Digitales Forum Romanum

Der Tahrir-Platz in Kairo, der Maidan in Kiew – eindrucksvoll führen diese zwei aktuellen Beispiele vor Augen, wie öffentlichen Plätzen als Bühnen der politischen Kommunikation und des öffentlichen Handelns in den modernen Städten der Neuzeit wieder Leben eingehaucht wird. Diese Erfahrung mag überraschen, galten die urbanen Plätze lange als Relikte vergangener Zeiten, denen lediglich noch eifrige Verkehrsplaner und Touristen Beachtung schenkten. Dieses wiederbelebte Interesse an den öffentlichen Plätzen spiegelt sich auch in der historischen Stadtforschung wider, wie das Forschungs- und Lehrprojekt digitales forum romanum am Winckelmann-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin zeigt.

In Kooperation mit dem Exzellenzcluster Topoi und dem Architekturreferat des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) Berlin arbeiten Wissenschaftler und Studierende der Klassischen Archäologie seit 2011 an der Erstellung eines neuen digitalen 3D Modells des antiken Forum Romanum. Hier an diesem öffentlichen Platz Roms wurde Geschichte geschrieben und Politik gemacht, hier wurden die Geschicke der Stadt und des Römischen Reiches gelenkt, hier konzentrierte sich das öffentlich-politische Leben der größten Metropole der Antike über 1000 Jahre, ehe das Forum Romanum seit Ende des 19. Jahrhunderts zur berühmteste Ausgrabungsstätte im Herzen der Ewigen Stadt wurde.

„Unsere digitale Rekonstruktion des Forum Romanum ist zwar nicht die erste, aber wir verfolgen mit unserem Modell einen anderen, auch wissenschaftlich-kritischen Anspruch“, erläutert Prof. Dr. Susanne Muth vom Institut für Archäologie der Humboldt-Universität zu Berlin, die das Projekt leitet. “Wo andere digitale Rekonstruktionen ein verlorenes Erscheinungsbild des Forums primär ‚visualisieren‘, setzen wir stärker darauf, mit Hilfe unserer Rekonstruktionen das Forum besser ‚verstehbar‘ werden zu lassen.“ Entstanden ist die Idee zu diesem Forschungsprojekt im Rahmen einer interdisziplinären Forschergruppe im Exzellenzclusters TOPOI, die die Konstruktion und Wahrnehmung antiker Stadträume erforscht. Seine Realisierung gelang, indem das Projekt aus dem Forschungsverbund zwischen Humboldt-Universität und Freier Universität mit außeruniversitären Einrichtungen in die Lehre eingebunden wurde: Unter Anleitung durch Susanne Muth und den Topoi-Mitarbeiter Armin Müller (DAI Berlin) erarbeiteten Studierende der Humboldt-Universität sukzessive digitale Rekonstruktionen der Forumsbauten. Seit 2013 wurden diese dann in ein zusammenhängendes Modell des gesamten Forumsplatzes integriert.

Das neue Modell des digitalen forum romanum vereint erstmals Rekonstruktionen des Forums durch die verschiedenen Epochen und macht dadurch Entwicklungen sichtbar, die möglicherweise auch für aktuelle Diskurse zur Stadtnutzung fruchtbar sein können. „Hier erschließen wir mit unserem Modell ein spannendes und auch aufregendes Neuland. Dass die dynamischen Veränderungen des Platzes teils so einschneidend waren, war in diesem Umfang bisher nicht absehbar“, erklärt Erika Holter, Koordinatorin des Projektes.

Zwanzig Studierende haben mit viel Engagement und wissenschaftlicher Sorgfalt von Anfang an mitgearbeitet. „Die Einbindung der Studierenden in die aktuelle Forschungsarbeit hat sich als ein Glücksfall erwiesen: Für die Studierenden, indem sie unmittelbar Anteil an wissenschaftlicher Exzellenzforschung nehmen konnten, als auch für das Projekt, indem so viele Personen engagiert ihre Kompetenz einbringen konnten“, betont Susanne Muth.

Erste Ergebnisse des Projekts werden nun auf einer frei zugänglichen Website vorgestellt.

Quelle:
Hans-Christoph Keller
Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Humboldt-Universität zu Berlin

DAI unterstützt Capacity Building in Libyen

Gemeinsam mit der Universität Durham hat die Abteilung Rom des DAI einen zweiwöchigen Intensivkurs für libysche Archäologen zu GIS und Geodatenbanken in Sfax (Tunesien) durchgeführt.

