hilfe der Radiokohlenstoffmethode datieren – insbesondere jene, die bei früheren Ausgrabungsarbeiten oder in komplexen stratigraphischen Sequenzen gefunden wurden“, sagt Sahra Talamo, Erstautorin der Studie und Leiterin des BRAVHO-Radiokohlenstofflabors an der Abteilung für Chemie „G. Ciamician“ der Universität Bologna.

Die Untersuchung des Anhängers und einer Ahle wurde zusätzlich noch mit digitalen Methoden durchgeführt, ausgehend von mikrotomographischen Scans der Funde. „Mithilfe von 3D-Modellierungstechniken haben wir die Funde virtuell rekonstruiert und den Anhänger entsprechend restauriert, was uns detaillierte Messungen ermöglichte und die Beschreibung der Verzierungen vereinfachte“, erklärt Co-Autor Stefano Benazzi, Leiter des Labors für Osteoarchäologie und Paläoanthropologie (BONES Lab) der Abteilung für Kulturerbe der Universität Bologna.

Der Schmuckgegenstand wurde 2010 bei archäologischen Ausgrabungsarbeiten unter der Leitung von Co-Autor Mikołaj Urbanowski zwischen Tierknochen und einigen Steinwerkzeugen aus dem Jungpaläolithikum entdeckt. Archäologische Fundstücke aus der Höhle lassen vermuten, dass die Höhle Neandertalern und Homo sapiens-Gruppen für mehrere kurze Zeitperioden als Aufenthaltsort diente. Der Anhänger ging möglicherweise zu Bruch, als die Gruppe in der Kraków-Częstochowa-Hochebene auf der Jagd war, und wurde anschließend entsorgt.


Luftaufnahme der Stajnia-Höhle in Polen (© Marcin Żarski).


„Dieses Schmuckstück zeugt von der großen Kreativität und den außergewöhnlichen handwerklichen Fähigkeiten der Mitglieder einer Homo sapiens-Gruppe, die den Fundort bewohnte. Die Dicke der Platte beträgt etwa 3,7 Millimeter – beim Schnitzen der Punkte und der Tragelöcher des Anhängers wurde mit einer erstaunlichen Präzision vorgegangen“, sagt Co-Autorin Wioletta Nowaczewska von der Universität Wrocław. „Ob die Schleife des Stajnia-Anhängers auf ein Mondanalemma verweist oder es sich dabei um eine Zählung von bei der Jagd erlegten Tieren handelt, bleibt ungelöst. Es ist jedoch faszinierend, dass ähnliche Verzierungen unabhängig voneinander in ganz Europa auftraten“, ergänzt Co-Autor Adam Nadachowski vom Institut für Systematik und Evolution der Tiere der Polnischen Akademie der Wissenschaften.

In groß angelegten Szenarien über die früheste Ausbreitung des Homo sapiens in Europa wurde das Gebiet des heutigen Polens bisher oft ausgeklammert, was darauf hindeutete, dass es nach dem Aussterben der Neandertaler mehrere Jahrtausende lang unbesiedelt blieb. „Das Alter des Elfenbeinanhängers und der Knochenahle, die in der Stajnia-Höhle gefunden wurden, belegt nun hingegen, dass die Ausbreitung des Homo sapiens im heutigen Polen zu einem genauso frühen Zeitpunkt stattgefunden hat wie in Mittel- und Westeuropa. Dieses bemerkenswerte Ergebnis verändert unseren Blick auf die Anpassungsfähigkeit dieser frühen Gruppen und stellt das monozentrische Verbreitungsmodell künstlerischer Innovation während der Aurignacien-Kultur in Frage“, sagt Co-Autor Andrea Picin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Weitere detaillierte Analysen der Elfenbeinfunde aus der Stajnia-Höhle und anderen Fundorten in Polen sind derzeit im Gange und versprechen weitere spannende Erkenntnisse zur Herstellung von Schmuckgegenständen in Mittelosteuropa.

Quelle:
Sandra Jacob Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

Erstmalig 14.000 Jahre alter Siedlungsplatz an der Westküste der Türkei entdeckt

Bei einer Rettungsgrabung des Deutschen Archäologischen Instituts in der Provinz Izmir wurden zwischen den modernen Orten Dikili und Bergama (UNESCO-Welterbestätte Pergamon-Bergama) in einer Höhle erstmalig Schichten aus der Nach-Altsteinzeit (Epipaläolithikum) entdeckt. Sie werden von einem antiken Heiligtum der anatolischen Muttergottheit Meter-Kybele überlagert. Als bedeutendes Naturmal wurde der Ort auch in den folgenden byzantinischen und islamischen Epochen aufgesucht, bevor er in Vergessenheit geriet.

