Ein Massaker vor 7000 Jahren

Die gewaltsamen Auseinandersetzungen der europäischen Jungsteinzeit wurden mit großer Brutalität geführt, wie sie zuvor nicht bekannt war. Dies zeigen neue anthropologische Auswertungen eines rund 7000 Jahre alten Massengrabs im hessischen Schöneck-Kilianstädten durch Wissenschaftler der Universitäten Basel und Mainz. Die Resultate, veröffentlicht im Fachblatt „PNAS“, machen deutlich, dass die Opfer getötet und bewusst verstümmelt wurden.

Es war die Zeit, als in Zentraleuropa die ersten Menschen begannen, Landwirtschaft zu betreiben. Wie intensiv Konflikte und Kriege die Jungsteinzeit (5600 bis 4900 v. Chr.) – und speziell die sogenannte Bandkeramik-Kultur – prägten, ist in der Forschung umstritten. Insbesondere unklar ist, ob soziale Spannungen zum Untergang dieser Epoche geführt haben. Bekannt sind bisher zwei Massengräber jener Zeit (Talheim, Deutschland, und Asparn/Schletz, Österreich), die von kriegerischen Auseinandersetzungen herrührten.

Von neuen Erkenntnissen berichten nun Forscher der Universitäten Basel und Mainz, welche die Skelettteile des Massengrabs von Schöneck-Kilianstädten (Hessen) ausgewertet haben. Ihr Befund: Die prähistorischen Angreifer müssen gegen ihre Opfer mit zuvor nicht dagewesener Gewalt vorgegangen sein. In der 2006 entdeckten Fundstelle Schöneck-Kilianstädten untersuchten und analysierten die Wissenschaftler die Knochen und Skelette von mindestens 26 Erwachsenen und Kindern vor allem männlichen Geschlechts, von denen die meisten schwerste Verletzungen aufwiesen.

Folterungen und verstümmelte Beine

Gefunden und mit anthropologischen Methoden ausgewertet wurden neben verschiedenen Knochenverletzungen durch Pfeile auch zahlreiche massive Verletzungen an Schädel, Gesicht und Zähnen, die den Opfern teils auch kurz vor oder nach dem Tod zufügt wurden. Zudem wurden ihnen sämtliche unteren Gliedmassen – Waden und Schienbeine – systematisch gebrochen, was auf Folterungen und vorsätzliche Verstümmelungen durch die Angreifer schliessen lässt. Dass kaum Skelette von jungen Frauen gefunden wurden, deutet darauf hin, dass diese nicht an den Kämpfen beteiligt waren und allenfalls an einen anderen Ort verschleppt wurden.

Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass solche Massaker nicht isoliert auftraten, sondern in der späteren Jungsteinzeit in Zentraleuropa verbreitet waren. Dies zeigt sich etwa darin, dass die Fundstellen der bisher untersuchten Massakergräber aus jener Zeit relativ weit auseinanderliegen. Die immense und gezielte Gewaltausübung bei kämpferischen Konflikten hatte offenbar die Zerstörung ganzer Gemeinschaften zum Ziel, folgern die Forscher. Geleitet wurde die Arbeitsgruppe vom ehemaligen Leiter des Instituts für Anthropologie der Universität Mainz, Prof. Kurt W. Alt, seit 2014 Gastprofessor an der Universität Basel.

Originalbeitrag

Christian Meyer, Christian Lohr, Detlef Gronenborn, and Kurt W. Alt
The massacre mass grave of Schöneck-Kilianstädten reveals new insights into collective violence in Early Neolithic Central Europe
PNAS (2015), doi: 10.1073/pnas.1504365112

Weitere Infos gibt es hier.

Quelle:
lic. phil. Christoph Dieffenbacher
Kommunikation & Marketing
Universität Basel

In eigener Sache: Wissensbuch des Jahres 2015 – Ihr habt die Wahl!

„Wissensbuch des Jahres“ ist eine Auszeichnung, die von der Zeitschrift „bild der wissenschaft“ in sechs verschiedenen Kategorien verliehen wird. Die Jury besteht aus bekannten Wissenschaftsjournalisten und Presseverantwortlichen im deutschsprachigen Raum.

Nun sind die Nominierungen für 2015 bekannt gegeben worden – und mein Buch „Unter dem Asphalt“ ist mit dabei unter der Kategorie Überraschung!

Die Leser sind ein wichtiger Bestandteil der Jury; sie können ihre Stimmen abgeben bei der Wahl zum Wissensbuch des Jahres und haben dabei die Chance auf einen Buchgewinn. Bis zum 17. August könnt Ihr bei der Wahl mitmachen!

Hier geht es zur Wahlliste von „Wissensbuch des Jahres“.

DAI: Gemeinsame Forschungen zu Kaiserpalästen in Peking und Rom

Das Deutsche Archäologische Institut und das Palastmuseum Peking wollen in den nächsten Jahren eine enge Kooperation im Bereich der Palastforschung aufbauen.

