Volltreffer bei Grabung in Gernsheim

Frankfurter Uni-Archäologen haben im Rahmen einer studentischen Lehrgrabung in Gernsheim im Hessischen Ried das seit Langem gesuchte Römerkastell entdeckt: Zwischen 70/80 und 110/120 n. Chr. war dort eine Truppeneinheit mit etwa 500 Soldaten (Kohorte) stationiert. Nachgewiesen wurden in den vergangenen Wochen zwei für entsprechende Kastelle typische Spitzgräben, die Pfostenlöcher eines hölzernen Turms der Umwehrung sowie weitere Befunde aus der Zeit nach der Auflassung des Kastells.

Ungewöhnlich zahlreich sind die Funde. Denn die römische Truppe legte bei ihrem Abzug das Kastell nieder und verfüllte die Gräben. Dabei wurde vor allem im inneren Spitzgraben viel Abfall entsorgt – „ein Glücksfall für uns“ – so Prof. Dr. Hans-Markus von Kaenel vom Institut für Archäologische Wissenschaften der Goethe-Universität – „wir haben Kiste um Kiste mit Scherben von Fein-, Grob- und Transportkeramik gefüllt; ihre Bestimmung wird es erlauben, das Ende des Kastells zeitlich genauer einzugrenzen als bislang möglich“.

Über das römische Gernsheim war bisher wenig bekannt, obwohl hier seit dem 19. Jahrhundert immer wieder römische Funde zutage treten. „Sicher schien aufgrund der Funde bisher nur, dass hier vom 1. bis 3. Jahrhundert eine bedeutende dorfartige Siedlung, ein ‚vicus‘, gelegen haben muss, vergleichbar etwa mit ähnlichen Dörfern, die bereits in Groß-Gerau, Dieburg oder Ladenburg nachgewiesen werden konnten“, erläutert Grabungsleiter Dr. Thomas Maurer, der seit Jahren von Frankfurt aus nach Südhessen auf Spurensuche geht und seine Ergebnisse in einer großen Publikation über das nördliche Hessische Ried in der römischen Kaiserzeit veröffentlicht hat.

„Angenommen wurde“ – so Maurer weiter –, „dass diese Siedlung aus einem Kastell hervorgegangen sein müsse, war es doch üblich, dass die Angehörigen der Soldaten vor dem Kastell in einer dorfartigen Siedlung lebten.“ „Diese Grabungskampagne ist ein echter Volltreffer“, freut sich Prof. Dr. Hans-Markus von Kaenel, „die Ergebnisse stellen einen Meilenstein in der Rekonstruktion der Geschichte des Hessischen Ried in der römischen Zeit dar.“ Seit bald 20 Jahren kümmert sich von Kaenel zusammen mit seinen Mitarbeitern und Studierenden im Rahmen von Surveys, Ausgrabungen, Materialaufarbeitungen und Auswertungen um diesen Raum; die Ergebnisse sind in über 50 Beiträgen publiziert worden.

Die Römer errichteten das Kastell in Gernsheim, um in den 70er Jahren des 1. Jh. n. Chr. den rechtsrheinischen Raum großflächig in Besitz zu nehmen und die Verkehrsinfrastruktur vom und zum Zentrum Mainz-Mogontiacum auszubauen. Für die große Bedeutung von Gernsheim am Rhein in römischer Zeit spricht seine verkehrsgünstige Lage, hier zweigte eine Straße an den Mainlimes von der Fernstraße Mainz – Ladenburg – Augsburg ab. Auch die Existenz eines Rheinhafens wird vermutet, was durch diese Grabung allerdings nicht bestätigt werden konnte – „das war schon durch die Auswahl des Areals nicht zu erwarten“, so Maurer. Gernsheim hat sich im 20. Jahrhundert immer stärker ausgedehnt, was die archäologischen Spuren mehr und mehr zu verwischen drohte. Lagen die römischen Überreste um 1900 größtenteils noch unter Äckern und Gärten, so wurden sie peu à peu überbaut und gingen damit der planmäßigen archäologischen Forschung verloren. Das letzte größere Areal, in dem mit römischen Funden zu rechnen war, war ein Gebiet im Südwesten der Stadt zwischen der B 44 und dem Winkelbach. Doch 1971 rückten auch hier die Bagger an. Maurer ergänzt: „Nur notdürftig konnten damals einige römische Funde von ehrenamtlichen Helfern der Denkmalpflege geborgen werden.“

Am 4. August dieses Jahres startete auf einem der wenigen noch unbebauten Grundstücke, ein Doppelgrundstück an der Nibelungenstraße 10-12, die diesjährige Lehrgrabung des Instituts für Archäologische Wissenschaften der Goethe-Universität. „Nach meiner Kartierung der lokalisierbaren Gernsheimer Fundstellen befinden wir uns ganz am westlichen Rand der Fundkonzentration, unmittelbar am Rand der Niederterrasse, denn der nicht weit entfernte Winkelbach verläuft bereits in der Rheinniederung“, erklärt Grabungsleiter Maurer. Auf fast allen benachbarten Grundstücken wurden in den 1970er und 80er Jahren vereinzelt römische Funde notiert. „Der Platz erschien daher als lohnenswertes Grabungsziel, was sich voll bestätigt hat.“

Weitere Infos zur Grabung in Gernsheim gibt es hier. 

