Homo floresiensis doch eine eigene Species

Seit der Entdeckung streitet sich die Wissenschaft darüber, ob es sich bei Homo floresiensis um eine kleinwüchsige Inselpopulation des Homo erectus oder um krankheitsbedingt veränderte Überreste von anatomisch modernen Menschen handelt. Wissenschaftler des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment der Universität Tübingen untersuchten in Zusammenarbeit mit Kollegen von der Stony Brook University New York und der Universität von Minnesota die anatomischen Merkmale der gefundenen Schädel. Die Ergebnisse unterstützen die Theorie, dass H. floresiensis eine eigene Art der Gattung Homo darstellt. Die Forschungsergebnisse wurden in PLOS ONE publiziert.

Seit der Entdeckung der etwa 18.000 Jahre alten Überreste auf der indonesischen Insel Flores ist die Abstammung des Homo floresiensis stark umstritten. Grundlegende Frage ist, ob es sich um eine eigene Art handelt oder nicht. Hatte sich auf der Insel eine kleinwüchsige Population des Homo erectus etabliert? Oder waren es moderne Menschen, die an einer Krankheit litten? Der Schädel mit der Fundnummer LB1 hat eine geringe Größe und umfasste wohl nur ein eher kleines Gehirn. Als Ursachen kämen zum Beispiel eine Form der Unterfunktion der Schilddrüse oder das Laron-Syndrom sowie Mikrozephalie in Frage.

An digitalen Darstellungen der Schädel analysierten die Forscher mit Hilfe dreidimensionaler Vermessung (Geometric-Morphometric Untersuchungen) und multivarianter statistischer Berechnungen die Koordinaten der anatomischen Merkmale der Schädeloberfläche.
Sie verglichen die Form des LB1-Schädels sowohl mit fossilen Schädeln verschiedener Arten der Gattung Homo als auch mit denen moderner Menschen, die an unterschiedlichen Krankheiten litten, die als Auslöser für Kleinwüchsigkeit bekannt sind.

„Damit liegt eine umfassende Untersuchung der beiden wichtigsten, gegensätzlichen Hypothesen zur umstrittenen Einordnung des Homo floresiensis vor“, so Professorin Katerina Harvati. Die Ergebnisse zeigen, dass der LB1-Schädel größere Übereinstimmungen mit der Gruppe der fossilen als mit den modernen, krankheitsbedingt veränderten Schädeln aufweist.
Obwohl die Oberfläche Ähnlichkeiten zu den von Krankheit deformierten Schädeln zeigt, existieren bei LB1 doch zusätzliche Merkmale, die diesen Schädel ausschließlich mit den fossilen Funden verbinden.

„Unsere Ergebnisse erbringen den bisher eindeutigsten Nachweis einer engen Verbindung zwischen Homo floresiensis und den fossilen Überresten der Gattung Homo“, fassen die Autoren die Resultate des Forscherteams zusammen: „Unsere Studie widerspricht der Hypothese, dass es sich bei LB1 um einen anatomisch modernen Menschen handelt, der an einer krankheitsbedingten Veränderung, wie sie zum Beispiel durch Mikrozephalie verursacht wird, litt.“

Publikation:

Baab, Karen L.; Mc Nulty, Kieran P.; Harvati, Katerina: Homo floresiensis contextualized: a geometric morphometric comparative analysis of fossil and pathological human samples, PLOS ONE (2013):http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0069119

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Quelle:
Dr. Sören Dürr
Senckenberg Pressestelle
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Den Urmenschen auf der Spur

Pressekonferenz der Wissenschaftler und der namibischen San-„Buschleute“ zu ihrem Projekt „Tracking in Caves“

Das Team „Tracking Caves“, bestehend aus Wissenschaftlern und Fährtenlesern, wird in einer Pressekonferenz von seinen Entdeckungen in den eiszeitlichen Bilderhöhlen der südfranzösischen Ariège berichten. Vor über einem Monat war die Expedition zuerst nach Namibia aufgebrochen, um sich dort mit den drei Fährtenlesern vom Volk der San („Buschmänner“) vorzubereiten. Seit Anfang des Monats haben die erfahrenen Spurensucher Tsamkxao Cigae, C/wi /Kunta und C/wi G/aqo De!u die Geschichte hinter den Hand- und Fußabdrücken im Höhlenboden enträtselt. Nun stellen Wissenschaftler und Fährtenleser die Ergebnisse auf einer Pressekonferenz vor. Die Universität zu Köln und das Neanderthal Museum in Mettmann laden zu der Pressekonferenz herzlich ein. Die Klicksprache der Buschleute wird von Tsamkxao Cigae ins Englische übersetzt.