Ziel der angestrebten Kooperation ist es am Beispiel der Verbotenen Stadt in Peking und dem römischen Kaiserpalast in Rom sowohl bei der archäologischen Untersuchung als auch der Erhaltung und Präsentation historischer Palastanlagen enger zusammen zu arbeiten. Hierbei soll die Expertise beider Vertragspartner besonders im Bereich der archäologischen Bauforschung für eine vergleichende Studie zu kaiserlicher Baukunst in China und Europa eingesetzt werden. Geplant sind gemeinsame Workshops, Publikationen und Ausstellungen.

Das Palastmuseum erforscht seit den 1950er Jahren intensiv die Baukunst und bauliche Entwicklung der Palastanlagen der chinesischen Kaiser der Ming und Qing Dynastie (15.-19. Jh.). Im Juni 2013 hat es ein eigenständiges archäologisches Institut gegründet, das Ausgrabungen im Palastbereich durchführt.

Am Architekturreferat wird seit vielen Jahren im Rahmen des Forschungsschwerpunktes Semantik der Architektur der Herrschaft die Entwicklung des Kaiserpalastes der römischen Kaiser auf dem Palatin in Rom erforscht. Beide Vertragsunterzeichner betonten die wichtige Rolle der Erforschung von historischer Architektur für ein besseres Verständnis der Entwicklung von Palastanlagen im Rahmen sich wandelnder Herrschaftsverhältnisse. Diese bildet auch eine unverzichtbare Grundlage sowohl für den verantwortungsvollen Schutz und die Restaurierung als auch der Präsentation der historisch bedeutsamen Anlagen, die beide zum Weltkulturerbe gehören.

Während ihres Aufenthaltes im Palastmuseum Peking haben Ulrike Wulf-Rheidt und Dietmar Kurapkat mehrere Grabungen und Restaurierungsarbeiten mit den chinesischen Kollegen besichtigt und über potentielle gemeinsame Projekte für die folgenden Jahre diskutiert. In einem Workshop wurden die durch die chinesischen Kollegen erzielten Grabungsergebnisse in unterschiedlichen Palastbereichen der verbotenen Stadt sowie die Forschungsergebnisse zu den Palastanlagen in Rom, Italien und Resafa, Syrien vorgestellt.

Weitere Infos zu der Kooperation zwischen dem DAI und dem Palastmuseum Peking gibt es hier.

Quelle:
Nicole Kehrer M.A.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Archäologisches Institut

Riesenhirsche lebten nach der Eiszeit noch in Deutschland

Tübinger Forscher rekonstruieren DNA des Megaloceros aus Höhlenfunden der Schwäbischen Alb und finden mögliche Ursachen für sein späteres Aussterben.

Das große Massensterben am Ende der letzten Eiszeit führte zum Verschwinden vieler Tierarten, darunter das Mammut, das Wollnashorn, die Höhlenbären und der bis zu 1,5 Tonnen schwere Megaloceros, auch Riesenhirsch oder Irischer Elch genannt. Die genauen Gründe für das Aussterben vieler Arten sind ungeklärt, wahrscheinlich ist dafür eine Kombination aus dem Klimawandel und der Bejagung durch den Menschen verantwortlich. Einige Tierarten überdauerten jedoch das Ende der letzten großen Kaltzeit etwas länger als andere. Zu diesen gehört der Riesenhirsch, der während der Eiszeit große Teile Eurasiens besiedelte. Er war auch nach der Eiszeit noch in Teilen Nordwesteuropas zu finden, bevor er vor rund 7.000 Jahren endgültig von der Bildfläche verschwand. Forschern der Universität Tübingen gelang es nun, mitochondriale Genome (mtDNA) aus 12.000 Jahre alten Hirschknochen von der Schwäbischen Alb zu isolieren und dadurch Details zu ihrer Verbreitung im Süden Deutschlands zu klären.

Die untersuchten Hirschknochen konnten bei Ausgrabungen in den Höhlen Hohle Fels und Hohlenstein-Stadel auf der Schwäbischen Alb geborgen werden. Der Riesenhirsch galt in dieser Gegend sowie in ganz Zentraleuropa seit dem Höhepunkt der letzten großen Kaltzeit vor 20.000 Jahren als ausgestorben. Wissenschaftler hielten die Funde zunächst für Elchknochen, da Elche zu der Zeit in Süddeutschland weit verbreitet waren. Die Rekonstruktion der mitochondrialen Genome durch das Forscherteam unter der Leitung von Johannes Krause vom Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie und die anschließende genetische Analyse der DNA zeigten jedoch, dass es sich bei den Funden um Knochen der Riesenhirschart Megaloceros giganteus handelt. „Es ist nicht leicht, Elch und Riesenhirsch anhand der Form kleiner Knochenfragmente zu unterscheiden. Es könnte durchaus noch mehr Knochen geben, die bisher dem Elch zugeordnet wurden, aber vom Riesenhirsch stammen”, sagt Johannes Krause.