Quelle:
Ulrike Jaspers
Marketing und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Grabungen auf dem Kapellenberg

Auch in diesem Jahr werden die archäologischen Untersuchungen im Innenraum der jungsteinzeitlichen Höhensiedlung Kapellenberg in Hofheim/Ts. fortgeführt. Ziel der am 1. September beginnenden Grabungen ist das Verständnis der ehemaligen Bebauungsdichte und die Frage, wie viele Menschen dort zugleich gewohnt hatten – letztlich, ob man von einer frühen Stadt sprechen kann.

Die Grabungen konzentrieren sich wieder auf das bereits im Jahr 2013 untersuchte Areal. Dort fanden die Archäologen des Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz Konzentrationen von Keramik, Lehm, Holzkohle und einige Steingeräte aus der Zeit um 4000 v. Chr. Die Funde zeigen, dass noch Teile der ehemaligen Oberfläche um die damaligen Häuser erhalten sind. Das macht den Kapellenberg aus archäologischer Sicht so bedeutend, denn in den meisten steinzeitlichen Siedlungen sind diese Oberflächen abgeschwemmt.

Geophysikalische Prospektion auf dem Kapellenberg durch Patrick Mertl, Universität Mainz, August 2014. (Foto: RGZM / D. Gronenborn)
Geophysikalische Prospektion auf dem Kapellenberg durch Patrick Mertl, Universität Mainz, August 2014. (Foto: RGZM / D. Gronenborn)

Bereits im Frühjahr 2014 ist in Kooperation mit Prof. Dr. Heinrich Thiemeyer von der Goethe-Universität in Frankfurt das Plateau des Kapellenberges und die seitlichen Hänge abgebohrt worden, so dass nun die Erosions- und Umgestaltungsgeschichte der Oberfläche besser verstanden ist. Demnach wurde bereits vor 6000 Jahren der Boden weitgehend durch die Siedlungsaktivitäten verändert. Im kommenden Herbst und Winter werden geophysikalische Messungen an geeigneten Flächen weitere Informationen zur Besiedlungsdichte geben, ein erster Versuch im August erbrachte vielversprechende Ergebnisse.

Letztendlich zielen alle diese Forschungen auf die Frage nach der ehemaligen Besiedlungsdichte und Größe der Höhensiedlung – es geht es um den Beginn städtischer Siedlungen in Mitteleuropa. Während man früher städtische Strukturen erst zu Beginn der Eisenzeit sehen wollte, zeigen neue Forschungen, dass Siedlungen mit vielen Tausend Einwohnern als Zentrum eines Umlandes bereits um 4000 v. Chr. in mehreren Regionen Europas existierten. Anhand des Kapellenberges lassen sich diese Fragen ausgezeichnet untersuchen.

Die Grabung und die Prospektionen werden ausgerichtet vom RGZM und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Kooperation mit der hessenARCHÄOLOGIE und unterstützt von der Stadt Hofheim. Das Grabungsteam besteht aus Studierenden der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und wird geleitet von Timo Lang M.A.

Mehr Infos zu den Grabungen auf dem Kapellenberg gibt es hier. 

Quelle:
Christina Nitzsche
Vermittlung und Öffentlichkeitsarbeit
Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM) – Forschungsinstitut für Archäologie

Leo Frobenius und die Felsbilder Afrikas

Das Goethe-Institut in Paris zeigt bis zum 22. Juli eine Reihe weltweit einzigartiger Felsbilder aus dem Archiv des Frankfurter Frobenius-Instituts an der Goethe-Universität. Die Ausstellung „Auf dem Weg nach Atlantis: Leo Frobenius und die Felsbilder Afrikas“ geht der abenteuerlichen Entstehungsgeschichte dieser Bilder in der Zentralsahara und den Savannen Simbabwes nach, die gleichzeitig einen Startpunkt für die öffentliche Wahrnehmung der älteren Geschichte des afrikanischen Kontinents in Deutschland darstellte.

Der Frankfurter Kurator Dr. Richard Kuba, Ethnologe und Leiter der Sammlung am Frobenius-Institut, erläutert die Hintergründe: „Unsere Ausstellung erzählt auch die spektakuläre Ausstellungsgeschichte der Sammlung, die in den 1930er Jahren u.a. im Berliner Reichstag, im Pariser Pleyel und im Trocadéro sowie im New Yorker MoMA gezeigt wurde. Als Wissenschaftsbilder längst überholt und heute weitgehend vergessen, waren diese ungesehenen Bilder eine Quelle der Inspiration für die künstlerische Avantgarde.“ Verbunden mit der Pariser Ausstellung sind auch öffentliche Vorträge und ein Kolloquium zur „Verflechtungsgeschichte der Ethnologie“.