Der Kurs für sechs Mitarbeiter des libyschen Antikendienstes fand vom 12. bis 23. Mai 2014 an der Universität Sfax in Tunesien statt. An dem Kurs nahmen Angestellte des Zentrums für Digitalisierung in Tripolis teil, die mit der archäologischen Landesaufnahme und der Erstellung digitaler archäologischer Karten beauftragt sind. Der Leiter des Zentrums, Dr. Moftah Haddad, war während des Kurses ebenfalls anwesend und vermittelte die Inhalte zusammen mit dem Kursleiter Marco Nebbia von der Universität Durham. Gelehrt wurden Grundkenntnisse in der Arbeit mit Geo-Informations-Systemen, in der Verarbeitung anhand von Satellitenbildern und im Feld aufgenommen Daten, sowie in der Erstellung, Pflege und Nutzung von Geodatenbanken für die wissenschaftliche und denkmalpflegerische Arbeit.
Der Kurs in Sfax ist Teil des Engagements des DAI für capacity building in den Gastländern und soll in Zukunft auch in dieser inhaltlichen Ausrichtung weitergeführt werden.

Durch die Ausbildung der libyschen Kollegen leisten das DAI und die Universität Durham einen bedeutenden Beitrag zu Erfassung und Schutz von antiken Denkmälern in Libyen. Im Rahmen des Projekts liegt der Schwerpunkt besonders auf der Siedlungsentwicklung im frühen Mittelalter unmittelbar nach der arabisch-islamischen Eroberung Nordafrikas, einer Epoche, die bisher wissenschaftlich vernachlässigt wurde, gerade heute jedoch im Zentrum auch des gesellschaftlichen Interesses in Nordafrika liegt. Die Denkmäler dieser Epoche stellen einen bedeutenden Teil des kulturellen Erbes der Maghrebländer dar. Das Ziel des Projekts ist ihre wissenschaftliche Erforschung, es will aber gleichzeitig auch einen Beitrag zum Kulturerhalt und zur Ausbildung in den Partnerländern in Nordafrika leisten.

 

Weitere Infos gibt es hier.

 

Quelle:

Nicole Kehrer
Pressestelle
Deutsches Archäologisches Institut

Deutsche Archäologen entdecken Goldmünzen aus dem 6. Jahrhundert in einem koptischen Kloster in Luxor

Ein Team des Deutschen Archäologischen Instituts hat im Kloster Deir el-Bachît, dem antiken Pauloskloster (Dra’ Abu el-Naga Nord/Theben-West), einen aus 29 byzantinischen Goldmünzen bestehenden Hortfund entdeckt.

Der Münzhort wurde in einer kleinen Kapelle gefunden, die in ein pharaonisches Grab eingebaut war und zu den ältesten Einrichtungen des Klosters gehört. Die Münzen selbst waren in ein Tuch gewickelt in einer Säule des Altartisches versteckt und können in zwei Gruppen unterteilt werden: 18 größere Münzen, bei denen es sich um Solidi handelt, und elf kleinere, sog. Tremisses.
Nach einer ersten Sichtung lassen sich die Münzen den Kaisern Valens, Valentinian, Justin I. und Justinian I. zuordnen. Mit dem dadurch gewonnenen Datierungsansatz für eine Deponierung im 6. Jahrhundert n. Chr. findet sich der früheste Nachweis für eine Klosterkapelle in Theben-West. Darüber hinaus liefert der Fund einen zeitlichen Beleg für die Umwandlung der von einem Eremiten seit dem 5. Jahrhundert n. Chr. als Wohnbehausung genutzten Grabhöhle in ein sakrales Zentrum, das bis ins 12. Jahrhundert Bestand hatte, wie Besucherinschriften belegen. Der Fund gibt außerdem interessante Einblicke in die ökonomische Situation eines Klosterverbandes der Spätantike.

Die Ausgrabung findet im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Kooperationsprojektes zwischen dem Deutschen Archäologischen Institut Kairo (Dr. Daniel Polz), dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz (Dr. Ina Eichner) und der Ludwig-Maximilians-Universität München (Dr. Thomas Beckh) statt.

 

Weitere Infos gibt es hier.

Quelle:
Nicole Kehrer M.A.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Archäologisches Institut

Digitales Kulturgüterregister für Syrien

Deutsches Archäologisches Institut macht umfangreiche Datenbestände zu den bedeutendsten archäologischen und historischen Stätten Syriens online zugänglich.