Weiterhin kamen bisherige Studien zu keinem klaren Ergebnis, mit welchen heutigen Hirschen der Riesenhirsch am engsten verwandt war. Die Tübinger Forscher erstellten einen Datensatz aus der DNA 44 moderner Hirsche und der beiden späteiszeitlichen Riesenhirsche, um daraus einen Stammbaum zu rekonstruieren. Dabei erwies sich der Damhirsch als der engste lebende Verwandte des Riesenhirsches. Diese Spezies ist in Vorderasien heimisch und wurde in Europa erst zu Zeiten des Absolutismus im 17. Jahrhundert als Jagdwild eingeführt. „Anhand des Körperbaus wurde spekuliert, ob der Rothirsch am nächsten mit dem Riesenhirsch verwandt sei, dies können wir in unserer Studie klar widerlegen”, sagt Alexander Immel aus der Arbeitsgruppe Krause.

Die Forscher untersuchten zusätzlich die Verhältnisse der stabilen Isotope des Kollagens, einem Strukturprotein, das einen wesentlichen Bestandteil der Knochen bildet. Sie verglichen die Kohlenstoff-13 und Stickstoff-15-Werte der Riesenhirschknochen aus den schwäbischen Höhlen mit de-nen von Rothirschen, weiteren Riesenhirschen und Rentieren, die zum Beginn und zum Ende der letzten Kaltzeit lebten. „Vor der letzten Kaltzeit unterschieden sich die Werte von allen drei Arten, danach zeigte sich eine klare Übereinstimmung – das deutet auf einen kleiner werdenden Lebensraum hin oder auf eine sich überschneidende Ernährungsweise der Hirscharten”, meint Dorothée Drucker aus der Biogeologie, die das Kollagen untersuchte.

Die Forscher spekulieren, dass sich die Riesenhirsche nach der letzten Kaltzeit den Lebensraum und die Nahrung mit anderen Hirscharten teilen mussten. Zudem war ihr bis zu 3,40 Meter spannendes Geweih wenig geeignet für das Leben im zunehmend bewaldeten Europa. Wahrscheinlich setzten dem Riesenhirsch die Konkurrenz mit anderen Arten sowie eine mögliche Überjagung durch Menschen zu, was letztlich zum Aussterben dieser imposanten Hirsche führte.

Weitere Infos zu den Riesenhirschen gibt es hier.

Quelle:

Dr. Karl Guido Rijkhoek
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Archäologen restaurieren Kalifenpalast am See Genezareth

Institut für Altertumswissenschaften erhält Fördermittel aus dem Kulturerhalt-Programm des Auswärtigen Amts.

Für die Restaurierung des frühislamischen Kalifenpalastes Khirbat al-Minya am See Genezareth (Israel) erhält das Institut für Altertumswissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) im Rahmen des Kulturerhalt-Programms des Auswärtigen Amts Fördermittel in Höhe von 30.000 Euro. Der rund 5000 Quadratmeter große Palastkomplex wurde 1932 bis 1939 von deutschen Archäologen im Auftrag der katholischen Görresgesellschaft und des Museums für Islamische Kunst Berlin ausgegraben. Er liegt bis heute auf Grundbesitz des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande zu Köln und wird durch die Israel National Parks Authority verwaltet.

Der aus weißem Kalkstein auf schwarzem Basaltsockel errichtete Palast umschließt eine der ältesten Moscheen des Heiligen Landes. Erbaut wurde er durch den Kalifen Walid I. (705 bis 715 n. Chr.) aus der Dynastie der Umayyaden, die im Heiligen Land 661 bis 750 n. Chr. das erste Kalifat errichteten. Wenige Jahre nach Baubeginn erschütterte ein großes Erdbeben den Palast und verursachte einen Riss mitten durch die Moschee und den gesamten Ostflügel des Bauwerks, was wohl die Bauarbeiten vor ihrer Beendigung zum Erliegen brachte. Im Mittelalter entstand in der Anlage ein Siedeofen zur Verarbeitung des Zuckerrohrs, mit dem die Kreuzfahrer viel Geld verdienten, gleichzeitig aber durch den hohen Wasser- und Brennholzbedarf die Umwelt nachhaltig schädigten. Seit der Ausgrabung liegt die Ruine frei und ist durch Vegetation und Witterungseinflüsse in ihrem Bestand bedroht.

Luftaufnahme der Ausgrabungsstätte des frühislamischen Kalifenpalasts Khirbat al-Minya/ Foto: Courtesy of Yaniv Darvasi, The Hebrew University of Jerusalem
Luftaufnahme der Ausgrabungsstätte des frühislamischen Kalifenpalasts Khirbat al-Minya/ Foto: Courtesy of Yaniv Darvasi, The Hebrew University of Jerusalem

Die vom Auswärtigen Amt geförderte Restaurierung unterstreicht auch den hohen Stellenwert des Jubiläums „50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel“. „Die Restaurierung kommt fünf vor zwölf“, erklärt der Archäologe PD Dr. habil. Hans-Peter Kuhnen, Leitender Akademischer Direktor des Instituts für Altertumswissenschaften und Projektleiter, der seit 2009 mit Mainzer Studierenden archäologische Forschungen in Khirbat al-Minya unternimmt. „Wir konnten von Jahr zu Jahr den fortschreitenden Verfall des Palastes verfolgen. Mit dem Förderprojekt bekennt sich die Bundesrepublik zu ihrer Verantwortung für eine wichtige Ausgrabungsstätte, die ohne das deutsche Engagement in den 1930er Jahren nicht ausgegraben worden wäre. Gleichzeitig unterstützen wir damit die Arbeit der israelischen Nationalparkverwaltung, bieten unseren Studierenden praktische Erfahrungen in archäologischer Konservierung und setzen innerhalb der Archäologie ein Zeichen für den Dialog mit dem Islam“, erklärt Kuhnen, der 2014 zusammen mit Franziska Bloch vom Deutschen Archäologischen Institut einen Führer zu dem Palast herausgegeben hat.