 

Felsbild aus Simbabwe. Abgebildet sind Elefanten, eine Schlange, springende Tiere, Bäume sowie liegende Gestalten. (© Frobenius-Institut)
Felsbild aus Simbabwe. Abgebildet sind Elefanten, eine Schlange, springende Tiere, Bäume sowie liegende Gestalten. (© Frobenius-Institut)

Bereits auf seinen ersten Expeditionen durch den belgischen Kongo von 1904 bis 1906 und durch Westafrika von 1907 bis 1909 war der deutsche Ethnologe Leo Frobenius (1873-1938) auf der Suche nach den ursprünglichen Formen afrikanischer Kulturen und glaubte sich bisweilen auf den Spuren des alten Atlantis. Ab 1912 haben Malerinnen und Maler, die Frobenius für seine insgesamt 12 Afrika-Expeditionen engagierte, Kopien von Felsbildern angelegt. Dazu Kuba: „Vor Ort in Nordafrika, in der Sahara und im südlichen Afrila haben sie die prähistorischen Malereien und Gravuren in Farbe und und oftmals in Originalgröße auf Leinwand kopiert.“ In den 1930er Jahren folgten dann Felsbild-Expeditionen in europäische Länder sowie nach Australien und Indonesien. Bis zu Frobenius Tod im Jahre 1938 entstand so eine weltweit einzigartige Sammlung von fast 5000 Felsbildkopien, die noch heute überwiegend im Archiv des Frobenius-Instituts erhalten ist.

 

 

Felsbild aus Simbabwe. Große, rote sitzende Gestalt. (© Frobenius-Institut)
Felsbild aus Simbabwe. Große, rote sitzende Gestalt. (© Frobenius-Institut)

Leo Frobenius war eine schillernde Persönlichkeit: Abenteurer und Afrika-Entdecker, Ethnologe und Kulturphilosoph, Monarchist und Ideenspender für ein neues Afrika-Bild, das in der nachkolonialen Phase entscheidenden Einfluss auf die Entstehung der emanzipatorischen Négritude-Bewegung hatte. Frobenius, der Mitte der 1920er Jahre an das eigens für ihn gestiftete Institut für Kulturmorphologie an die Universität Frankfurt kam, war getrieben von der Vorstellung, sich mit aller Kraft gegen Modernisierung und Rationalisierung stemmen zu müssen. Und in Afrika schien er all das in den Mythen, Masken und Malereien zu finden, was in Europa an Wert verlor. Soeben ist übrigens in der von der Goethe-Universität herausgegebenen Biographie-Reihe „Gründer, Gönner und Gelehrte“ ein Band über Leo Frobenius im Societäts-Verlag erschienen. Der Autor und Ethnologe Prof. Dr. Bernhard Streck von der Universität Leipzig setzt sich intensiv mit Frobenius und seiner Kulturmorphologie auseinander.

Weitere Infos gibt es hier. 

Quelle:
Ulrike Jaspers
Marketing und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Unter Mexiko-Stadt

Nach dem Sieg über die Azteken im 16. Jahrhundert hatten die spanischen Kolonialherren das aztekische Tenochtitlán so konsequent zerstört, dass heute an der Oberfläche nichts mehr an diese Stadt erinnert. Nur im Untergrund von Mexiko-Stadt konnten Spuren Tenochtitláns die Zeit der spanischen Kolonialherrschaft überdauern…

Hier geht es zum lesenswerten Bericht „Under Mexico City“ im Magazin „Archaeology“!

Deutsche Archäologen entdecken Goldmünzen aus dem 6. Jahrhundert in einem koptischen Kloster in Luxor

Ein Team des Deutschen Archäologischen Instituts hat im Kloster Deir el-Bachît, dem antiken Pauloskloster (Dra’ Abu el-Naga Nord/Theben-West), einen aus 29 byzantinischen Goldmünzen bestehenden Hortfund entdeckt.

Der Münzhort wurde in einer kleinen Kapelle gefunden, die in ein pharaonisches Grab eingebaut war und zu den ältesten Einrichtungen des Klosters gehört. Die Münzen selbst waren in ein Tuch gewickelt in einer Säule des Altartisches versteckt und können in zwei Gruppen unterteilt werden: 18 größere Münzen, bei denen es sich um Solidi handelt, und elf kleinere, sog. Tremisses.
Nach einer ersten Sichtung lassen sich die Münzen den Kaisern Valens, Valentinian, Justin I. und Justinian I. zuordnen. Mit dem dadurch gewonnenen Datierungsansatz für eine Deponierung im 6. Jahrhundert n. Chr. findet sich der früheste Nachweis für eine Klosterkapelle in Theben-West. Darüber hinaus liefert der Fund einen zeitlichen Beleg für die Umwandlung der von einem Eremiten seit dem 5. Jahrhundert n. Chr. als Wohnbehausung genutzten Grabhöhle in ein sakrales Zentrum, das bis ins 12. Jahrhundert Bestand hatte, wie Besucherinschriften belegen. Der Fund gibt außerdem interessante Einblicke in die ökonomische Situation eines Klosterverbandes der Spätantike.

Die Ausgrabung findet im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Kooperationsprojektes zwischen dem Deutschen Archäologischen Institut Kairo (Dr. Daniel Polz), dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz (Dr. Ina Eichner) und der Ludwig-Maximilians-Universität München (Dr. Thomas Beckh) statt.

 

Weitere Infos gibt es hier.

Quelle:
Nicole Kehrer M.A.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Archäologisches Institut

Einzigartiger Schädelfund widerlegt frühmenschliche Artenvielfalt

Paläoanthropologen der Universität Zürich haben im georgischen Dmanisi den intakten Schädel eines Frühmenschen gefunden. Dieser Fund zwingt die Paläoanthropologie zum Umdenken: Die menschliche Artenvielfalt vor zwei Millionen Jahren war viel kleiner als bisher angenommen. Dafür war die Vielfalt beim «Homo erectus», der ersten globalen Menschenart, so gross wie beim heutigen Menschen.