Dr. Tilman Lenssen-Erz von der Forschungsstelle Afrika der Universität zu Köln und Dr. Andreas Pastoors vom Neanderthal Museum in Mettmann sind Leiter des Projektes. Die Wissenschaftler sind Experten der Höhlenkunst und Felsbildmalerei. Tsamkxao Cigae arbeitet als Jagdführer auf der Tsumkwe Country Lodge, lebt in Tsumkwe; spricht gut Englisch und wird als Übersetzer fungieren. C/wi /Kunta arbeitet als Fährtensucher für einen professionellen Jäger, lebt in //xa/oba, einem Dorf 20 km nördlich von Tsumkwe, wo auch als „Living Hunters Museum“ die gegenwärtige und traditionelle Lebensweise der San für Touristen dargeboten wird. C/wi G/aqo De!u arbeitet als Fährtensucher für Jagdgesellschaften, lebt in einem Dorf ca. 20 km SSW von Tsumkwe.

Der Hintergrund des Projekts ist der zum Teil exzellente Erhaltungsgrad der Spuren. Eine Reihe von Höhlen in den Pyrenäen enthalten bis zu 17000 Jahre alte Fuß- und Handabdrücke des eiszeitlichen modernen Menschen. Bis heute wurden diese Zeugnisse unserer Vorfahren nicht ausreichend untersucht. Ein Team von Archäologen der Universität zu Köln und des Neanderthal Museums in Mettmann haben dafür eine Gruppe besonderer Spezialisten angeworben: Jäger der San (Buschmänner) aus Namibia.

Die Jäger sind hervorragende Fährtenleser, die Details aus den Spuren lesen können, die anderen Betrachtern entgehen. „Die San gehören zu den letzten ‚gelernten‘ Jägern und Sammlern des südlichen Afrika“, erklärt Tilman Lenssen-Erz. „Die Spuren in den Höhlen wurden also von Leuten untersucht, die wirklich etwas davon verstehen.“ Der Wissenschaftler vergleicht das Vorgehen der Buschleute dabei mit der wissenschaftlichen Empirie. „Es ist eine Vorform der geisteswissenschaftlichen wissenschaftlichen Arbeit. Man erarbeitet eine Hypothese, die dann an den Fakten überprüft wird. Das ist ein Wissenschaftsprozess, der dabei abläuft.“

Das Forschungsfeld der Abdrücke liegt im Moment brach. Die Vorgeschichtsforscher haben bis jetzt Lage und Größe der Abdrücke aufgenommen. Andreas Pastoors möchte aber mehr: „Wir erhoffen uns ein Plus an Informationen: Ob die Person in Eile war, ob sie vielleicht krank war oder etwas getragen hat. Mehr Informationen, die Leben in die Abdrücke bringen.“ Dahinter steht der Wunsch, die kulturellen Erzeugnisse der Urmenschen besser zu verstehen: „Unsere große Aufgabe ist es, die Höhlenkunst zu interpretieren und herauszufinden, was die Menschen in diesen Höhlen mit den Höhlenbildern gemacht haben. Wir müssen alle Informationen über den Kontext dieser Bilder heranziehen.“

Wann: 17. Juli 2013, 11.00 Uhr

Ort: Neues Seminargebäude, Tagungsraum im Erdgeschoss
Albertus-Magnus-Platz

Weitere Informationen gibt es hier.

Quelle:
Gabriele Rutzen
Presse und Kommunikation
Universität zu Köln

Geisteswissenschaftler, wo sind Eure Antworten?

Max Weber Stiftung und Gerda Henkel Stiftung eröffnen eine gemeinsame Internetreihe zur Zukunft der Geisteswissenschaften

Wie präsent sind die Geisteswissenschaften in der Öffentlichkeit? Welche Deutungshoheit haben sie? Und wie bleiben die Geisteswissenschaften angesichts der digitalen Veränderungen zukunftsfähig?

Die Max Weber Stiftung – Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland und die Gerda Henkel Stiftung starten heute das gemeinsame Internetformat „Max meets Lisa“. Hier sprechen Geschichts-, Sozial- und Kulturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler über die gesellschaftliche Relevanz ihrer Arbeit, die Mediennutzung in den Geisteswissenschaften und die mögliche zukünftige Beschaffenheit ihrer jeweiligen Disziplinen.In der ersten Folge diskutieren PD Dr. Maren Möhring (Potsdam) und Prof. Dr. Paul Nolte (Berlin) u. a. über fremde und eigene Bücher, Orientierungswissen in Zeiten gesellschaftlichen Wandels und das öffentliche Interesse an historischen Fragestellungen. Das gut einstündige Gespräch ist ab heute zu sehen unter http://vimeo.com/69844196.