Die Kulturlandschaft Syrien gehört hinsichtlich der Anzahl und historischen Bedeutung der dort vorhandenen Denkmäler zu den herausragenden Regionen weltweit. Durch die aktuellen Entwicklungen im Land ist die Existenz dieses einmaligen kulturellen Erbes, das in weiten Teilen noch nicht wissenschaftlich erschlossen ist, massiv bedroht.
Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) und das Museum für Islamische Kunst Berlin, die beide durch ihre langfristigen Arbeiten in Syrien über sehr umfangreiche Datensammlungen verfügen, haben im November 2013 in dem gemeinsamen Projekt „Erstellung digitaler Kulturgüterregister für Syrien / Syrian Heritage Archive Project“ mit der digitalen Erschließung ihrer Archive begonnen. Das Projekt wird durch das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland gefördert.

Kooperationsprojekt des Deutschen Archäologischen Instituts und des Museums für Islamische Kunst Berlin

Durch die langjährigen Forschungsprojekte, die in Zusammenarbeit ausländischer Missionen mit der syrischen Generaldirektion für Altertümer und Museen (DGAMS) in den vergangenen Jahrzehnten durchgeführt werden konnten, liegen für viele der bedeutendsten archäologischen und historischen Stätten Syriens umfangreiche Datenbestände vor. Viele dieser Forschungsdaten sind jedoch bisher ausschließlich in analoger Form vorhanden, da die digitale Datengenerierung in der Archäologie im größeren Umfang erst gegen Ende der 1990er begonnen hat.
Die vollständige Digitalisierung der älteren Datenbestände bildet daher eine wesentliche Voraussetzung für die zukünftige Datennutzung und ihre sinnvolle Zusammenführung in größeren Datenbankprojekten sowie die darauf basierenden Auswertungen zum Stand des Kulturerbes in Syrien, insbesondere auch für die Kartierungen der kriegsbedingten Schäden.

Sichtung, Digitalisierung und Archivierung der Forschungsdaten werden in Berlin von zwei deutsch-syrischen Teams durchgeführt. Die Materialien werden in Arachne, der Objektdatenbank des DAI, den DAI-Gazetteer und den DAI-Geoserver eingepflegt. Die Schnittstellen dieser Architektur sichern die von Anfang an angestrebte internationale Vernetzung mit anderen, ähnlichen Projekten zur langfristigen Dokumentation der Kulturgüter Syriens, um eine möglichst umfassende Datensammlung aufzubauen. Regelmäßige Treffen dienen der Absprache über die notwenigen Arbeitsschritte.

Syrien – ein kulturelles Langzeitarchiv droht verloren zu gehen

Viele grundlegende Errungenschaften der Menschheit, z. B. die Landwirtschaft oder Urbanisierung, wurden erstmals in der Region Syriens entwickelt. Da in Syrien zudem alle Zeitabschnitte vom Beginn menschlicher Nutzung ab etwa eine Million Jahre vor heute bis in die osmanische Zeit durch archäologische oder historische Monumente belegt sind, verfügt das Land über eines der umfassendsten kulturellen Langzeitarchive.
Die Zerstörungen in den Altstädten sowie die im großen Stil durchgeführten Raubgrabungen in wichtigen archäologischen Stätten belegen die Dynamik dieses Prozesses, der zum unwiederbringlichen Verschwinden der wichtigsten historischen Zeugnisse des Landes führen kann.
Auch wenn diese Problematik nicht im Fokus der täglichen Berichterstattung steht, bildet sie doch einen wesentlichen Teilaspekt der momentanen Situation in Syrien, die man gegenwärtig allerdings nur registrieren kann. Für die gegenwärtige und zukünftige Bewertung des Denkmälerbestandes ist die systematische Archivierung und Auswertung der vorhandenen Dokumentationen zu den einzelnen Befund- und Fundkategorien daher von grundlegender Bedeutung.

Hier geht es zur Objektdatenbank des DAI.

Quelle:
Nicole Kehrer
Pressestelle
Deutsches Archäologisches Institut

Digital Classicist Seminar Berlin 2013/14: Call for Papers

Wir freuen uns, hiermit den Call for Papers für die zweite Reihe des
Digital Classicist Seminar Berlin im Wintersemester 2013/14
bekanntgeben zu können. Diese Seminarreihe orientiert sich an dem
Digital Classicist Work in Progress Seminar [2] in London und wird
unter anderem von dem Deutschen Archäologischen Institut und dem
Excellenzcluster TOPOI in Berlin veranstaltet.