Es ist der bis jetzt am besten erhaltene Fossilfund aus der Frühzeit unserer Gattung. Pikant ist, dass er über eine Kombination von Merkmalen verfügt, die bis jetzt unbekannt war: Der Schädel, den Anthropologen der Universität Zürich in einer vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Zusammenarbeit mit georgischen Kollegen in Dmanisi gefunden haben, hat das grösste Gesicht, die massivsten Kiefer und Zähne und das kleinste Gehirn innerhalb der Dmanisi-Gruppe.
Es ist der fünfte Schädelfund aus Dmanisi. Bis dahin fand man in Dmanisi vier ebenfalls gut erhaltene Frühmenschenschädel sowie einige Skelettteile. Alle Funde zusammen zeigen, dass bereits vor 1.85 Millionen Jahren die ersten Vertreter der Gattung «Homo» sich aus Afrika über Eurasien auszubreiten begannen.

Vielfalt innerhalb der Art anstatt Artenvielfalt

Weil der Schädel vollständig erhalten ist, lassen sich verschiedene Fragen klären, die bis jetzt ein weites Feld für Spekulationen boten. Es geht dabei um nichts weniger als den evolutionären Beginn der Gattung «Homo» in Afrika vor etwa zwei Millionen Jahren zu Beginn der Eiszeit, auch Pleistozän genannt. Gab es damals in Afrika mehrere spezialisierte «Homo»-Arten, von denen zumindest eine sich auch ausserhalb Afrikas behaupten konnte? Oder gab es nur eine einzige Art, die sich in den verschiedensten Ökosystemen zurechtfand? Obwohl die frühmenschlichen Funde aus Afrika eine grosse Formenvielfalt aufweisen, liess sich diese Frage bis anhin nicht entscheiden. Ein Grund liegt in den verfügbaren Fundstücken, wie Christoph Zollikofer, Anthropologe der Universität Zürich erläutert: «Es handelt sich um meist fragmentarische Einzelfunde, die über weite räumliche Distanzen verstreut sind, und die zudem aus einer Zeitspanne von mindestens 500’000 Jahren stammen. Somit ist letztlich nicht klar ist, ob es sich bei den afrikanischen Fossilien um Artenvielfalt handelt, oder um Vielfalt innerhalb einer Art».

So viele Arten wie Forscher

Auf einen weiteren Grund weist Marcia Ponce de León, auch sie ist Anthropologin an der Universität Zürich, hin: Paläoanthropologen gingen oft stillschweigend davon aus, dass das Fossil, das sie gerade gefunden hatten, repräsentativ sei für die Art, das heisst, dass es diese gut charakterisiere. Dies sei statistisch zwar nicht sehr wahrscheinlich, dennoch gäbe es Forschende, die bis zu fünf gleichzeitig existierende frühe Arten der Gattung «Homo» in Afrika postulierten, wie etwa «Homo habilis», «Homo rudolfensis», «Homo ergaster», «Homo erectus», u.a.m. Ponce de León bringt das Problem auf den Punkt: «Zur Zeit gibt es eben so viele Unterteilungen in Arten, wie es Wissenschaftler gibt, die sich mit diesem Problem beschäftigen».

Dank Perspektivenwechsel Entwicklung des «Homo erectus» über eine Million Jahre verfolgen

Dmanisi bietet nun den Schlüssel zur Lösung. Laut Zollikofer ist der fünfte Schädel deshalb so wichtig, weil er in sich Merkmale vereint, die bisher als Argument gebraucht wurden, um verschiedene afrikanischen «Arten» zu charakterisieren – mit anderen Worten: «Wären Hirn- und Gesichtsschädel des Dmanisi-Exemplars als Einzelteile gefunden worden, wären sie mit grosser Wahrscheinlichkeit zwei verschiedenen Arten zugeordnet worden». Ponce de León fügt an: «Entscheidend ist auch, dass wir in Dmanisi fünf gut erhaltene Individuen haben, von denen wir wissen, dass sie am selben Ort und zur selben Zeit gelebt haben». Diese einzigartige Fundsituation macht es möglich, die Formenvielfalt in Dmanisi mit der Formenvielfalt innerhalb moderner Populationen des Menschen und des Schimpansen zu vergleichen. Zollikofer fasst das Resultat der statistischen Analysen zusammen: «Bei den Dmanisi-Funden handelt es sich erstens um die Population einer einzigen fossilen Menschenart. Zweitens unterscheiden sich die fünf Dmanisi-Individuen tatsächlich stark voneinander, aber auch nicht mehr als fünf be¬liebige Menschen oder fünf beliebige Schimpansen aus einer modernen Population».
Vielfalt innerhalb einer Art ist also die Regel, nicht die Ausnahme. Die aktuellen Resultate werden von einer weiteren, vor Kurzem in der Zeitschrift PNAS publizierten Studie gestützt: In dieser zeigen Ponce de León und Zollikofer mit Kollegen, dass bei den Dmanisi-Hominiden wesentliche Unterschiede der Gesichtsform auf den individuell unterschiedlichen Abnützungsgrad ihrer Gebisse zurückzuführen sind.