Seit 1981 unterstützt die Bundesrepublik Deutschland im Rahmen des Kulturerhalt-Programms des Auswärtigen Amts die Bewahrung kulturellen Erbes in aller Welt mit dem Ziel, das Bewusstsein für die eigene nationale Identität im Partnerland zu stärken und einen partnerschaftlichen Kulturdialog zu fördern. Das Kulturerhalt-Programm des Auswärtigen Amts ist ein wirkungsvolles Instrument der deutschen Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Gerade der Beitrag von Kulturerhalt-Vorhaben zur Stabilisierung in Krisenstaaten und als Krisenprävention hat in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen.

Weitere Infos gibt es hier.

Quelle:
Petra Giegerich
Kommunikation und Presse
Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Tübinger Forscher stellt Seevölker-These infrage

Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs RessourcenKulturen für neue Erkenntnisse zur biblischen Archäologie ausgezeichnet

Jesse Millek, Doktorand des Sonderforschungsbereichs 1070 RessourcenKulturen an der Universität Tübingen, widerlegt in seiner Forschungsarbeit die bis heute in der biblischen Archäologie vieldiskutierte These, dass Seevölker aus dem nördlichen Mittelmeerraum für den Kollaps der Reiche in der Levante am Ende der Bronzezeit verantwortlich waren. Als Evidenz für diese Seevölker – Theorie gilt eine Inschrift aus dem Totentempel von Ramses dem III in Medinet Habu aus dem Jahr 1180 v.Chr., auf der die Invasion von Fremden, die über das Meer kamen, als Grund für den Niedergang ägyptischer Nachbarreiche genannt wird. Daraus leitete die bisherige archäologische Forschung ab, Seevölker aus dem Mittelmeerraum seien auch für den ökonomischen Kollaps in der Levante verantwortlich gewesen.

Nach neuesten Erkenntnissen spricht jedoch einiges dafür, dass die Ursachen für den starken Rückgang des Handels viel komplexer sind als bisher angenommen und eher auf einen internen, gesellschaftlichen Umwälzungsprozess und auf einen veränderten Umgang mit Ressourcen zurückzuführen sind. Die Dokumentationen archäologischer Grabungen an 16 Fundorten der Region werden in der Forschungsarbeit des SFB 1070 kritisch neu bewertet und ausdifferenziert. Ein Beispiel ist die Fundstätte Lachisch, 44 Kilometer südwestlich von Jerusalem, eine der größten und bedeutendsten Fundstätten der Levante.

In früheren Grabungen wurden in der spätbronzezeitlichen Zerstörungsschicht 7 die ausgebrannten Überreste eines Tempels und eines Gebäudes entdeckt. Diese Funde interpretierte man in Untersuchungen als Hinweise auf eine kriegerische Auseinandersetzung mit den Seevölkern. Die kritische Neubetrachtung der Grabungsdokumentation zeigt, dass bei der initialen Interpretation einige Faktoren übersehen wurden.

„Der bronzezeitliche Gebäudebrand in Lachisch begann nachweislich im Küchenbereich – auch in der Bronzezeit gab es ganz alltägliche Ursachen für Zerstörungen“, berichtet Jesse Millek. „Der Tempel weist keinerlei Vandalismus und keine Anzeichen von Schatzräuberei auf und wurde vor der Zerstörung vollständig geräumt. Alles deutet auf eine kultische Stilllegung der Stätte hin. Die heiligen Gegenstände wurden geordnet und systematisch entfernt. Der Standort des Tempels blieb dennoch als heilige Stätte tabu, auch in späterer Zeit.“ Die geordnete Stilllegung von Heiligtümern deutet auf einen veränderten Umgang mit spirituellen Ressourcen und eine kulturelle Neuordnung von Werten innerhalb der Gesellschaft hin. In der weiteren Forschungsarbeit soll nun geklärt werden, inwieweit der Rückgang des Handels mit diesem Wertewandel zusammen hängt.

Jesse Millek studierte zunächst Archäologie und Kunstgeschichte in New York und Leiden. Seit 2013 ist er Doktorand im SFB RessourcenKulturen an der Universität Tübingen und untersucht unter Leitung von Professor Jens Kamlah die Ressourcenkontrolle am Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit im Ostmittelmeerraum. Vor allem der Niedergang des Handels in der Spätbronzezeit in Israel und den umliegenden Ländern steht dabei im Forschungsinteresse.