Die Max Weber Stiftung betreibt neben der Online-Publikationsplattform http://www.perspectivia.net das wissenschaftliche Blogportal „Weber 2.0 – Wissen in Verbindung“ (mws.hypotheses.org) für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den Auslandsinstituten der Stiftung und deren Kooperationspartner. Die Gerda Henkel Stiftung bietet mit dem interaktiven und multimedialen Wissenschaftsportal L.I.S.A. (www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de) ein Fachangebot für Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler sowie ein Kommunikationsnetzwerk für ihre Stipendiatinnen und Stipendiaten, Förderpartner und die interessierte Öffentlichkeit. Ziel der gemeinsamen Initiative „Max meets Lisa“ ist es, die geistes-, kultur- und sozialwissenschaftliche Kommunikation im Internet zu intensivieren und Debatten über zentrale Aspekte geisteswissenschaftlicher Forschung ein Forum zu geben.

PD Dr. Maren Möhring leitet die Abteilung III „Der Wandel des Politischen“ am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. 2012 erschien ihre Habilitationsschrift „Fremdes Essen. Die Geschichte der ausländischen Gastronomie in der Bundesrepublik Deutschland“. Prof. Dr. Paul Nolte lehrt Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin. Er ist derzeit Fellow am Historischen Kolleg München. Seine jüngste Monographie „Was ist Demokratie? Geschichte und Gegenwart“ erschien ebenfalls 2012.

Die Max Weber Stiftung – Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland fördert die außeruniversitäre Forschung mit Schwerpunkten auf den Gebieten der Geschichts-, Kultur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in ausgewählten Ländern sowie das gegenseitige Verständnis zwischen Deutschland und diesen Ländern. Sie unterhält zurzeit zehn geisteswissenschaftliche Institute im Ausland.

Die Gerda Henkel Stiftung wurde 1976 von Frau Lisa Maskell (1914–1998) zum Gedenken an ihre Mutter Gerda Henkel errichtet. Ausschließlicher Stiftungszweck ist die Förderung der Wissenschaft. Die Disziplinen Archäologie, Geschichtswissenschaften, Historische Islamwissenschaften, Kunstgeschichte, Rechtsgeschichte sowie Ur- und Frühgeschichte stehen im Zentrum der Fördertätigkeit.

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Quelle:
Dr. Sybille Wüstemann
Geschäftsstelle
Gerda Henkel Stiftung

Grabungen in Asien zeigen Neues zur Kulturgeschichte der Landwirtschaft

Archäologen der Universität Tübingen dokumentieren die Ursprünge der Landwirtschaft im iranischen Zagros-Vorgebirge.

Seit Jahrzehnten erforschen Archäologen die Ursprünge der Landwirtschaft im Vorderen Orient. Diese Forschungen wiesen bislang auf eine frühe Pflanzendomestikation im westlichen und nördlichen „Fruchtbaren Halbmond“ hin, eine regenreiche Region, die sich von der Küste Israels bis zum Iran erstreckt. In der Ausgabe des Fachmagazins Science vom 5. Juli zeigen Wissenschaftler der Universität Tübingen, des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment Tübingen und vom Iranischen Zentrum für Archäologische Forschung, dass das iranische Vorland des Zagros-Gebirges im östlichen Teil des „Fruchtbaren Halbmondes“ ebenfalls ein Schlüsselgebiet bei der ersten Domestikation wilder Pflanzen zu Kulturpflanzen darstellt.

Die Archäologen Professor Nicholas Conard und Mohsen Zeidi aus Tübingen führten zwischen 2009 und 2010 archäologische Ausgrabungen am Tell-Fundplatz Chogha Golan durch. Sie fanden eine acht Meter tiefe Abfolge von ausschließlich akeramischen Kulturschichten des Neolithikums, die in einen Entstehungszeitraum zwischen 11.700 und 9.800 Jahren vor heute fallen. Bei Ausgrabungen wurde eine Fülle von Bauresten, Stein- und Knochengeräten und figürlichen Darstellungen von Menschen und Tieren gefunden. Vermutlich am bedeutendsten waren zudem die Funde der bislang reichsten Ablagerungen verkohlter Pflanzenreste, die jemals aus dem akeramischen Neolithikum des Vorderen Orients geborgen wurden.

Simone Riehl, Leiterin des Archäobotanischen Labors in Tübingen, wertete mehr als 30.000 Pflanzenreste aus 75 Verwandtschaftsgruppen am Chogha Golan aus, die einen Zeitraum von mehr als 2000 Jahren umfassen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Ursprünge der Landwirtschaft im Vorderen Orient multiplen Zentren zuzuordnen sind und nicht, wie bislang angenommen, einem einzigen Kerngebiet entspringen. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass der östliche Teil des „Fruchtbaren Halbmondes“ eine Schlüsselrolle im Prozess der Domestikation einnahm.