Damit ist ein Perspektivenwechsel angezeigt: Bei den afrikanischen Fossilien aus der Zeit vor etwa 1.8 Millionen Jahren handelt es sich wohl um Vertreter ein und derselben Art, die am besten als «Homo erectus» bezeichnet wird. «Homo erectus» ist demnach vor etwa zwei Millionen Jahren in Afrika entstanden und hat sich bald danach über Eurasien – dort unter anderem auch via Dmanisi – bis nach China und Java ausgebreitet, wo er ab etwa 1.2 Millionen Jahren nachgewiesen ist. Ein Vergleich der Formenvielfalt in Afrika, Eurasien und Ostasien lässt Rückschlüsse auf die Populationsbiologie dieser ersten globalen Menschenart zu.

«Homo erectus» ist also der erste «Global Player» der menschlichen Evolution. Seine Neudefinition bietet jetzt Anlass, die Entwicklung dieser fossilen Menschenart über einen Zeitraum von einer Million Jahren zu verfolgen.

Weitere Infos gibt es hier.

Quelle:

Beat Müller
Kommunikation
Universität Zürich

Überraschender Fund auf dem Kerameikos

Bei Vorarbeiten zur Dokumentation eines Brunnens kamen im Kerameikos in Athen überraschend die Marmorporträts zweier Frauen aus der Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. zutage.

Die Porträts
Die beiden Porträts sind in ungewöhnlich gutem Zustand erhalten. Sie zeigen ein junges Mädchen und eine junge Frau mit der gleichen aufwendigen Haartracht: Die langen Haare sind in der Mitte gescheitelt, in Zöpfe geflochten und als breites Band vom Nacken aus über den Hinterkopf bis fast zur Stirn gelegt, dort umgeschlagen und festgesteckt. Diese Form der sogenannten „Scheitelzopffrisur“ wurde um 250 n. Chr. von Salonina, der Frau des Kaisers Gallienus (253-268 n. Chr.) getragen und damit als Modefrisur im gesamten Imperium Romanum verbreitet.
Die beiden Porträts waren einst vor dem Dipylon aufgestellt: entweder als Ehrenstatuen oder als Grabstatuen bzw. als liegende Figuren auf einem Marmorsarkophag in Klinenform.
Sie sind offenbar gleichzeitig abgeschlagen, durch einen gezielten Meißelhieb in zwei Teile gespalten und in den Brunnen geworfen worden.
Erst die Fortsetzung der Arbeiten kann Klarheit darüber bringen, zu welchem Zeitpunkt die Zerstörung erfolgt ist.

Der Brunnen
Gefunden wurden die Skulpturen in einem aus Steinen gemauerten und innen mit hydraulischem Mörtel verputzte Brunnen in 5,20m Tiefe und unterhalb des aktuellen Grundwasserspiegels.
Der Brunnen wurde schon 1934-1936 entdeckt und weitgehend untersucht, damals aber nicht dokumentiert, wohl wegen des hohen Grundwasserspiegels. Auch die Arbeiten 2013 konnten nur unter gleichzeitigem Einsatz von vier Pumpen ausgeführt werden.
Bisher sind drei Bau- und Verwendungsphasen des Brunnens feststellbar: Die Anlage erfolgte im 4. Jahrhundert v. Chr. mit einer Kalkstein-Einfassung und einer fest installierten Schöpfvorrichtung aus einem Balkengestell mit zentriertem Seilzug. Im späten Hellenismus wurde der Brunnenrand mit Tonplatten erhöht und die Innenseite des Brunnens neu verstuckt. In einer letzten Nutzungsphase wurde die Mündung mit Brecciablöcken (Spolien) erhöht und rechteckig eingefasst.

Seit 100 Jahren Forschungen im Kerameikos

Die Forschungen im Kerameikos werden seit hundert Jahren vom Deutschen Archäologischen Institut in Athen ausgeführt. Die Freilegung des Brunnens erfolgte unter Leitung von Dr. Jutta Stroszeck im Rahmen eines Forschungsprojektes zur Wasserversorgung der klassischen Badeanlage vor dem Dipylon. Das Grabungsteam im Kerameikos besteht 2013 aus griechischen und deutschen Mitarbeitern verstärkt durch eine kleine Gruppe Studenten verschiedener Universitäten (Berlin, Gießen, Mainz und Rostock).

Weitere Informationen finden Sie hier. 

 

Quelle:

Nicole Kehrer M.A.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Archäologisches Institut

Greifswalder Student entdeckt zweiten Saurierfund aus Mecklenburg-Vorpommern

Der Greifswalder Geologe Sebastian Stumpf entdeckte unter Wirbeltierresten aus der Tongrube bei Grimmen einen bislang unbekannten Dinosaurier. In seiner Masterarbeit ordnete er die Knochenreste der Gruppe der pflanzenfressenden Sauropoden zu. Aus der Tongrube Klein Lehmhagen bei Grimmen stammen auch die Knochenreste des Dinosauriers Emausaurus ernsti, welcher bislang als der einzige Dinosaurier Mecklenburg-Vorpommerns galt. Sebastian Stumpf arbeitet am Institut für Geographie und Geologie in der Arbeitsgruppe Historische Geologie und Paläontologie um Professorin Dr. Ingelore Hinz-Schallreuter und Dr. Stefan Meng.