Sie sind herzlich dazu eingeladen, Beiträge einzureichen, welche die
innovative Anwendung moderner digitaler Methoden, Ressourcen und
Techniken in den verschiedensten Bereichen der Altertumswissenschaften
thematisieren. Vorschläge in deutscher oder englischer Sprache im
Umfang von **300-500 Wörtern** (ohne bibliographische Angaben) können
bis spätestens **Mitternacht (MET) am 1. September 2013** über die
unten genannte Webseite hochgeladen werden [3].

Die Vorträge können beispielsweise folgende Themenbereiche
adressieren: digitale Editionen, Technologien zur maschinellen
Sprachverarbeitung, Bildverarbeitung und Visualisierung, Linked Data
und Semantic Web, Open Access, Raum- und Netzwerk-Analyse sowie andere
digitale oder statistische Methoden. Besonders werden dabei Vorschläge
begrüßt, aus denen hervorgeht, wie dank der Anwendung digitaler
Methoden fachübergreifende Fragen beantwortet werden können. Die im
Seminar präsentierten Inhalte sollten sowohl Philologen, Historiker
und Archäologen als auch Informationswissenschaftler und andere
Personen mit wissenschaftlichem Interesse an den genannten
Fragestellungen ansprechen.

Die Seminare werden alle 14 Tage jeweils **dienstags um 18.00 – 19.30
Uhr** in den Räumen der TOPOI-Häuser in Dahlem oder Mitte stattfinden
[4]. Das vollständige Programm wird voraussichtlich Mitte September
bekannt gegeben werden. Wie im vergangenen Jahr sollen die Seminare
aufgezeichnet und als Videos online bereitgestellt werden. Außerdem
wird angestrebt, die Beiträge in einem Band der neuen Open Access
Reihe von TOPOI zu veröffentlichen [5]. Die Vortragenden sollen so
weit wie möglich bei der Finanzierung ihrer Reise- und
Unterkunftskosten unterstützt werden. Nähere Informationen dazu werden
bei der Veröffentlichung des Programms mitgeteilt.

Weitere Informationen hierzu finden Sie hier.

Quelle:

Nicole Kehrer

Pressestelle

Deutsches Archäologisches Institut

 

 

 

ARIADNE – Deutsches Archäologisches Institut ist Partner in neuem EU-Projekt

„Advanced Research Infrastructure for Archaeological Datasets Networking in Europe“ – dies ist der volle Name eines neuen Projektes am Deutschen Archäologischen Institut. ARIADNE hat das Ziel, vorhandene Forschungsdatenbanken in der Archäologie zusammenzuführen, um Daten aus den Bereichen Archäologie und Kulturerbe auf europäischer Ebene wissenschaftlich nutzen zu können.

Das EU-Projekt bringt 24 Partner aus 13 Ländern zusammen. Diese teilen archäologische Datenbanken und Kenntnisse im Bereich der Datentechnik, um die Basis für eine pan-europäische Forschungs-Infrastruktur zu schaffen. Sie soll zukünftig der archäologischen Wissenschaft wie auch dem Kulturgut-Management von Nutzen sein. ARIADNE wird über ein harmonisiertes Interface einen einheitlichen Zugang zu großen europäischen Datenmagazinen anbieten, neue Serviceangebote entwickeln und weitere Interessengruppen dabei unterstützen, ihre Daten zu teilen.

Aus der langjährigen Anwendung von IT in der Archäologie existiert mittlerweile ein reicher Fundus an digitalen archäologischen Daten, die unterschiedliche Zeiträume, Regionen und Kulturgruppen erfassen. Fortwährend wird dieser Datenfundus durch neue Datensets erweitert, die durch die Forschungstätigkeit von Einzelpersonen, Projektgruppen und Institutionen entstehen. Diese Daten sind derzeit verstreut, in den unterschiedlichen Sammlungen und Datenbanken, unpublizierten Grabungsberichten (grey literature) und in Publikationen. Im Ganzen betrachtet formen diese Daten einen gewaltigen, aber auch fragmentierten Corpus europäischer Geschichte, der zusammen gebracht werden muss.