Viele Fundplätze des akeramischen Neolithikums weisen nur kurze Besiedlungsphasen auf. Im Gegensatz dazu steht die lange Sedimentabfolge am Chogha Golan, die es ermöglichte, die Langzeitentwicklung menschlicher Subsistenz an einer Fundstelle zu untersuchen. Unter den Pflanzenresten vom Chogha Golan finden sich am häufigsten die wilden Vorfahren unserer heutigen Kulturpflanzen, wie Wildgerste, Aegilops und Linse. Diese und andere Arten kommen bereits in den ältesten Siedlungsschichten (Horizont XI) sehr häufig vor und stammen aus dem Ende der letzten Eiszeit vor ca. 11.700 Jahren. In der Siedlungsschicht Horizont II, die auf 9.800 Jahre datiert wird, taucht domestizierter Emmer-Weizen auf.

Die Pflanzenreste vom Chogha Golan repräsentieren einen einzigartigen Langzeitbeleg der Kultivierung wilder Pflanzenarten im östlichen „Fruchtbaren Halbmond“. Über einen Zeitraum von zwei Jahrtausenden entwickelte sich die Bewirtschaftung an der Fundstelle hin zu domestizierten Arten, die eine Basis für die Entstehung sesshafter Dorfsiedlungen und nachfolgender Zivilisationen im Vorderen Orient bildeten. Pflanzen wie verschiedene Weizenformen, Gerste und Linse begleiteten später zusammen mit domestizierten Tieren die frühen Ackerbauern auf ihrem Weg über das westliche Eurasien, wo sie allmählich die einheimischen Jäger- und Sammler-Populationen ersetzten. Viele der Pflanzen, die im „Fruchtbaren Halbmond“ domestiziert wurden, stellen die ökonomische Basis und Nahrungsgrundlage der heutigen Weltbevölkerung dar.

Mehr Informationen gibt es hier.

Quelle:

Myriam Hönig, Antje Karbe
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Digital Classicist Seminar Berlin 2013/14: Call for Papers

Wir freuen uns, hiermit den Call for Papers für die zweite Reihe des
Digital Classicist Seminar Berlin im Wintersemester 2013/14
bekanntgeben zu können. Diese Seminarreihe orientiert sich an dem
Digital Classicist Work in Progress Seminar [2] in London und wird
unter anderem von dem Deutschen Archäologischen Institut und dem
Excellenzcluster TOPOI in Berlin veranstaltet.

Sie sind herzlich dazu eingeladen, Beiträge einzureichen, welche die
innovative Anwendung moderner digitaler Methoden, Ressourcen und
Techniken in den verschiedensten Bereichen der Altertumswissenschaften
thematisieren. Vorschläge in deutscher oder englischer Sprache im
Umfang von **300-500 Wörtern** (ohne bibliographische Angaben) können
bis spätestens **Mitternacht (MET) am 1. September 2013** über die
unten genannte Webseite hochgeladen werden [3].

Die Vorträge können beispielsweise folgende Themenbereiche
adressieren: digitale Editionen, Technologien zur maschinellen
Sprachverarbeitung, Bildverarbeitung und Visualisierung, Linked Data
und Semantic Web, Open Access, Raum- und Netzwerk-Analyse sowie andere
digitale oder statistische Methoden. Besonders werden dabei Vorschläge
begrüßt, aus denen hervorgeht, wie dank der Anwendung digitaler
Methoden fachübergreifende Fragen beantwortet werden können. Die im
Seminar präsentierten Inhalte sollten sowohl Philologen, Historiker
und Archäologen als auch Informationswissenschaftler und andere
Personen mit wissenschaftlichem Interesse an den genannten
Fragestellungen ansprechen.

Die Seminare werden alle 14 Tage jeweils **dienstags um 18.00 – 19.30
Uhr** in den Räumen der TOPOI-Häuser in Dahlem oder Mitte stattfinden
[4]. Das vollständige Programm wird voraussichtlich Mitte September
bekannt gegeben werden. Wie im vergangenen Jahr sollen die Seminare
aufgezeichnet und als Videos online bereitgestellt werden. Außerdem
wird angestrebt, die Beiträge in einem Band der neuen Open Access
Reihe von TOPOI zu veröffentlichen [5]. Die Vortragenden sollen so
weit wie möglich bei der Finanzierung ihrer Reise- und
Unterkunftskosten unterstützt werden. Nähere Informationen dazu werden
bei der Veröffentlichung des Programms mitgeteilt.

Weitere Informationen hierzu finden Sie hier.

Quelle:

Nicole Kehrer

Pressestelle

Deutsches Archäologisches Institut

 

 

 

Die Überreste der Varusschlacht – Neue Erkenntnisse zum Umgang der Germanen mit der Kriegsbeute

In der Geschichtsschreibung ging sie als Schlacht im Teutoburger Wald ein, die sogenannte Varusschlacht, in der im Jahre 9 n. Chr. ein römisches Heer einem Bündnis germanischer Stämme unterlag. Seit 25 Jahren wird in Kalkriese nördlich von Osnabrück ein ausgedehntes Kampfareal archäologisch erforscht, das sehr wahrscheinlich als Ort dieser militärischen Auseinandersetzung identifiziert werden kann. Erstmals bietet sich hier die Chance, eine antike Feldschlacht mit modernen Methoden zu untersuchen und damit Grundlagen für die neue archäologische Forschungsrichtung der Schlachtfeld- bzw. Konfliktarchäologie zu erarbeiten.