Sebastian Stumpf befasste sich in seiner Masterarbeit „Reassessment of the fossil vertebrate fauna from the Lower Jurassic clay pit of Klein Lehmhagen near Grimmen, NE Germany“ mit Wirbeltierfunden der Tongrube Klein Lehmhagen. Die Knochenfunde stammen aus den Privatsammlungen von Dr. Jörg Ansorge (Horst), Dr. Wolfgang Zessin (Jasnitz), Wilfried Krempien (Schwerin) und Hansjoachim Krümmer (Greifswald), die ihr Material zur wissenschaftlichen Bearbeitung bereitstellten. Dabei entdeckte er neben den Knochenresten von Fischen und Meeresreptilien den unvollständigen Beckengürtel des neuen Dinosauriers. Form und Proportionen der Beckenknochen belegen die Zugehörigkeit zu der Gruppe der pflanzenfressenden Sauropoden. Es scheint sich darüber hinaus sogar um eine neue Gattung und Art zu handeln. Der neu nachgewiesene Dinosaurier ist somit nach Emausaurus ernsti der zweiten Dinosaurier Mecklenburg-Vorpommerns.

Von der Aufstellung einer neuen Gattung und Art wurde vorerst abgesehen. Weiterführende Untersu-chungen bzw. ein detaillierter Vergleich mit den bereits bekannten frühen Sauropoden (der späten Trias und frühen Jura) sollen die Verwandtschaftsbeziehungen des neuen Sauropoden innerhalb der Gruppe klären. Erst danach kann eventuell gesagt werden, ob es sich um eine neue Gattung und Art handelt.

Die Sauropoden gelten als eine der artenreichsten und am weitesten verbreiteten Dinosaurier. Sie be-saßen einen langen Hals, einen langen Schwanz sowie einen verhältnismäßig kleinen Schädel. Sie brachten zudem die größten Landwirbeltiere der Erdgeschichte hervor. Sauropoden traten erstmalig in der Obertrias auf und verschwanden im Zusammenhang mit dem katastrophalen Massenaussterben am Ende der Kreidezeit. Bei dem neuen Sauropoden handelt es sich somit um einen der ältesten Vertreter seiner Gruppe. Die einstige Größe des Tieres kann aufgrund der fragmentarischen Erhaltung nur ge-schätzt werden. Vermutlich erreichte der neue Sauropode eine Gesamtkörperlänge von fünf Metern.

Die Tongrube Klein Lehmhagen bei Grimmen ist eine regional und international bedeutende Fundstelle unterjurassischer Wirbeltiere (Alter: ca. 183 Millionen Jahre). Bekannt geworden ist dieses Unterjura-Vorkommen aufgrund seines Fossilreichtums, unter anderem an Ammoniten, Belemniten, Fischen, Insek-ten und Meeresreptilien. Im Gegensatz zur gut bearbeiteten Wirbellosenfauna ist die Wirbeltierfauna dieses Unterjura-Vorkommens kaum bekannt. Eine Ausnahme sind die Knochenreste des Dinosauriers Emausaurus ernsti, eines der wertvollsten Sammlungsstücke der Universität Greifswald, welche aktuell unter hohem finanziellem Aufwand der Universität restauriert werden. In diesem Zusammenhang gab es im Rahmen des 555-jährigen Universitätsjubiläums unter maßgeblicher Beteiligung des Greifswalder Geologen Sebastian Stumpf eine Sonderausstellung „Ein Dinosaurier mit dem Namen der Uni Greifs-wald“. Emausaurus ernsti wurde 1990 von dem Hallenser Wirbeltierpaläontologen Professor Hartmut Haubold wissenschaftlich beschrieben und galt bislang als der einzige Dinosaurier Mecklenburg-Vorpommerns.

Weitere Informationen gibt es hier.

Quelle:

Jan Meßerschmidt
Presse- und Informationsstelle
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

 

 

Eine der ältesten Sonnenuhren der Welt im Tal der Könige ausgegraben

Bei Grabungen ist ein Forschungsteam der Universität Basel im Tal der Könige in Oberägypten auf eine der ältesten altägyptischen Sonnenuhren gestossen. Mitarbeitende des Ägyptologischen Seminars unter der Leitung von Prof. Susanne Bickel machten den bedeutenden Fund bei der Freilegung eines Grabeingangs.

Bei den diesjährigen Grabungsarbeiten fanden die Forschenden ein abgeflachtes Stück Kalkstein (sogenanntes Ostrakon), auf dem mit schwarzer Farbe ein Halbkreis mit zwölf Unterteilungen zu etwa 15 Grad aufgezeichnet wurde. Eine Vertiefung in der Mitte der rund 16 Zentimeter langen horizontalen Grundlinie diente der Befestigung eines Holz- oder Metallstifts, dessen Schatten die Stunden anzeigte. Kleine Punkte in der Mitte jedes Stundenwinkels dienten einer noch feineren Zeitmessung.

Der Fundort der Sonnenuhr befand sich im Bereich einiger Steinhütten, die im 13. Jahrhundert v. Chr. als Aufenthaltsort der am Bau der Königsgräber beschäftigten Arbeiter genutzt wurden. Möglicherweise diente die Sonnenuhr zur Messung ihrer Arbeitszeiten. Die Unterteilung des Sonnenlaufes in Stunden war jedoch auch ein zentraler Aspekt in den auf den Wänden der Königsgräber aufgezeichneten Jenseitsführern. Diese Jenseitsführer oder Unterweltbücher sind illustrierte Texte, welche die nächtliche Fahrt des Sonnengottes durch die Unterwelt in ihrer zeitlichen Abfolge beschreiben. Die Sonnenuhr könnte somit die Beobachtung und Visualisierung dieser Fahrt unterstützt haben.