ARIADNE wird Wissenschaftlern eine transnationale Zugangsplattform zu Datenzentren, Werkzeugen und Hilfsmitteln für die IT-gestützte Datenauswertung bieten. Mit neuen Web-basierten Dienstleistungen, können über bekannte Schnittstellen Daten aus unterschiedlichen Datensammlungen miteinander verknüpft werden. Auf diese Weise können einzelne Datensets mit Hilfe innovativer Techniken in einen weiteren Kontext gesetzt werden. Dazu wird im Rahmen des Projektes zu den Themenfeldern Linked Data, Data Mining, Natural Language Processing oder Interoperability geforscht. Die Nutzbarmachung dieser vielfältigen Datenressourcen soll neue Forschungen in der Archäologie anstoßen.

Weitere Informationen gibt es hier.
 

Quelle:

Nicole Kehrer
Pressestelle
Deutsches Archäologisches Institut

Überraschender Fund auf dem Kerameikos

Bei Vorarbeiten zur Dokumentation eines Brunnens kamen im Kerameikos in Athen überraschend die Marmorporträts zweier Frauen aus der Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. zutage.

Die Porträts
Die beiden Porträts sind in ungewöhnlich gutem Zustand erhalten. Sie zeigen ein junges Mädchen und eine junge Frau mit der gleichen aufwendigen Haartracht: Die langen Haare sind in der Mitte gescheitelt, in Zöpfe geflochten und als breites Band vom Nacken aus über den Hinterkopf bis fast zur Stirn gelegt, dort umgeschlagen und festgesteckt. Diese Form der sogenannten „Scheitelzopffrisur“ wurde um 250 n. Chr. von Salonina, der Frau des Kaisers Gallienus (253-268 n. Chr.) getragen und damit als Modefrisur im gesamten Imperium Romanum verbreitet.
Die beiden Porträts waren einst vor dem Dipylon aufgestellt: entweder als Ehrenstatuen oder als Grabstatuen bzw. als liegende Figuren auf einem Marmorsarkophag in Klinenform.
Sie sind offenbar gleichzeitig abgeschlagen, durch einen gezielten Meißelhieb in zwei Teile gespalten und in den Brunnen geworfen worden.
Erst die Fortsetzung der Arbeiten kann Klarheit darüber bringen, zu welchem Zeitpunkt die Zerstörung erfolgt ist.

Der Brunnen
Gefunden wurden die Skulpturen in einem aus Steinen gemauerten und innen mit hydraulischem Mörtel verputzte Brunnen in 5,20m Tiefe und unterhalb des aktuellen Grundwasserspiegels.
Der Brunnen wurde schon 1934-1936 entdeckt und weitgehend untersucht, damals aber nicht dokumentiert, wohl wegen des hohen Grundwasserspiegels. Auch die Arbeiten 2013 konnten nur unter gleichzeitigem Einsatz von vier Pumpen ausgeführt werden.
Bisher sind drei Bau- und Verwendungsphasen des Brunnens feststellbar: Die Anlage erfolgte im 4. Jahrhundert v. Chr. mit einer Kalkstein-Einfassung und einer fest installierten Schöpfvorrichtung aus einem Balkengestell mit zentriertem Seilzug. Im späten Hellenismus wurde der Brunnenrand mit Tonplatten erhöht und die Innenseite des Brunnens neu verstuckt. In einer letzten Nutzungsphase wurde die Mündung mit Brecciablöcken (Spolien) erhöht und rechteckig eingefasst.

Seit 100 Jahren Forschungen im Kerameikos

Die Forschungen im Kerameikos werden seit hundert Jahren vom Deutschen Archäologischen Institut in Athen ausgeführt. Die Freilegung des Brunnens erfolgte unter Leitung von Dr. Jutta Stroszeck im Rahmen eines Forschungsprojektes zur Wasserversorgung der klassischen Badeanlage vor dem Dipylon. Das Grabungsteam im Kerameikos besteht 2013 aus griechischen und deutschen Mitarbeitern verstärkt durch eine kleine Gruppe Studenten verschiedener Universitäten (Berlin, Gießen, Mainz und Rostock).

Weitere Informationen finden Sie hier. 

 

Quelle:

Nicole Kehrer M.A.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Archäologisches Institut

Wikipedia trifft Archäologie

Erster Wikipedian in Residence im Deutsche Archäologischen Institut

Ab 1. Juni 2012 wird erstmals ein aktiver Wikipedia-Autor als Schnittstelle zwischen einer deutschen wissenschaftlichen Einrichtung und der freien Online-Enzyklopädie angestellt.