Das Territorium der heutigen Türkei war in der Geschichte immer wieder Ort bedeutender Entwicklungen und Ereignisse an der Schnittstelle zwischen Ost und West. Zuletzt haben die Funde vom Göbekli Tepe im oberen Zweistromland besondere Aufmerksamkeit erregt. Dort entstanden im 10. Jahrtausend v. Chr. erste Monumentalarchitekturen und Bildwerke. Im Vergleich zur Epoche der Jungsteinzeit (Neolithikum), in dessen Frühphase der Göbekli Tepe gehört, sind die älteren Phasen der Menschheitsgeschichte (Paläolithikum bzw. Altsteinzeit) weniger gut bekannt. So konnten bislang nur in der Süd- und Südosttürkei einige wenige Fundplätze dieser Zeitstellung ausgegraben werden. Im Westen Anatoliens, d. h. in der Kontaktzone der Ägäis und am Übergang nach Europa, klaffte hingegen eine Lücke im sicheren Nachweis des Paläolithikums und seiner Übergangsphasen zur Jungsteinzeit.

Ausgrabungen im Inneren der Höhle (Deutsches Archäologisches Institut/Eşref Erbil)


Umso überraschender war es, als im Herbst 2020 im Rahmen eines archäologischen Surveys der DAI-Pergamongrabung in einer Höhle zwischen den modernen Orten Dikili und Bergama (Pergamon) Schichten aus der Nach-Altsteinzeit (Epipaläolithikum) entdeckt wurden, die etwa 14.000 Jahre alt sind. Erste Horizonte mit Steinwerkzeugen und Knochen konnten dokumentiert werden, deren Alter sich mithilfe der Radiokarbon-Methode sowie der Untersuchung der Steingeräte präzise bestimmen ließ.
Um diesen bedeutenden Fundort genauer zu erforschen und die archäologischen Daten zu sichern, wurde mit Unterstützung des Ministeriums für Kultur und Tourismus der Türkei und unter Leitung des Museums Bergama im Herbst 2021 eine sechswöchige Rettungsgrabung durchgeführt, an denen neben der DAI-Pergamongrabung auch Spezialist*innen der Universität Ankara beteiligt waren. Das türkisch-deutsche Team konnte in und vor der Höhle zunächst jüngere Schichten freilegen, die von der Nutzung des spektakulär gelegenen Platzes als Heiligtum der anatolischen Muttergottheit Meter-Kybele vom ca. 6. Jh. v. Chr. bis in die römische Kaiserzeit hinein zeugen. Das jüngste Fundmaterial umfasst die byzantinische und islamische Zeit. Berücksichtigt man die Abgeschiedenheit des nur mit Mühe zu Fuß erreichbaren Ortes, so sprechen diese Funde für eine bemerkenswerte Kontinuität in der Verbundenheit der Menschen mit diesem außergewöhnlichen Naturmal über die Grenzen von Epochen und Religionen hinweg.

rabungen am Eingang der Höhle (Deutsches Archäologisches Institut/Eşref Erbil)

Unter den Resten des Heiligtums folgten zunächst Schichten offenbar aus der Bronzezeit (ca. 3.-2. Jt. v. Chr.), deren präzise Datierung und Deutung aber noch ausstehen. Im Epipaläolithikum diente die kleine Höhle als saisonale Wohn- und Produktionsstätte für eine Gruppe von Jägern und Sammlern, wovon neben zahlreichen Tierknochen auch Rohmaterialien für die Werkzeugherstellung und halbfertige Stücke zeugen. Als Rohstoffe dienten offenbar Feuersteine aus dem Bett des Flusses, der direkt vor der Höhle verläuft. Die weitere Auswertung der Rettungsgrabung wird sich unter anderem mit der Frage beschäftigen, warum die Menschen gerade diesen Platz als Camp auswählten und ob es Indizien für Beziehungen nach Inneranatolien, in die Ägäis und das festländische Griechenland hinein gibt. In späterer Zeit spielten solche Beziehungen eine wichtige Rolle, wie unter anderem Scherben rotfiguriger Keramik aus Athen zeigen. Lage und Fundmaterial sprechen überdies für Beziehungen zur Insel Lesbos, zu deren festländischem Besitz (Peraia) das Gebiet in vorhellenistischer Zeit gehörte.
Die Arbeiten finden im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes „Die Transformation der Mikroregion Pergamon zwischen Hellenismus und Römischer Kaiserzeit“ statt. An der Rettungsgrabung und ihrer ersten Auswertung waren neben den bereits erwähnten Partnern Kolleg*innen der Celal Bayar Üniversitesi Manisa, der Sinop Üniversitesi, der Freien Universität Berlin sowie des TÜBITAK Marmara Forschungszentrums beteiligt.