Die Universität Osnabrück und die Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH legen nun erstmals eine Gesamtbewertung des Kalkrieser Fundmaterials unter diesen Gesichtspunkten vor.

Mit finanzieller Unterstützung des Landes Niedersachsen (VW-Vorab) konnten die römischen Funde und die Befunde am Oberesch in den vergangenen Jahren detailliert analysiert werden. »Durch das archäologische Fundmaterial zeichnet sich eine überraschende Vielfalt von Ereignissen ab, die sich während und unmittelbar nach der Schlacht zugetragen haben«, erklärt Dr. Susanne Wilbers-Rost, Leiterin der Archäologie von der Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH.

Aufschlussreich ist insbesondere die sehr unterschiedliche Verteilung der verschiedenen Arten römischer Militaria. So lässt beispielsweise die Konzentration von Bruchstücken römischer Wurflanzen verstärkte Angriffe der Römer mit Fernwaffen gegen den östlichen Abschnitt der germanischen Wallanlage vermuten. Fragmente von Schienen- und Kettenpanzern kennzeichnen Plätze, an denen Gefallene nach den Kämpfen ihrer Ausrüstung beraubt wurden.

Auffällig ist die Verteilung von Resten bronzener Schildrandbeschläge, die ausschließlich am Wall beobachtet wurden. Sie sind wohl auf die Zerlegung römischer Schilde zurückzuführen, die von den Germanen nicht als Waffen weiterverwendet wurden und bei denen deshalb nur die Metallteile als Rohmaterial interessant waren.

»Die Analyse weiterer Objekte legt nunmehr auch den Schluss nahe, dass die Germanen vor der Verschrottung und der Aufteilung des Beutegutes unter den beteiligten Stämmen die Waffen der unterlegenen Römer zu einer Beuteschau am Wall zusammengetragen haben«, führt Dr. Achim Rost vom Fachgebiet Archäologie der Römischen Provinzen an der Universität Osnabrück aus: »Mit solchen Ergebnissen haben wir bisher nicht gerechnet.«

»Die Gesamtbewertung des Kalkrieser Fundmaterials macht deutlich, wie sehr die Fundüberlieferung auf einem antiken Schlachtfeld geprägt ist von den auf die Kämpfe folgenden Prozessen des Bergens und Plünderns. Zugleich ergeben sich damit Einblicke in spannende, archäologisch bisher kaum erforschte kulturgeschichtliche Phänomene im Kontext militärischer Konflikte«, erläutert Professor Dr. Günther Moosbauer, Wissenschaftlicher Leiter des Projektes Kalkriese an der Universität Osnabrück, die Schlachtfeldarchäologie.

»Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele neue Facetten die detaillierte Auswertung der Ausgrabungen von Kalkriese nach vielen Jahren noch erbringen. Und auch in der Zukunft werden weitere Erkenntnisse zur Varusschlacht ans Licht kommen – es bleibt also spannend«, ergänzt Dr. Joseph Rottmann, Geschäftsführer der Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH.

Die für die internationale Schlachtfeldarchäologie richtungsweisenden neuen Forschungsansätze werden von den Archäologen Dr. Achim Rost (Universität Osnabrück) und Dr. Susanne Wilbers-Rost (Museum und Park Kalkriese) in der jetzt erschienen Publikation »Kalkriese 6. Die Verteilung der Kleinfunde auf dem Oberesch in Kalkriese – Kartierung und Interpretation der römischen Militaria unter Einbeziehung der Befunde. Römisch Germanische Forschungen Band 70. Verlag Philipp von Zabern (Darmstadt/Mainz 2012)« der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Band vermittelt neben der kritischen Bewertung der auf dem Schlachtfeld erhaltenen archäologischen Quellen auch neue Erkenntnisse zur Zerstörung der germanischen Wallanlage während und nach der Schlacht.

Ergänzt werden die Überlegungen zur Interpretation der Funde und Befunde durch 30 Kartenbeilagen, die erstmals einen umfassenden Einblick in die Verteilungsmuster der römischen Ausrüstungsteile auf dieser Fundstelle bieten. Darüber hinaus finden sich in den Beiträgen von Dr. Margarethe und Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Uerpmann (Universität Tübingen) sowie Dr. Birgit Großkopf (Universität Göttingen) Informationen zu den Knochenresten der Gefallenen und ihrer Trosstiere. Außerdem stellen Prof. Dr. Klaus Mueller und Elke Nagel von der Hochschule Osnabrück die Ergebnisse von Phosphatanalysen in Knochengruben vor.