Mithilfe von Studierenden der Universität Basel konnten in der diesjährigen Grabungssaison zudem über 500 in den vergangenen Jahren geborgene, meist fragmentarische Objekte dokumentiert und zur wissenschaftlichen Aufarbeitung vorbereitet werden. Dazu gehört auch das gesamte Fundmaterial aus den unteren Schichten des 2012 entdeckten Grabs KV 64. In dem rund 3500 Jahre alten Grab entdeckten die Basler Forschenden damals einen Sarkophag, der die Mumie einer Frau namens Nehemes-Bastet enthält.

Quelle:
lic. phil. Christoph Dieffenbacher
Kommunikation & Marketing
Universität Basel

Weitere Informationen gibt es hier.

In der Unterwelt von Wien

Mein zweiter Besuch in Wien: Eine organisatorische Herausforderung. Viel Recherche und noch mehr Emails gingen dieser Reise voraus. Da mag sich mancher fragen: Ob die nicht weiß, wie einfach es ist, in Wien unterwegs zu sein? Wenn man genug vom Stephansdom gesehen hat, fährt man mit dem Fiaker weiter zur Hofburg. Wenn man lang genug im Sisi Museum war, spaziert man zum Cafe Demel und trinkt eine Melange. Dem stimme ich zu: Wien ist ein touristisch bestens erschlossenes Gebiet.Warum also eine Reise planen, wenn die Dame in der nächsten Touristeninformation zehn Orte auf einmal vorschlagen kann, die es sich zu besichtigen lohnt? All das hätte mir aber nicht weitergeholfen. Für die Räume, die ich sehen wollte, gibt es keine Informationsbroschüren. Meine Reiseziele lagen fernab von Fiakern und Marilleneis. Ich wollte in die Unterwelt Wiens.

Meine Reise hätte niemals funktioniert, wenn ich nicht mit den Unterwelten-Experten von Wien Kontakt aufgenommen hätte. Sie allein wissen, wo die Eingänge in das unterirdische Reich liegen und wie sich verschlossene Türen zur Unterwelt öffnen lassen.

Die Geschichte der Kellerräume beginnt im Mittelalter: Damals hoben die Wiener hier unten Nahrungsmittel und Wein auf. Während der Türkenbelagerung im 16. Jahrhundert dienten die unterirdischen Räume als Munitionslager und Schutzräume. Im zweiten Weltkrieg schließlich wurden die Keller zu Luftschutzkellern umgebaut und mit Gängen untereinander verbunden. Während dieser Zeit bildeten die verbundenen Keller der Innenstadt ein wahres Labyrinth, in dem man stundenlang laufen konnte.

Auf meiner Reise begleitete mich zunächst Gabriele Lukacs. Sie führte mich hinab in die mehrstöckigen Keller Wiens. Einer der tiefsten Keller liegt in einem Eckhaus Kramergasse 11 / Ertlgasse 4. Innerhalb der vier Stockwerke bekam ich nicht nur römische Torreste der römischen Porta Dextra zu sehen, sondern auch einen mittelalterlichen Brunnen. Hier, wie auch in einigen anderen Kellern, die Frau Lukacs mir zeigte, überraschten mich vor allem die vielen Gänge, die von den Kellern abzweigen und einst zu anderen Kellern hinführten. Die meisten sind mittlerweile entweder direkt im Kellerraum selbst oder schon nach wenigen Metern zugemauert.

Keller in Wien

Gespannt wartete ich am folgenden Tag auf den Unterwelt-Experten und Fotografen Robert Bouchal. Ich wusste nicht, wo es hingehen würde. Er schrieb mir nur zuvor, dass ich mich sportlich kleiden sollte – ich könnte nämlich schmutzig werden. Das klang abenteuerlich! Und so war es dann auch.
Erst stiegen wir in einen ehemaligen Luftschutzkeller. Mir fielen breite weiße Streifen auf Augenhöhe an den Wänden auf. Wenn man die Streifen mit der Taschenlampe beleuchtet, erstrahlen sie auch jetzt noch in Neon-grün und weisen in der Dunkelheit den Weg zu den einzelnen Räumen. Auf dem Boden lagen achtlos verstreut altmodische Reisekoffer und Truhen. Ich glaubte, in einer Zeitkapsel zu stehen. Herr Bouchal zeigte auf einen Stapel gelbliches Papier mit vielen Kreisen darauf und dem Wort „Reichsarbeitsdienst“. Die Ringscheiben aus der NS-Zeit lagen hier einfach so zwischen Kohlehaufen und Schutt. Seit fast 70 Jahren. Unfassbar.