Quelle:

Nicole Kehrer Pressestelle
Deutsches Archäologisches Institut

Neue Langhäuser aus dem 6. Jahrtausend v. Chr. bei Tübingen entdeckt

Nordwestlich von Tübingen-Unterjesingen liegt in der Flur Ammenbühlen, westlich des Enzbachs, eine prähistorische Siedlung. Obwohl die Fundstelle bereits 1926 entdeckt wurde, war mit Ausnahme weniger Lesefunde kaum etwas über das Areal bekannt. Im Zuge aktueller Geländeforschungen konnten nun wichtige Erkenntnisse zur Siedlungsstruktur und Befundsituation gewonnen werden.

Rekonstruktion eines linearbandkeramischen Langhauses (M. Steffen/Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart).

Die Untersuchungen fanden im Rahmen eines gemeinsamen Projekts des Landesamts für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart und der Universität Tübingen statt. Geleitet wurde das Projekt zur Besiedlungsgeschichte des Ammertals während der frühen Jungsteinzeit von Prof. Dr. Raiko Krauß, Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen, und Jörg Bofinger, Leiter des Referats Operative Archäologie am LAD.

„Ziel des Forschungsprojektes ist es, die zeitliche Abfolge der verschiedenen frühneolithischen Siedlungen genauer zu erfassen und mit Hilfe naturwissenschaftlicher Untersuchungen Umweltbedingungen und Lebensweise und damit den Landschaftswandel durch den Beginn der Landwirtschaft im 6. Jahrtausend zu untersuchen “, erläutert Prof. Raiko Krauß.

Studierende des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen beim Freilegen des Hausgrundrisses eines Langhauses aus der zweiten Hälfte des 6. Jahrtausends v. Chr. (Veronika Stein/Universität Tübingen).



Zunächst konnte im Frühjahr 2021 das Siedlungsareal auf einer Fläche von rund sechs Hektar mittels geophysikalischer Messungen durch die Fachfirma Terrana aus Mössingen aufgenommen und erste Hinweise jungsteinzeitlicher Besiedlungsstrukturen kartiert werden. Die Magnetfeldmessungen zeigten, dass die Reste mehrerer der charakteristischen Langhäuser (die Dimensionen von über 30 Metern Länge erreichen können) noch im Boden erhalten sind und einen Siedlungsplatz der sogenannten Linienbandkeramischen Kultur, der frühesten bäuerlichen Bevölkerungsgruppe in Südwestdeutschland im 6. Jahrtausend v. Chr., belegen. Auf dieser Basis gelang es während einer vierwöchigen Grabungskampagne im Frühherbst 2021 unter der örtlichen Leitung von Veronika Stein (Universität Tübingen), Ausschnitte von einem der jungsteinzeitlichen Hausgrundrisse archäologisch zu untersuchen und zu dokumentieren. „Verfärbungen im Boden lassen die Standspuren der ehemaligen Pfosten der Hauskonstruktion erkennen, ebenso wie Gräbchenstrukturen, die als letzte Hinweise auf Wände des Hauses zu deuten sind,“ erläutert Dr. Jörg Bofinger.

Südlich von Entringen sowie nordöstlich von Pfäffingen konnten bereits Hausgrundrisse nachgewiesen werden, die auf linienbandkeramische Dörfer hinweisen. Dank der aktuellen Feldforschungen gelang es nun zweifelsfrei, ein weiteres Dorf mit mehreren Langhäusern beziehungsweise Gehöften der ersten Bauern rund 500 Meter nördlich des heutigen Ammerverlaufs zu lokalisieren. Weitere Untersuchungen wie beispielsweise 14C-Datierungen (Radiokarbonmethode zur Bestimmung des Alters von Funden) oder archäobotanische Analysen werden dazu beitragen, Fragen der absoluten Chronologie und Wirtschaftsweise besser beurteilen zu können.