Professor Jens Kamlah, Leiter des Teilprojekts A06, hebt die Bedeutung der Widerlegung der Seevölkerthese hervor: „Ziel unserer Forschung ist es, dem alten, stark vereinfachenden Modell die Beweise zu entziehen. Hierzu leistet die Arbeit von Jesse Millek einen wichtigen Beitrag. Der Zeitraum, den wir untersuchen, ist ausschlaggebend für die Entstehung des alttestamentarischen Israels, wie wir es aus der Bibel kennen. Das Aufzeigen der verschiedenen Gründe und komplexen wirtschaftlichen Zusammenhänge für den Handelsrückgang kann neue Einblicke in diese wichtige Epoche leisten.“

Für seine Forschung wurde Jesse Millek mit dem Sean W. Dever Memorial Prize ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich für bahnbrechende Veröffentlichungen im Bereich syro-palästinischer und biblischer Archäologie vergeben. Das William F. Albright Institute of Archaeological Research in Jerusalem honoriert damit einen innovativen Forschungsansatz.

 

Quelle:
Antje Karbe
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

HYPOGEA 2015 in Rom

Mitte März 2015 fand in Rom die „HYPOGEA 2015“ statt. Aus allen Teilen Europas waren Vereine wie auch Privatpersonen angereist, um an diesem Kongress teilzunehmen. Was sie miteinander gemein haben: Sie interessieren sich mit großer Leidenschaft für Räume im Untergrund. Beim diesjährigen Kongress legten die Veranstalter den Schwerpunkt auf Höhlenforschung und Unterwasser-Archäologie.

Bunker, Verkehrstunnel, Katakomben und Zisternen – die Unterwelten Europas sind vielseitig. Während unzählige Denkmäler auf der Oberfläche den Wandel der Zeit nicht überdauern konnten, haben sich im Boden Spuren der Vergangenheit auf einzigartige Weise erhalten. Unter unseren Füßen existieren Orte, die nahezu ungefilterte Einblicke in die Geschichte erlauben.

Während der Recherchen zu meinem Buch „Unter dem Asphalt“ gab es eigentlich keine Stadt, in der ich nicht Menschen kennengelernt hätte, die sich mit großer Leidenschaft für „ihre“ Unterwelten engagieren. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese verborgenen Bauwerke zu untersuchen, zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Damit leisten sie einen wichtigen kulturellen Beitrag zum Verständnis der Geschichte Europas. Ich freute mich darauf, auch auf dem Kongress in Rom wieder viele neue Experten der Unterwelt kennenzulernen, von ihren Projekten zu erfahren – und von ihrer Begeisterung angesteckt zu werden.

Auf der Hypogea 2015 in Rom (Foto: Leoni Hellmayr)
Auf der Hypogea 2015 in Rom (Foto: Leoni Hellmayr)

Zahlreiche Vorträge wurden gehalten. Da der diesjährige Kongress von italienischen Vereinen organisiert wurde, lag ein Schwerpunkt auf den unterirdischen Räumen des Gastgeberlandes: So haben nicht nur unter Rom und Neapel, sondern auch unter vielen anderen italienischen Städten jahrhundertealte Steinbrüche bis heute überdauert. Aus diesen bezogen die Bewohner das Baumaterial für ihre Städte. Auch später ließen sie die Hohlräume nicht ungenutzt, sondern verwendeten sie auf unterschiedlichste Weise weiter. Für die Forscher liegt heute die Herausforderung insbesondere darin, diese Räume zu restaurieren und dauerhaft zu stabilisieren. In Italien, aber auch in der Türkei existieren besonders viele Zisternen und Aquädukte aus der Antike. Sie zeugen von den bautechnischen Leistungen, mit denen die Menschen einst Trinkwasser aus weit entfernten Regionen in ihre Städte und Siedlungen beförderten. So haben Archäologen erst kürzlich an den Ufern des Küçükçekmece-Sees westlich von Istanbul zwei noch fast intakte Tunnel für die Wasserversorgung aus der Spätantike entdeckt. In den kommenden Jahren müssen die Forscher noch vielen offenen Fragen über diese Tunnel nachgehen. Auch zu den Unterwelten von Osteuropa wurden viele Vorträge gehalten, u.a. über die rund 6000 (!) natürlichen wie auch künstlichen schon erforschten Höhlen in Bulgarien oder die unterirdischen, in Felsen gehauenen Komplexe in Georgien. Ihre Ursprünge reichen zum Teil bis in das 5. Jahrhundert v. Chr. zurück.
Neben den Vorträgen organisierten die Veranstalter für die Teilnehmer mehrere Touren in den Untergrund von Rom: Hinab ging es zunächst in eines der besterhaltenen Mithräen Roms, in der Nähe des Circus Maximus gelegen. Es wurde im 3. Jahrhundert n. Chr. erbaut und bewahrt seit dieser Zeit ein besonders schönes Mithrasrelief aus Marmor.