Ringscheibe aus dem Zweiten Weltkrieg

Im völligen Gegensatz zu dieser Besichtigung stand unser nächstes Reiseziel: Die Seegrotte Hinterbrühl, ein ehemaliges Gipsbergwerk. Im Jahr 1912 brach Wasser in das Gipsbergwerk ein und es bildete sich ein riesiger See. Während des Zweiten Weltkrieges legten die deutschen Heinkel-Werke alles trocken und errichteten in den ausgedehnten Gängen der Seegrotte eine Flugzeugfabrik. Nach dem Krieg wurde die Grotte wieder langsam mit Wasser gefüllt. Heute lockt der 6.200 m² große unterirdische See täglich Menschenmassen an. So fühlte ich mich wenigstens einmal an diesem Wochenende wie ein normaler Tourist, als wir vor dem Eingang anstanden – umrahmt von kitschigen Schlüsselanhängern und Postkarten. Das Warten lohnte sich. Durch einen schmalen Gang liefen wir hinab zum See, vorbei an Resten alter Flugzeugmodelle und Grubenlampen. Am See angekommen, fuhren wir in einem Boot durch die Grotte mit ihrem klaren, grün-blauen Wasser.

In der Seegrotte

Zuletzt zeigte mir Herr Bouchal eine seiner aktuellen Forschungsstätten – einen ehemaligen Luftschutzstollen, der Höhepunkt meiner gesamten Reise. Mit Helmen ausgerüstet stiegen wir über eine schmale Leiter einige Meter hinauf in einen Felsen. An den Seiten des Stollens liegen noch heute zusammengefallene Holzbänke, an der Decke hängen die Halterungen für das einstige Luftrohr. Neben Essensbüchsen fand das Forschungsteam hier auch Kinderschuhe, und zwei Eimer, die als Aborte dienten.
Immer wieder musste ich mich ducken, um nicht an die kantige Decke zu stoßen. Die niedrige Höhe des Stollens und die Enge gaben mir bald ein beklemmendes Gefühl. Wie mag es erst für die Menschen gewesen sein, die vor Jahrzehnten in diesem Raum nebeneinander saßen, um sich vor den Luftangriffen zu schützen?

Ehemaliger Luftschutzstollen

An meinem letzten Tag in Wien traf ich Dr. Marcello La Speranza. Der Historiker hat sich auf die Neuzeitliche Archäologie spezialisiert. Und so traf ich mich mit ihm an einem verregneten Vormittag vor dem Erinnerungsbunker im Arne-Carlsson-Park. Viele Jahre lang schimmelte und rostete der Bunker vor sich hin, bis die Stadt Wien endlich notwendige Sanierungsarbeiten finanzierte. Trotzdem tropft das Wasser auch jetzt noch in manchen Räumen von der Decke. Schüler realisierten in den Räumen des Tiefbunkers eine thematisch passende Ausstellung. Dr. La Speranza richtete einige der Räume mit originalen Gegenständen aus der Zeit des Krieges ein.

Tiefbunker im Arne-Carlsson-Park

Später besuchten wir noch den Flakturm im Esterházy-Park. Heute schwimmen hier Haie neben Quallen und Schildkröten, Ameisen krabbeln durch Röhren, Nashornvögel fliegen vorbei an kleinen Äffchen – und das auf mehreren Stockwerken verteilt! Der Turm wurde zum Zoo ausgebaut, zum sogenannten „Haus des Meeres“. Ganz oben, im 10. Stockwerk, konnte Dr. La Speranza einen nachgestellten „Kommandoraum“ einrichten. Die vielfältige Nachnutzung der Bauten des Zweiten Weltkrieges, die Verbindung einer neuen mit einer alten Welt, wie es vor allem im Haus des Meeres geschieht, hält Dr. La Speranza für sehr wichtig. Das Gebäude wird dadurch sozusagen „entgiftet“. An diesem Tag wie auch auf der gesamten Reise erfuhr ich vor allem eines: Um aus Geschichte zu lernen, darf man sie nicht ausblenden. Man muss Geschichte aktiv aufarbeiten und sich an sie erinnern. Dazu gehören eben auch jene Denkmäler, die sich bis heute verborgen unter der Oberfläche erhalten haben.

Wer sich für die Unterwelt Wiens interessiert, dem empfehle ich vor allem zwei Bücher:

Robert Bouchal, Marcello La Speranza: Wien – Die letzten Spuren des Krieges: Relikte & Entdeckungen. Pichler Verlag 2012
Marcello La Speranza und Robert Bouchal ist ein sehr informatives Buch zu den Ruinen, Luftschutzkellern, Stollen- und Bunkeranlagen in Wien während des Zweiten Weltkrieges gelungen. Sie stellen nicht nur die Orte vor, sondern betten diese auch in die jeweiligen geschichtlichen Ereignisse ein. Sehr gute Fotos und Pläne vermitteln dem Leser von diesen schwer zugänglichen Orten einen hervorragenden Eindruck.

Robert Bouchal, Gabriele Lukacs: Geheimnisvolle Unterwelt von Wien: Keller – Labyrinthe – Fremde Welten. Pichler Verlag 2011.
Gabriele Lukacs und Robert Bouchal stellen unbekannte Keller, Gänge und Tunnel unter Wien vor, dabei u. a. unter der Hofburg und den Klosteranlagen. Einige Rätsel um Geheimgänge, Grüfte, Katakomben bleiben ungeklärt – und genau das macht dieses Thema so spannend. Obwohl man meinen würde, dass hier unten – in der Dunkelheit – gute Fotos besonders schwer zu machen sind, überzeugen die auffallend schönen Illustrationen des Buches.

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