Quelle:

Dr. Karl Guido Rijkhoek 
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Königstexte und Tempelhymnen

Mehrere tausend Jahre alte Keilschrifttafeln aus Babylon stehen im Zentrum eines neuen Forschungsprojekts an der Universität Würzburg. Dass einige von ihnen ein unfreiwilliges Bad im Euphrat nehmen mussten, erschwert die Arbeit.

Diese Keilschrifttafeln haben wahrlich eine abenteuerliche Reise hinter sich: Geschrieben in Babylon, manche von ihnen vor fast 4.000 Jahren, gingen sie mit dessen Untergang ebenfalls verloren. Erst bei Ausgrabungen deutscher Archäologen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden sie wiederentdeckt. Als der Erste Weltkrieg die Grabungsarbeiten unterbrach und britische Truppen gefährlich nahe rückten, befüllten die Deutschen große Kisten mit den zerbrechlichen Tontafeln, um sie so schnell wie möglich per Schiff und Bagdadbahn ins damalige Konstantinopel zu verbringen. Die Hektik des Abtransports war jedoch so groß, dass manche Kisten an der Verladestation vergessen wurden, andere – was viel schlimmer war – ins Wasser des Euphrat fielen, und deshalb viele der Jahrtausende alten Tafeln Schaden nahmen.

Die Babylon-Sammlung aus Istanbul

Seitdem lagern diese Keilschriftdokumente in der sogenannten Babylon-Sammlung des Istanbuler Archäologischen Museums. Diese umfasst mehr als 200 Keilschriftmanuskripte aus alt-, mittel- und neubabylonischer Zeit sowie rund 40 Keilschriftdokumente aus Assyrien, die fälschlicherweise als babylonisch deklariert worden waren. Darüber hinaus besitzt das Museum eine Handvoll weiterer Keilschriftdokumente aus Babylon – teilweise in Form von kleinen Fragmenten, teilweise als große Stücke. Wissenschaftlich bearbeitet und publiziert ist davon nur eine kleine Auswahl. Doch das wird sich in den kommenden drei Jahren ändern.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Würzburg und Marburg werden in dem Projekt „Die Keilschrifttexte in der Babylon-Sammlung der Archäologischen Museen Istanbul“ diese Tafeln sowohl in Buchform als auch als digitale Editionen veröffentlichen. Verantwortlich dafür ist Professor Daniel Schwemer, Inhaber des Lehrstuhls für Altorientalistik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert das Projekt in den kommenden drei Jahren mit rund 200.000 Euro.

Ein Kompendium der Divination

„Die Texte stammen aus einer Zeitspanne, die sich vom frühen 2. Jahrtausend vor Christi Geburt bis zur Zeitenwende erstreckt“, erklärt Daniel Schwemer. So groß der Zeitraum ihrer Entstehung, so bunt gemischt sind auch die Gattungen, denen sich diese Texte zuordnen lassen. Da finden sich Rechtsurkunden über Grundstückskäufe und über Darlehen sowie Verwaltungstexte, die auflisten, wie viele Tonnen Getreide täglich im Hafen von Babylon angeliefert wurden. Dazu gehören Königsinschriften aus der Zeit Nebukadnezars und Hymnen aus dem Tempelkult. Und da können Altorientalisten eine Art „Lehrbuch zur Vorhersage zukünftiger Ereignisse aus den Innereien von Opferschafen“ entziffern – von einem „Kompendium der Divination“ spricht Schwemer.

Die komplizierte Ausgrabungsgeschichte ist schuld daran, dass sich Keilschriftfragmente aus Babylon heute im Wesentlichen an drei Orten befinden: in Berlin, in Bagdad und in Istanbul. Wie gut diese Texte wissenschaftlich erschlossen sind, variiert stark von Standort zu Standort. Während die Sammlung in Bagdad gar nicht erschlossen ist, sind die Fundstücke in Berlin immerhin zu einem kleinen Teil publiziert. Mit der Publikation der Sammlung aus Istanbul könnten Schwemer und seine Kollegen somit ein Referenzwerk schaffen.