Weitere Informationen gibt es hier.

Quelle:

Dr. Utz Lederbogen
Stabsstelle Kommunikation und Marketing
Universität Osnabrück

ARIADNE – Deutsches Archäologisches Institut ist Partner in neuem EU-Projekt

„Advanced Research Infrastructure for Archaeological Datasets Networking in Europe“ – dies ist der volle Name eines neuen Projektes am Deutschen Archäologischen Institut. ARIADNE hat das Ziel, vorhandene Forschungsdatenbanken in der Archäologie zusammenzuführen, um Daten aus den Bereichen Archäologie und Kulturerbe auf europäischer Ebene wissenschaftlich nutzen zu können.

Das EU-Projekt bringt 24 Partner aus 13 Ländern zusammen. Diese teilen archäologische Datenbanken und Kenntnisse im Bereich der Datentechnik, um die Basis für eine pan-europäische Forschungs-Infrastruktur zu schaffen. Sie soll zukünftig der archäologischen Wissenschaft wie auch dem Kulturgut-Management von Nutzen sein. ARIADNE wird über ein harmonisiertes Interface einen einheitlichen Zugang zu großen europäischen Datenmagazinen anbieten, neue Serviceangebote entwickeln und weitere Interessengruppen dabei unterstützen, ihre Daten zu teilen.

Aus der langjährigen Anwendung von IT in der Archäologie existiert mittlerweile ein reicher Fundus an digitalen archäologischen Daten, die unterschiedliche Zeiträume, Regionen und Kulturgruppen erfassen. Fortwährend wird dieser Datenfundus durch neue Datensets erweitert, die durch die Forschungstätigkeit von Einzelpersonen, Projektgruppen und Institutionen entstehen. Diese Daten sind derzeit verstreut, in den unterschiedlichen Sammlungen und Datenbanken, unpublizierten Grabungsberichten (grey literature) und in Publikationen. Im Ganzen betrachtet formen diese Daten einen gewaltigen, aber auch fragmentierten Corpus europäischer Geschichte, der zusammen gebracht werden muss.

ARIADNE wird Wissenschaftlern eine transnationale Zugangsplattform zu Datenzentren, Werkzeugen und Hilfsmitteln für die IT-gestützte Datenauswertung bieten. Mit neuen Web-basierten Dienstleistungen, können über bekannte Schnittstellen Daten aus unterschiedlichen Datensammlungen miteinander verknüpft werden. Auf diese Weise können einzelne Datensets mit Hilfe innovativer Techniken in einen weiteren Kontext gesetzt werden. Dazu wird im Rahmen des Projektes zu den Themenfeldern Linked Data, Data Mining, Natural Language Processing oder Interoperability geforscht. Die Nutzbarmachung dieser vielfältigen Datenressourcen soll neue Forschungen in der Archäologie anstoßen.

Weitere Informationen gibt es hier.
 

Quelle:

Nicole Kehrer
Pressestelle
Deutsches Archäologisches Institut

Überraschender Fund auf dem Kerameikos

Bei Vorarbeiten zur Dokumentation eines Brunnens kamen im Kerameikos in Athen überraschend die Marmorporträts zweier Frauen aus der Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. zutage.

Die Porträts
Die beiden Porträts sind in ungewöhnlich gutem Zustand erhalten. Sie zeigen ein junges Mädchen und eine junge Frau mit der gleichen aufwendigen Haartracht: Die langen Haare sind in der Mitte gescheitelt, in Zöpfe geflochten und als breites Band vom Nacken aus über den Hinterkopf bis fast zur Stirn gelegt, dort umgeschlagen und festgesteckt. Diese Form der sogenannten „Scheitelzopffrisur“ wurde um 250 n. Chr. von Salonina, der Frau des Kaisers Gallienus (253-268 n. Chr.) getragen und damit als Modefrisur im gesamten Imperium Romanum verbreitet.
Die beiden Porträts waren einst vor dem Dipylon aufgestellt: entweder als Ehrenstatuen oder als Grabstatuen bzw. als liegende Figuren auf einem Marmorsarkophag in Klinenform.
Sie sind offenbar gleichzeitig abgeschlagen, durch einen gezielten Meißelhieb in zwei Teile gespalten und in den Brunnen geworfen worden.
Erst die Fortsetzung der Arbeiten kann Klarheit darüber bringen, zu welchem Zeitpunkt die Zerstörung erfolgt ist.