Im Mithräum in der Nähe des Circus Maximus (Foto: Leoni Hellmayr)
Im Mithräum in der Nähe des Circus Maximus (Foto: Leoni Hellmayr)

Unter einem Wohnhaus im Stadtviertel Travestere stiegen wir über mehrere Stockwerke 20 Meter in die Tiefe hinab, um schließlich auf dem originalen Straßenpflaster des antiken Roms zu stehen. Ganz besonders beeindruckt war ich auch von einem mittelalterlichen Tuffsteinbruch unweit vom Kolosseum.

Tuffsteinbruch im Cave del Claudium (Foto: Leoni Hellmayr)
Tuffsteinbruch im Cave del Claudium (Foto: Leoni Hellmayr)

Nach den interessanten Diskussionen und Gesprächen in Rom ist mir persönlich einmal mehr klar geworden, wie wichtig der zukünftige Austausch und die Vernetzung der europäischen Untergrund-Vereine sind. Denn vielen dieser Vereine fehlt es (abgesehen von den finanziellen Mitteln) häufig auch an realisierbaren Plänen, um die unterirdischen Denkmäler in ihrer Region angemessen und dauerhaft sichern zu können. Der Kongress HYPOGEA hat eine Plattform geboten, um Erfahrungen austauschen zu können.

20 Meter unter der Oberfläche: Unterwegs auf dem originalen Straßenpflaster des antiken Roms (Foto: Leoni Hellmayr)
20 Meter unter der Oberfläche: Unterwegs auf dem originalen Straßenpflaster des antiken Roms (Foto: Leoni Hellmayr)

Mit vielen spannenden Eindrücken kehrte ich nach fünf Tagen in Rom wieder nach Berlin zurück. Den nächsten Termin des Kongresses habe ich mir bereits vermerkt: 2017 in Kappadokien. Schon jetzt freue ich mich darauf, die unterirdischen Städte dieser Region und viele andere Unterwelten kennenzulernen!

Kunst oder Fälschung?

Professionelle Kunstfälschungen sind selbst von Fachleuten nur schwer von den Originalen zu unterscheiden. Wie Fälschungen durch archäometrische Methoden – also naturwissenschaftliche Methoden, die zur Klärung archäologischer und teilweise auch historischer Fragestellungen angewendet werden – schlussendlich doch nachgewiesen werden können, ist Thema eines öffentlichen Abendvortrags am 25. März um 19:00 Uhr im Hörsaalgebäude des Fachbereichs Chemie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Professor Dr. Robert Fuchs, Leiter des Instituts für Konservierungs- und Restaurierungswissenschaft an der Fachhochschule Köln, hält den Vortrag mit dem Titel „Von falscher Kunst und kunstvoller Fälschung – Den Kunstfälschern auf der Spur“ im Rahmen der Jahrestagung „Archäometrie und Denkmalpflege 2015“ vom 25. bis zum 28. März in Mainz.

Die Jahrestagung wird ausgerichtet von der Johannes Gutenberg-Universität, dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum und dem Institut für Steinkonservierung e.V. Die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) ist im wissenschaftlichen Komitee durch Vorstandsmitglieder des Arbeitskreises Archäometrie vertreten. Neben dem Abendvortrag bietet die Tagung weitere 38 Vorträge und 51 Posterbeiträge an, die thematisch in die Bereiche Allgemeines/ Methode/Historie, organisches Material/Bio-Material, Glas, Keramik, Stein/Edelstein, Konservierung/Restaurierung, Metall sowie Mal-material/Maltechnik untergliedert sind.

Auf der deutschlandweit einzigartigen Veranstaltung treffen sich Naturwissenschaftler mit Vertretern der Nachbardisziplinen wie Archäologie, Kunstgeschichte, Restaurierung und Bauforschung. In Mainz wollen sie die einzige Bestandsaufnahme im nationalen Rahmen mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt zu den Forschungsgebieten Archäometrie und Erhaltung von Kunst- und Kulturgut durchführen.

Weiterführende Informationen finden sich unter www.ak-archaeometrie.de.

Quelle:
Dr. Renate Hoer
Abteilung Öffentlichkeitsarbeit
Gesellschaft Deutscher Chemiker

Keilschrift: Tontafeln am Computer rekonstruiert

Für die Altorientalistik kommt es einer Revolution gleich: Durch hoch aufgelöste 3D-Scans antiker Keilschrifttafeln und mit neu entwickelten Computerprogrammen erweitert sich der Forschungshorizont. Wissenschaftler aus Würzburg, Dortmund und Mainz treiben das einzigartige Projekt voran.

In den drei Jahrtausenden vor Christi Geburt war im Vorderen Orient eine Hochkultur entwickelt, die viele Informationen über sich hinterlassen hat: auf Tontafeln, beschrieben in Keilschrift. Bei dieser Art des Schreibens wurden keilförmige Buchstaben mit Schreibgriffeln in feuchte Tonplatten gedrückt, die schließlich getrocknet wurden – fertig war ein lange haltbares Schriftstück.

Bis heute hat man über 500.000 solche Tafeln entdeckt. Sie bieten spannende Einblicke in die Welt des Alten Orients. Die Texte schildern die Herstellung von Heilmitteln gegen Krankheiten, den Verlauf von Kriegen, religiöse Rituale oder bürokratische Akte. Auf einer sehr gut erhaltenen königlichen Landschenkungsurkunde zum Beispiel ist genau aufgeschrieben, wer an der Schenkung beteiligt war und welche Personen als Zeugen dabei waren.