Mit dem sogenannten Wikipedian in Residence setzt das Deutsche Archäologische Institut (DAI) ein internationales Projekt der Wikipedia-Community in Deutschland um. Marcus Cyron, langjähriger Wikipedia-Autor, wird in den nächsten sechs Monaten den Austausch zwischen dem DAI und der ehrenamtlichen Wikipedia-Community anregen und professionell begleiten. Seine erste Aufgabe ist es, Wikipedia und den freien Zugang zu Wissen in der Langen Nacht der Wissenschaften in der Zentrale des DAI in Berlin zu präsentieren. Nachdem international bereits das British Museum oder das Chateau Versailles einen Wikipedian in Residence in ihre wissenschaftliche Arbeit integriert haben, übernimmt nun das DAI mit dem Modell eine Vorreiterrolle in Deutschland.

Zu Marcus Cyrons Kernaufgaben als Wikipedian in Residence wird gehören, die Wissenschätze des DAI für Wikipedia zu identifizieren sowie Workshops mit Kuratoren, Fachwissenschaftlern und anderen Mitarbeitern des Instituts zu realisieren. Ziel ist es, alle diese Gruppen zu befähigen, zu Wikipedia beizutragen und Artikel erstellen zu können. Darüber hinaus wird er Tagungen und Treffen zwischen Wikipedianern und Wissenschaftlern organisieren. Dazu sind Führungen mit Ehrenamtlichen geplant, die Informationen oder Bilder für Artikel generieren können.

Die Zusammenarbeit soll sowohl für das wissenschaftliche Institut als auch für die Aktiven im Projekt Wikipedia Früchte tragen. Durch den Austausch über die Arbeit des DAI und die wissenschaftlichen Erkenntnisse kann die Qualität von Wikipedia weiter verbessert werden. Sollte die Verknüpfung von Wikipedia-Artikeln mit den entsprechenden Quellen in DAI-Systemen zur Regel werden, steigt damit die Sichtbarkeit der Leistungen des DAI und die Häufigkeit der Aufrufe seiner Inhalte im Netz. Eine wichtige Rolle kann dabei das freie Medienarchiv Wikimedia Commons spielen, aus dem heute bereits 12 Millionen frei lizenzierte Fotos, Grafiken und andere Mediendateien direkt in Wikipedia eingebunden sind. Hier können ausgesuchte, urheberrechtsfreie und zur Publikation genehmigte Archiv- und Sammlungsbestände des DAI der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden – in Wikipedia und darüber hinaus.

Wikimedia Deutschland unterstützt die Partnerschaft des DAI mit dem Wikipedian in Residence. Der freie Zugang zu kulturell wertvollen Inhalten gehört zu den Kernzielen des Vereins. Bereits 2008 konnte in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bundesarchiv die Freigabe von mehr als 100.000 ausgesuchten Fotos erreicht werden. 2009 folgte die Öffentlichmachung von 60.000 Dateien aus der Deutschen Fotothek. Mögliche Inhalte des DAI wären Aufnahmen, die älter als 70 Jahre und urheberrechtsfrei sind, aber wichtige, heute teilweise nicht mehr erhaltene Zustände und Zusammenhänge wiedergeben. Dasselbe gilt für digitale Abbildungen aus Stichwerken des Barock oder Beschreibungen und Plänen aus frühen Archiven vor dem Beginn der Fotografie.

Das Modell des Wikipedian in Residence steht im Zeichen der Befreiung weiterer Inhalte und soll in Deutschland etabliert werden. So findet sich mit einer Ausschreibung der Stiftung Stadtmuseum Berlin ein weiteres Stellenangebot auf der Webseite von Wikimedia Deutschland.

Quelle:

Nicole Kehrer
Pressestelle
Deutsches Archäologisches Institut

Weitere Informationen hierzu finden Sie unter folgendem Link.

Römischer Kaiserkulttempel in Tunesien kann vor Verfall gerettet werden

Mit den soeben genehmigten Mitteln aus dem Kulturerhalt-Programm des Auswärtigen Amts kann der römische Kaiserkulttempel in Simitthus (Chimtou, ehem. Chemtou/Tunesien) vor dem bevorstehenden Verfall gerettet und für die Öffentlichkeit neu präsentiert werden. 