Der Brunnen
Gefunden wurden die Skulpturen in einem aus Steinen gemauerten und innen mit hydraulischem Mörtel verputzte Brunnen in 5,20m Tiefe und unterhalb des aktuellen Grundwasserspiegels.
Der Brunnen wurde schon 1934-1936 entdeckt und weitgehend untersucht, damals aber nicht dokumentiert, wohl wegen des hohen Grundwasserspiegels. Auch die Arbeiten 2013 konnten nur unter gleichzeitigem Einsatz von vier Pumpen ausgeführt werden.
Bisher sind drei Bau- und Verwendungsphasen des Brunnens feststellbar: Die Anlage erfolgte im 4. Jahrhundert v. Chr. mit einer Kalkstein-Einfassung und einer fest installierten Schöpfvorrichtung aus einem Balkengestell mit zentriertem Seilzug. Im späten Hellenismus wurde der Brunnenrand mit Tonplatten erhöht und die Innenseite des Brunnens neu verstuckt. In einer letzten Nutzungsphase wurde die Mündung mit Brecciablöcken (Spolien) erhöht und rechteckig eingefasst.

Seit 100 Jahren Forschungen im Kerameikos

Die Forschungen im Kerameikos werden seit hundert Jahren vom Deutschen Archäologischen Institut in Athen ausgeführt. Die Freilegung des Brunnens erfolgte unter Leitung von Dr. Jutta Stroszeck im Rahmen eines Forschungsprojektes zur Wasserversorgung der klassischen Badeanlage vor dem Dipylon. Das Grabungsteam im Kerameikos besteht 2013 aus griechischen und deutschen Mitarbeitern verstärkt durch eine kleine Gruppe Studenten verschiedener Universitäten (Berlin, Gießen, Mainz und Rostock).

Weitere Informationen finden Sie hier. 

 

Quelle:

Nicole Kehrer M.A.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Archäologisches Institut

Greifswalder Student entdeckt zweiten Saurierfund aus Mecklenburg-Vorpommern

Der Greifswalder Geologe Sebastian Stumpf entdeckte unter Wirbeltierresten aus der Tongrube bei Grimmen einen bislang unbekannten Dinosaurier. In seiner Masterarbeit ordnete er die Knochenreste der Gruppe der pflanzenfressenden Sauropoden zu. Aus der Tongrube Klein Lehmhagen bei Grimmen stammen auch die Knochenreste des Dinosauriers Emausaurus ernsti, welcher bislang als der einzige Dinosaurier Mecklenburg-Vorpommerns galt. Sebastian Stumpf arbeitet am Institut für Geographie und Geologie in der Arbeitsgruppe Historische Geologie und Paläontologie um Professorin Dr. Ingelore Hinz-Schallreuter und Dr. Stefan Meng.

Sebastian Stumpf befasste sich in seiner Masterarbeit „Reassessment of the fossil vertebrate fauna from the Lower Jurassic clay pit of Klein Lehmhagen near Grimmen, NE Germany“ mit Wirbeltierfunden der Tongrube Klein Lehmhagen. Die Knochenfunde stammen aus den Privatsammlungen von Dr. Jörg Ansorge (Horst), Dr. Wolfgang Zessin (Jasnitz), Wilfried Krempien (Schwerin) und Hansjoachim Krümmer (Greifswald), die ihr Material zur wissenschaftlichen Bearbeitung bereitstellten. Dabei entdeckte er neben den Knochenresten von Fischen und Meeresreptilien den unvollständigen Beckengürtel des neuen Dinosauriers. Form und Proportionen der Beckenknochen belegen die Zugehörigkeit zu der Gruppe der pflanzenfressenden Sauropoden. Es scheint sich darüber hinaus sogar um eine neue Gattung und Art zu handeln. Der neu nachgewiesene Dinosaurier ist somit nach Emausaurus ernsti der zweiten Dinosaurier Mecklenburg-Vorpommerns.

Von der Aufstellung einer neuen Gattung und Art wurde vorerst abgesehen. Weiterführende Untersu-chungen bzw. ein detaillierter Vergleich mit den bereits bekannten frühen Sauropoden (der späten Trias und frühen Jura) sollen die Verwandtschaftsbeziehungen des neuen Sauropoden innerhalb der Gruppe klären. Erst danach kann eventuell gesagt werden, ob es sich um eine neue Gattung und Art handelt.

Die Sauropoden gelten als eine der artenreichsten und am weitesten verbreiteten Dinosaurier. Sie be-saßen einen langen Hals, einen langen Schwanz sowie einen verhältnismäßig kleinen Schädel. Sie brachten zudem die größten Landwirbeltiere der Erdgeschichte hervor. Sauropoden traten erstmalig in der Obertrias auf und verschwanden im Zusammenhang mit dem katastrophalen Massenaussterben am Ende der Kreidezeit. Bei dem neuen Sauropoden handelt es sich somit um einen der ältesten Vertreter seiner Gruppe. Die einstige Größe des Tieres kann aufgrund der fragmentarischen Erhaltung nur ge-schätzt werden. Vermutlich erreichte der neue Sauropode eine Gesamtkörperlänge von fünf Metern.