Vom Abzeichnen zur digitalen Edition

Anders als die abenteuerliche Ausgrabungsgeschichte vermuten lässt, sieht die Herangehensweise der Altorientalisten dabei gar nicht nach Abenteuer aus. Schon jetzt sind die Istanbuler Fundstücke fotografisch gut dokumentiert. Diese Fotos werden Schwemer und Greta Van Buylaere akribisch in Augenschein nehmen und in einer starken Vergrößerung fein säuberlich abzeichnen. Anschließend werden sie ihre Kopien bei Forschungsaufenthalten in der Türkei mit den Originaltafeln in den Archäologischen Museen von Istanbul „detektivisch vergleichen“, wie Daniel Schwemer sagt. Weitere Arbeitsschritte sind die Übertragung der Texte, die auf Babylonisch (Akkadisch) oder Sumerisch verfasst sind, in eine lateinische Umschrift, dann geht es an die Übersetzung und die Veröffentlichung – sowohl in Buchform als auch als digitale Edition. Das Online-Korpus wird die Texte nicht nur Wissenschaftlern in der ganzen Welt einschließlich des Nahen Ostens zur Verfügung stellen, sondern auch erweiterte Suchmöglichkeiten sowohl innerhalb der Texte als auch innerhalb der Übersetzungen bieten.

Keilschrift auf Tontafeln, die eine Zeit lang im Wasser gelegen waren: Für den Laien sieht das im besten Fall nach Spuren aus, die eine Rolle Maschendraht im Lehm hinterlassen hat. In solchen Fällen tun sich auch Keilschriftexperten bisweilen schwer. Kein Wunder, dass Schwemer und Van Buylaere davon sprechen, dass sie beim Abzeichnen der Texte das festhalten, „was wir gesehen oder zu sehen geglaubt haben“. Dass andere Wissenschaftler zu anderen Zeiten die Zeichen möglicherweise anders interpretieren, stört die beiden deshalb nicht. Schließlich sei es gut möglich, dass sich in ein paar Jahren ein neuer Kontext ergibt, beispielsweise, wenn zu einem Fragment die benachbarten Teile entdeckt werden, die sich deutlich besser lesen lassen.

Künstliche Intelligenz scheitert an schlecht erhaltenen Tafeln

Tonscherben abfotografieren, manuell mit Tinte und auf Papier abzeichnen und dann transkribieren: Sind das nicht längst veraltete Methoden, die dank moderner Technik obsolet sein könnten? Nein, sagt Daniel Schwemer. Gerade, wenn diese Tafeln so schlecht erhalten sind, scheitere ein automatischer Scan- und Leseprozess. „Dafür benötigt man Menschen mit Erfahrung im Lesen von Keilschrifttexten – und mit der entsprechenden Phantasie.“ Auch wenn er nicht ausschließen will, dass Künstliche Intelligenz diesen Prozess in der Zukunft übernehmen könnte.

Daniel Schwemer ist zuversichtlich, dass das Projekt in drei Jahren zu einem erfolgreichen Abschluss kommen wird – „dank der umfangreichen Vorarbeiten, der guten Vernetzung und der existierenden Diversifikation von Kompetenz“, wie er sagt. Von Vorteil sei in diesem Jahr natürlich auch die Tatsache gewesen, dass es von allen Tafeln bereits gute Fotos gibt. So konnten Schwemer und Van Buylaere mit der Arbeit beginnen, obwohl die Corona-Pandemie Reisen in die Türkei unmöglich gemacht hatte.

Quelle:

Gunnar Bartsch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Himmelsscheibe von Nebra – Debatte Teil 1


Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universität Frankfurt und der Ludwig-Maximilians-Universität München analysierten nun erneut verschiedenste Daten zur Rekonstruktion von Fundort und Begleitumständen der Funde. Im Ergebnis muss die Scheibe in die Eisenzeit datiert werden und ist damit rund 1000 Jahre jünger ist als bisher angenommen. Damit sind alle bisherigen astronomischen Interpretationen hinfällig.

Die Himmelsscheibe von Nebra ist einer der bedeutendsten archäologischen Funde Deutschlands und zählt seit 2013 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Sie wurde 1999 bei Raubgrabungen gefunden, nach Angaben der Raubgräber zusammen mit bronzezeitlichen Schwertern, Beilen und Armschmuck. Dieser Fundzusammenhang war für die wissenschaftliche Datierung wichtig, denn die Scheibe selber konnte weder naturwissenschaftlich noch archäologisch durch Vergleiche mit anderen Objekten datiert werden. In langjährigen Untersuchungen versuchten daher mehrere Forschergruppen, sowohl die Zuweisung des angeblichen Fundortes als auch die Zusammengehörigkeit der Objekte unabhängig von den vagen Angaben der Raubgräber zu verifizieren.