Altorientalisten können die Keilschrift zwar lesen, doch die Entzifferung ganzer Texte ist bisweilen mühselig oder sogar unmöglich. Das liegt daran, dass die Jahrtausende alten Tontafeln meist in kleine Teile zerbrochen und über Museen in der ganzen Welt verstreut sind. „Wir stehen im Prinzip vor Tausenden von durcheinander geworfenen Puzzlespielen, die wir erst sortieren und zusammensetzen müssen, bevor wir sie lesen können“, sagt Gerfrid Müller, Professor am Lehrstuhl für Altorientalistik der Universität Würzburg.

Antike Puzzleteile mit High-Tech ordnen

Die Rekonstruktion antiker Tontafeln als Puzzlespiel: Diese Arbeit wird sich künftig viel leichter und zuverlässiger erledigen lassen – dank eines Forschungsprojekts, das seit zwei Jahren sehr erfolgreich läuft. Altertumswissenschaftler und Informatiker entwickeln dabei Methoden, mit denen sich Tontafelfragmente und die Schrift darauf mit hoher Präzision analysieren lassen. Gefördert wird das Projekt „3D-Joins und Schriftmetrologie“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

„Revolutionär und weltweit einmalig“ sei das, was bisher erarbeitet wurde, sagt Projektleiter Müller: Zuerst erfassen die Wissenschaftler die Bruchstücke der Tontafeln mit hochauflösenden 3D-Scannern. Mit den Daten entwickeln Informatiker dann neue Methoden, um die Eigenheiten der Tafeln und der Schriften genau zu erfassen. Im letzten Schritt werden die Puzzleteile computergestützt aneinandergepasst: Am Bildschirm entstehen dann rekonstruierte 3D-Modelle von Tontafeln, an denen die Altorientalisten mit der Textarbeit beginnen können.

Schriftstile einzelner Schreiber im Blick

Ein Schwerpunkt des Projekts liegt auf der Analyse der Schriftstile. Geht das überhaupt? Schließlich kannte man im Alten Orient ja keine Handschrift wie im heutigen Sinne. Doch auch die antiken Schreiber zeigten einen jeweils ganz eigenen Stil, wenn sie mit ihren Griffeln die weiche Tonmasse bearbeiteten: Mancher zog den Griffel so schwungvoll aus dem Ton, dass dabei eine Art „Schnörkel“ entstand, ein anderer drückte die Buchstaben in jeweils ganz charakteristischen Abständen in die Tafel.

Solche Eigenheiten der Schreiber lassen sich an den hochaufgelösten 3D-Modellen genau analysieren. Mit dieser Methode können die Altorientalisten das Tontafel-Puzzle am Ende auch aufgrund von Schriftmerkmalen zusammenfügen. „Wir haben bereits festgestellt, dass eine bislang für korrekt gehaltene Tafelrekonstruktion nicht stimmen kann“, sagt Müller. Die bisherige Vorgehensweise beim Puzzeln – anhand von Gipsabgüssen, Fotografien und Textabschriften – war da einfach zu ungenau. Die neue Methodik ermöglicht jetzt ein einfacheres, schnelleres und zuverlässigeres Zusammensetzen der Tontafeln.

Tontafeln aus Hattuscha im Mittelpunkt

Für das Projekt haben sich die Forscher zunächst auf Keilschrifttexte aus der antiken Stadt Hattuscha in Ostanatolien konzentriert. Diese Texte werden seit 2001 von der UNESCO als Weltkulturerbe geführt; mit ihrer Aufarbeitung ist federführend die Forschungsstelle „Hethitische Forschungen“ der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz befasst.

Unter den 30.000 Textfragmenten aus Hattuscha ist eine Gruppe von 6.000 bis 9.000 Fragmenten für die Wissenschaftler besonders interessant. Darauf sind Festrituale beschrieben, und die Kultanweisungen wiederholen sich sehr häufig – das heißt, die Puzzleteile sehen sich alle sehr ähnlich. Mit den herkömmlichen Mitteln sind diese Tafeln darum außerordentlich schwer zu rekonstruieren. Mit der neuen Technik sollte das relativ einfach gelingen.

Scans aus Ankara, Berlin und Istanbul

Bislang haben Müller und sein Mitarbeiter Michele Cammarosano 1.800 Tafelfragmente aus dem Fund von Hattuscha eingescannt. Dr. Cammarosano war dafür unter anderem in Museen in Ankara, Berlin und Istanbul tätig. Seine Scan-Arbeit geht weiter, und auch die beteiligten Informatiker tüfteln an neuen Algorithmen. Unter anderem wollen sie erreichen, dass sich auch die Krümmung der Tafelfragmente für die Zuordnung im Puzzle ausnutzen lässt.