Die Tongrube Klein Lehmhagen bei Grimmen ist eine regional und international bedeutende Fundstelle unterjurassischer Wirbeltiere (Alter: ca. 183 Millionen Jahre). Bekannt geworden ist dieses Unterjura-Vorkommen aufgrund seines Fossilreichtums, unter anderem an Ammoniten, Belemniten, Fischen, Insek-ten und Meeresreptilien. Im Gegensatz zur gut bearbeiteten Wirbellosenfauna ist die Wirbeltierfauna dieses Unterjura-Vorkommens kaum bekannt. Eine Ausnahme sind die Knochenreste des Dinosauriers Emausaurus ernsti, eines der wertvollsten Sammlungsstücke der Universität Greifswald, welche aktuell unter hohem finanziellem Aufwand der Universität restauriert werden. In diesem Zusammenhang gab es im Rahmen des 555-jährigen Universitätsjubiläums unter maßgeblicher Beteiligung des Greifswalder Geologen Sebastian Stumpf eine Sonderausstellung „Ein Dinosaurier mit dem Namen der Uni Greifs-wald“. Emausaurus ernsti wurde 1990 von dem Hallenser Wirbeltierpaläontologen Professor Hartmut Haubold wissenschaftlich beschrieben und galt bislang als der einzige Dinosaurier Mecklenburg-Vorpommerns.

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Quelle:

Jan Meßerschmidt
Presse- und Informationsstelle
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

 

 

Ötzi hatte schlechte Zähne

Erstmals haben Forscher vom Zentrum für Evolutionäre Medizin der Universität Zürich gemeinsam mit ausländischen Kollegen an der Mumie Ötzi Paradontitis, Karies und unfallbedingte Zahnverletzungen nachweisen können. Die neuesten wissenschaftlichen Resultate geben interessante Hinweise auf das Ernährungsverhalten des neolithischen Mannes aus dem Eis und zur Evolution von medizinisch bedeutenden Zahnkrankheiten.

Die neolithische Mumie Ötzi (ca. 3300 v. Chr) zeigt erstaunlicherweise zahlreiche, auch heutzutage noch weitverbreitete Erkrankungen an den Zähnen und dem Zahnhalteapparat. Wie Prof. Frank Rühli, Leiter der Studie, erklärt, litt Ötzi an einer starken Zahnabschleifung, an mehreren Stellen an teilweiser ausgeprägter Karies und hatte einen vermutlich unfallbedingten abgestorbenen Frontzahn.

Obwohl seit über 20 Jahren an dieser bedeutenden Mumie geforscht wird, waren die Zähne kaum beachtet worden. Der Zahnarzt Roger Seiler vom Zentrum für Evolutionäre Medizin der UZH hat nun Ötzis Zähne basierend auf den aktuellsten computertomografischen Daten untersucht und stellt fest: «Der Schwund des Zahnhalteapparates war schon immer eine sehr häufige Erkrankung wie Schädelfunde aus der Steinzeit oder die Untersuchung ägyptischer Mumien zeigen. Ötzi erlaubt uns einen speziell guten Einblick in eine solch frühe Form dieser Erkrankung», erklärt Seiler. Er ist spezialisiert auf die Untersuchung von Zahnerkrankungen in früheren Zeiten.

Fortgeschrittene Parodontitis

Die computertomografischen dreidimensionalen Rekonstruktionen geben einen Einblick in die Mundhöhle des Eismannes und zeigen, wie sehr er unter einer fortgeschrittenen Parodontitis litt. Vor allem im Bereich der hinteren Backenzähne fand Seiler einen Verlust des parodontalen Stützgewebes, der beinahe die Wurzelspitze erreichte. Zwar hatte Ötzi wohl kaum seine Zähne geputzt, die abschleifende Nahrung hatte jedoch viel zur Selbstreinigung beigetragen. Heute wird Paradontitis mit den Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems in Zusammenhang gebracht. Interessanterweise zeigt der Eismann auch Arterienverkalkungen, wofür wie im Falle der Parodontitis in erster Linie seine genetische Veranlagung verantwortlich war.

Dass der Eismann unter Karies litt, ist auf die vermehrt stärkehaltige Nahrung wie Brot und Getreidebrei zurückzuführen, die durch den aufkommenden Ackerbau in der Jungsteinzeit vermehrt konsumiert werden konnte. Dazu war die Nahrung durch Verunreinigungen und den Abrieb der Mahlsteine stark abschleifend, wie die abgeschliffenen Zähne des Eismannes zeigen. Seine unfallbedingten Zahnschäden zeugen wie seine anderen Verletzungen vom rauen Leben in jener Zeit. Ein Frontzahn ist durch einen Schlag abgestorben – die Verfärbung ist noch deutlich sichtbar und ein Backenzahn hat wohl durch einen Kauunfall, vielleicht ein Steinchen in Getreidebrei, einen Höcker verloren.

Quelle:
Nathalie Huber
Kommunikation
Universität Zürich

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