Der Tempel aus dem frühen ersten Jahrhundert n. Chr. war eines der wichtigsten Bauten des antiken Simitthus und wurde vielfach um- und ausgebaut. Anhand der außergewöhnlichen Baugeschichte des Tempels und seiner monumentalen Platzanlage soll dem Besucher die Geschichte der Stadt Simitthus und der Region von der römischen über die byzantinische bis in die islamische Zeit vermittelt werden. Im derzeitigen Zustand sind die verschiedenen Phasen nicht zu erkennen und die eindrucksvollen Reste sind durch Witterungseinflüsse vom Verfall bedroht. In Kooperation mit der tunesischen Denkmalbehörde Institut National du Patrimoine (INP) und dem Deutschen Archäologischen Institut, Abteilung Rom soll der Tempel vor der Zerstörung bewahrt und wiederhergestellt werden.

Transformationspartnerschaft

Für die von hoher Arbeitslosigkeit geprägte Region um das Dorf Chimtou schafft das nun möglich gewordene Projekt rund um den Kaiserkulttempel zusätzlich dringend benötigte Beschäftigung. Insbesondere nach dem sog. „Arabischen Frühling“ bildet dies eine Möglichkeit, die Menschen vor Ort kurzfristig zu unterstützen. Das Projekt ergänzt in idealer Weise die Maßnahmen des DAI im Bereich der Transformationspartnerschaft (wie etwa Personenförderung durch Kurse und Stipendien, Einrichtung einer neuen Marmorwerkstatt am Museum von Chimtou, usw.).

Beispielsweise wird für die Steinmetzarbeiten (Steinrestaurierung, Herstellung der Kunststeinblöcke, Versetzen der Steine) mit der Bayerischen Fachhochschule für Handwerk in München zusammengearbeitet. Die schon bewährte Einbindung lokaler Arbeitskräfte sowie von jungen Studierenden der Denkmalpflege an der Universität Tunis bietet die Möglichkeit der praktischen Fortbildung der tunesischen Arbeitskräfte.
Die Einbindung der Anlage in die antike Ruinenlandschaft und die naturräumliche Umgebung sowie die Unterstützung der Visualisierung der antiken Platzanlage wird im Rahmen eines Pilotprojektes von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, Fachbereich für Landschaftsnutzung und Naturschutz erarbeitet. Die Zusammenarbeit mit Hochschulen, die von dieser Kooperation für die Lehre profitieren, und das Anlernen lokaler Arbeitskräfte ermöglicht es, das Erscheinungsbild der Platzanlage an die natürliche Umgebung anzupassen und nachhaltig zu gestalten.

Simitthus und die archäologische Forschung 

Der Tempel liegt an der nördlichen Einfahrt in die römische Stadt Simitthus im heutigen Tunesien. Der Name der Stadt Simitthus stand in der Antike für den goldfarbenen Marmor, den sog. „giallo antico“. Bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. wurde hier unter den numidischen Königen der wertvolle Marmor gebrochen. Nach Verleihung des Koloniestatus an die Stadt Simitthus unter Augustus wurde die Marmorgewinnung weiter ausgebaut. Der „giallo antico“ wird in der römischen Epoche in Repräsentationsbauten in Rom im ganzen Reich verwendet (z.B. Pantheon, Rom). Heute können Besucher auf dem Areal des archäologischen Parks neben dem numidischen Höhenheiligtum auch die römische Stadt mit Forum, das Theater  oder die Thermen besichtigen.

Seit Mitte der 1960er Jahre führte das Deutsche Archäologische Institut, Abteilung Rom in enger Kooperation mit dem tunesischen Institut National du Patrimoine Ausgrabungen im antiken Stadtgebiet von Simitthus durch. Die Ergebnisse der Arbeiten wurden in drei Bänden der Reihe „Simitthus“ und in Zeitschriftenartikeln durch das DAI publiziert.
Die jahrzehntelange Zusammenarbeit zwischen dem DAI und dem INP stellt ein besonderes Beispiel deutsch-tunesischer Kooperation dar, die sich geradezu symbolisch in dem gemeinschaftlich errichteten Museum von Chimtou präsentiert.

Hier finden Sie mehr zum Projekt in Chimtou.

Hier finden Sie mehr über das Kulturerhalt-Programm.

Link zur Pressemitteilung des Dainst.

 

 

Quelle:

Nicole Kehrer M.A.