Keilschrift-Datenbank für die Forschung

Als mittelfristiges Ziel des Projekts nennt Gerfrid Müller eine Keilschriftdatenbank, die übers Internet öffentlich und für andere Forschungsgruppen zugänglich gemacht werden soll. Das könnte voraussichtlich 2016 der Fall sein. Die Altorientalisten der Welt können ab dann noch besser daran arbeiten, aus den Keilschrifttexten mehr über den Alten Orient zu erfahren.

Projektpartner aus Dortmund, Mainz und Würzburg

Bei diesem Projekt kooperiert der Würzburger Lehrstuhl für Altorientalistik (Projektleiter Gerfrid Müller und Michele Cammarosano) mit der Forschungsstelle „Hethitische Forschungen“ der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Gernot Wilhelm) sowie mit dem Lehrstuhl für Graphische Systeme (Informatik VII) der Technischen Universität Dortmund (Denis Fisseler und Frank Weichert).

 

Mehr Infos zu dem Projekt gibt es hier.

 

Quelle:
Robert Emmerich
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Pyramiden der Welterbestätte Meroë

S.E. Sheikh Hassan bin Mohammed bin Ali Al Thani, Stellvertretender Vorsitzender von Qatar Museums (QM) unterzeichnete heute einen Vertrag mit dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI). Das Deutsche Archäologische Institut wurde von Sheikh Hassan eingeladen, an der von ihm geleiteten Qatari Mission for the Pyramids of Sudan (QMPS) mitzuarbeiten. Damit startet noch in diesem Jahr ein groß angelegtes Projekt, um die bedeutenden Denkmäler vor weiterem Verfall zu schützen.

Die antike Stadt Meroë war in den Jahrhunderten um Christi Geburt die Hauptstadt des Königreiches von Kusch. Sie liegt im heutigen Sudan, etwa 220 Kilometer nördlich der modernen Metropole Khartoum. Im schmalen Fruchtlandstreifen des Niltals wurde Meroë als prachtvolle Residenzstadt mit großzügigen Wohngebäuden, Tempeln und den einzigartigen Königlichen Bädern am rechten Nilufer zwischen dem 6. und 5. Katarakt erbaut. Östlich der Stadt liegen am Rand der Wüste die königlichen Nekropolen mit ihren charakteristischen steilwandigen Pyramiden. Durch Umwelteinflüsse, besonders durch die seit den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts aufgrund von Bodenerosion zunehmenden Sandstürme, sind die Pyramiden akut gefährdet. Es gilt diese wichtigen Zeugnisse der frühen Kulturen des Nil zu konservieren und behutsam zu restaurieren.

2011 wurde Meroë von der UNESCO in die Welterbe-Liste aufgenommen. Konzepte für den Erhalt der Welterbestätte und zu deren touristischer Erschließung sind wichtige Bestandteile der Nominierung. Ziel der Qatari Mission for the Pyramids of Sudan (QMPS) ist es, in Zusammenarbeit mit internationalen Spezialisten die Pyramiden der Welterbestätte Meroë zu bewahren. Das Projektvolumen ist derzeit bei 3 Mio US $ angesetzt. Das Pyramidenprojekt ist ein zentraler Baustein eines weiter gefassten Forschungsnetzwerkes.

Qatar Museums (QM) und die Antikenbehörde des Sudan, die Sudanese National Corporation for Antiquities & Museums (NCAM), haben mit dem Qatar Sudan Archaeological Project die Rahmenbedingungen für internationale Kooperationen in Forschungsprojekten zum Sudan geschaffen. Auch das Deutsche Archäologische Institut ist mit Projekten zu den königlichen Bädern in Meroë und zur Stadt Hamadab an dem groß angelegten Forschungsnetzwerk beteiligt.

Die deutsche Forschung blickt im Sudan auf eine lange Tradition zurück. Grundlegende Arbeiten zur Architektur und Kultur des Mittleren Niltals leistete seit etwa 1960 der Architekt und Bauforscher Friedrich W. Hinkel, der 2007 verstarb und das weltweit umfangreichste Archiv zur Archäologie und Baugeschichte des antiken Sudan hinterließ. Das Archiv wird heute im Deutschen Archäologischen Institut aufbewahrt. 2014 startete das Qatar Sudan Archaeological Project und das Deutsche Archäologische Institut eine Kooperation zur Digitalisierung des Archivs. Als Ergebnis wird das Digitale Friedrich Hinkel Forschungszentrum 2017 während des bilateralen Kulturjahrs zwischen Deutschland und Katar eröffnet. Es entsteht damit eine virtuelle Forschungsumgebung, die sich an zwei Orten, in Berlin und in Khartoum, mit entsprechenden Arbeitsumgebungen konkretisieren wird und im Sudan zur wichtigen Grundlage für den Ausbau der digitalen Erfassung des kulturellen Erbes werden wird. Die digitale Erfassung und Verwaltung von Kulturdenkmälern ist heute Grundlage für einen umfassenden Schutz des kulturellen Erbes und ein unverzichtbares Werkzeug jeder Denkmalbehörde.

Weitere Infos über das Qatar Sudan Archaeological Project findet ihr hier.

Quelle:

Nicole Kehrer
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Archäologisches Institut