Rupert Gebhard, Direktor der Archäologischen Staatssammlung München und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und Rüdiger Krause, Professor für Vor- und Frühgeschichte Europas an der Goethe-Universität Frankfurt, haben jetzt Fundumstände und Forschungsergebnisse zur Himmelsscheibe von Nebra umfassend analysiert. Ihre Ergebnisse: Bei der Stelle, die bisher als Fundort galt und die in einer Nachgrabung untersucht wurde, handele es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht um die Fundstelle der Raubgräber. Es gebe zudem keine überzeugenden Hinweise darauf, dass die bronzezeitlichen Schwerter und Beile sowie der Armschmuck ein zusammengehöriges Ensemble bilden. Deshalb müsse man davon ausgehen, dass sich nicht um eine der typischen Deponierungen der Bronzezeit handelt und die Scheibe sich nicht zusammen mit den anderen Objekten in originaler Lage im Grabungsloch befunden habe.

Damit, so die Archäologen, müsse die Scheibe als Einzelfund untersucht und bewertet werden.
Stilistisch und kulturell lässt sich die Himmelsscheibe nicht in die frühbronzezeitliche Motivwelt des beginnenden zweiten Jahrtausends vor Christus einfügen. Deutlichere Bezüge lassen sich hingegen zur Motivwelt der Eisenzeit des ersten Jahrtausends vor Christus herstellen. Auf einer divergierenden Datenlage und auf Grundlage dieser neuen Einschätzung, so Gebhard und Krause, müssen alle bisherigen, teilweise weitreichenden kulturgeschichtlichen Schlussfolgerungen neu und ergebnisoffen diskutiert werden und die Scheibe in anderen Zusammenhängen als bisher interpretiert und bewertet werden. Grundlage hierzu müsse die Vorlage aller bisher nicht veröffentlichten Daten und Fakten sein.

Weitere Infos hierzu gibt es hier.

Markus Bernards Public Relations und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Ein Festgelage vor 10.000 Jahren

Neue Erkenntnisse zur Nahrungsproduktion frühneolithischer Jäger und Sammler am Göbekli Tepe, Türkei.

Bekannt vor allem durch seine Monumentalarchitektur hat der Göbekli Tepe wesentliche neue Einblicke in die Verwirklichung gemeinschaftlicher Großprojekte von Jägern und Sammlern vor etwa 12- bis 10000 Jahren gewährt. Die gewaltigen Steinmonumente dienten vermutlich als wichtige Versammlungsplätze für Rituale, Kommunikation und Austausch und sind eng mit dem Konzept von ‚work feasts‘ (Arbeitsfeste) verknüpft.

Aktuell gehen die Forscher davon aus, dass große Feste vor Ort ausgerichtet wurden, um die notwendigen Arbeitskräfte zu rekrutieren. Bisher beruhte der Nachweis für die Versorgung dieser Feste vor allem auf umfangreichem archäozoologischen Material: den oft zerbrochenen und verbrannten Knochen von Jagdwild, insbesondere Auerochsen und Gazellen.

Eine kürzlich im Rahmen des DFG-finanzierten Göbekli Tepe-Projekts des Deutschen Archäologischen Instituts abgeschlossene Studie (unter Mitwirkung der FU Berlin) konnte mit mehr als 7.000 Reibsteinen, Läufern, Mörsern und Stößeln eine außergewöhnlich große Anzahl solcher Geräte zur Verarbeitung pflanzlicher Nahrung untersuchen. Diese Ergebnisse weisen auf einst große Mengen verarbeiteten Getreides hin und schließen so die Lücke nur wenig erhaltener tatsächlicher Pflanzenreste. Ohne klar identifizierbare Vorratslager vor Ort belegen diese Ergebnisse, dass die Speisen nur zum unmittelbaren Verzehr während der Feste hergestellt wurden.  Dies ergänzt das aus den Tierknochen gewonnene Bild und stützt die Hypothese großer Feste anlässlich zeitlich begrenzter Treffen am Göbekli Tepe im Sommer und Herbst, wie auch die Anwesenheit saisonal wandernder Tiere wie Gazellen nahelegt.

Mehr Infos zu dem Göbekli Tepe-Projekt gibt es hier.

Quelle:
Nicole Kehrer M.A.
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Archäologisches Institut
Berlin