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Deutsches Archäologisches Institut

 

 

 

Internationales Kolloquium: Die Architektur des Weges – Gestaltete Bewegung im gebauten Raum

Eine Veranstaltung des Architektureferats des DAI

Bewegung und Raum konstituieren sich gegenseitig, denn Bewegung ist räumlich und ein Raum nur dann vollständig wahrnehmbar und erfahrbar, wenn man sich in ihm bewegt. Im architektonischen Raum sind Wege die Verbindung zwischen konkreten Orten. Ausgangspunkt, Verlauf, Zäsur, Orientierungsmarken, Abzweig, Kreuzung, Übergänge und Ziel sind die Grundelemente jeder Gestaltung von räumlichen Abfolgen. Während topologischen Modellen zumeist die Annahme zugrunde liegt, dass zwei Orte durch die kürzeste Verbindung, bzw. den Weg des geringsten Widerstandes miteinander verbunden sind, bemisst sich die Qualität eines architektonischen Weges nach kognitiven Gesichtspunkten, nach denen er zu erfahren ist: Länge, Bequemlichkeit, Abwechslung, Orientierung, Übersichtlichkeit und Zielführung. Hieraus ergibt sich das Erlebnis für denjenigen, der den gebauten Raum – suchend oder zielorientiert, in Eile oder promenierend – durchschreitet und schließlich an seinem Ziel ankommt.

Während raumzeitliche Konzepte für einige Epochen und Bauaufgaben relativ gut erforscht sind – für die Moderne zum Beispiel die Wegeführung und ihre Rolle für die Raumerfahrung in Le Corbusiers Villa Savoye, oder die Bedeutung der subjektiven Erfahrung und die Gestaltung von Architektur unter rhetorischen Gesichtspunkten für barocke Architektur – so wurde dies von der archäologischen Bauforschung bislang nur vereinzelt thematisiert. Als Beispiele wären hier die Überlegungen von Jens-Arne Dickmann zur räumlichen Erschließung pompejanischer Häuser, von Josef Maran zum Konzept des perforierten Raumes in mykenischen Palästen oder die Überlegungen zum Stadtraum von Pergamon von Felix Pirson zu nennen. Diese Fragen stellen sich aber auch für die Anlage von Wohnhäusern und Palästen anderer Epochen, für die Erschließung von Heiligtümern und Platzanlagen, die Raumfolgen von Thermen und Theatern, die Rhythmisierung von Basiliken und Kirchenanlagen sowie für die Gestaltung städtischer Räume. Zu fragen wären etwa:

In welcher Weise werden Volumen in den Raum gestellt und zueinander in Beziehung gesetzt, um Räume zu gestalten und Bewegungsabläufe zu lenken?
Wie werden Innenraum und Außenraum isoliert oder perforiert, um eine gegenseitige Durchdringung zu ermöglichen bzw. zu verhindern, um so Wege durch den Raum zu strukturieren?
Mit welchen gestalterischen Mitteln wird Bewegung in Räumen be- und entschleunigt, gefördert oder in sonstiger Weise beeinflusst?
In welchem Zusammenhang stehen Nutzungs- und Bewegungskonzepte unterschiedlicher Anlagen?

Das Architekturreferat des DAI lädt dazu ein, Studien zu diesem Fragenkomplex im Rahmen der 11. Diskussionen zur Archäologischen Bauforschung zu präsentieren. Anhand von konkreten baulichen Befunden soll untersucht werden, wie Wege im gebauten Raum durch Steuerung von Zugänglichkeit, Bewegungsmöglichkeit, Visibilität sowie Raumrhythmisierung gestaltet wurden. Durch die Rekonstruktion architektonischer Bildfolgen auf der Grundlage bauforscherischer Methoden sollen Anhaltspunkte für die konkreten Raumerfahrungen gesucht werden, die mit dem Durchschreiten durch den gestalteten Raum zu verbinden sind. Der Fokus ist dabei nicht auf die antike Architektur begrenzt, vielmehr wird auch ein Vergleich mit architektonischen Konzepten anderer Epochen und Kulturkreise angestrebt.

Das Kolloquium steht allen Interessierten offen und ist kostenlos.

Veranstaltungsort: 8.-11. Februar 2012 in Berlin, Fritz-Kolbe-Saal im Auswärtigen Amt und Theodor-Wiegand-Saal im Pergamonmuseum
Weitere Informationen zum Programm finden Sie hier.

Quelle:

Nicole Kehrer
Pressestelle
Deutsches Archäologisches Institut