Die steinzeitlichen Wurzeln der Schriftzeichen

Bereits vor 12.000 Jahren erschufen Steinzeitmenschen auf dem Berg Göbekli Tepe in der heutigen Türkei ein Höhenheiligtum, das sich einer entwickelten Bildsprache bediente. Prof. Dr. Ludwig Morenz, Ägyptologe an der Universität Bonn, stellt in seinem Buch dar, wie diese frühen Vorläufer der Schriftzeichen zu einer kulturellen Revolution im Denken und Handeln der Menschen führte.

Seit Urzeiten hat sich der Mensch für die Nachwelt verewigt: Vor Jahrzehntausenden hinterließen eiszeitliche Jäger ihre Höhlenmalereien. Über abstrakte Bildzeichen ging die Entwicklung allmählich weiter bis zur Schrift. Bereits vor mehr als 5.000 Jahren verwendeten die Altägypter Hieroglyphen als älteste Schriftzeichen. „Wie sich abstrakte Bildzeichen in Schriftzeichen wandelten, lag lange weitgehend im Dunkeln“, sagt Prof. Dr. Ludwig Morenz von der Abteilung für Ägyptologie der Universität Bonn.

Mit den Grabungen des Deutschen Archäologischen Instituts unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Schmidt von der Universität Erlangen-Nürnberg auf dem Berg Göbekli Tepe in Südanatolien kam ein steinzeitliches Heiligtum zum Vorschein. Nahe der heutigen türkischen Stadt Sanliurfa – dem antiken Edessa – errichteten Menschen gegen Ende der Eiszeit vor rund 12.000 Jahren mehrere monumentale Ringanlagen, die von T-förmigen, aus Kalkstein gefertigten Pfeilern beherrscht werden.

Fehlendes Bindeglied zwischen Bildern und Schrift

„Das Höhenheiligtum ist so etwas wie das fehlende Bindeglied zwischen Bildern und den ersten Schriftzeichen“, sagt Prof. Morenz, der zusammen mit Prof. Schmidt mehrere Jahre lang die in Göbekli Tepe entdeckten frühneolithischen Zeichen untersuchte. „Sie erlauben neue Einsichten in historische Tiefen der menschlichen Kommunikation.“ Häufig finden sich auf den T-Pfeilern in Flachreliefen dargestellte Tiere, darunter Schlangen, Skorpione, Füchse, Kraniche, Gazellen und Wildesel. Außerdem gibt es stärker abstrahierte Zeichen wie Tiere, Hände oder die Kombination aus Mondscheibe und -sichel.

„Es handelt sich dabei um einen Sprung in eine neue mediale Welt“, sagt der Experte für Bildersprache und Zeichentheorie. Immerhin sei diese frühe Form der Bildzeichen mehr als doppelt so alt wie die ältesten Schriftzeichen der Altägypter. Zum Ende der Eiszeit wurden Grundlagen gelegt, auf denen die spätere kulturelle Revolution aufbauen konnte. Prof. Morenz: „Göbekli Tepe steht für die Entwicklung von reinen Bildern zur Kodierung von darüber hinaus gehender Bedeutung.“ Während es sich bei der Darstellung eines Stieres etwa in der Höhle von Altamira in Spanien um das direkte Abbild des Tieres handelt, sei ein Stierkopf in dem Höhenheiligtum der Türkei von der primären Bildbedeutung losgelöst als abstraktes Symbol für eine Gottheit zu verstehen.

Bereits vor 12.000 Jahren gab es ein einheitliches Zeichensystem

Der Ägyptologe der Universität Bonn untermauert seine These mit der Tatsache, dass insgesamt rund 20 verschiedene Bildzeichen in ähnlicher Form auch noch in anderen frühneolithischen Fundorten im Umkreis von 150 Kilometern um das Höhenheiligtum Göbekli Tepe herum entdeckt wurden. In dieser fruchtbaren Landschaft zwischen den Oberläufen von Euphrat und Tigris wurden Menschen früh sesshaft. Sie teilten in den verschiedenen Siedlungen mit leichten Abwandlungen die gleichen Bildzeichen. „Das kann kein Zufall sein, die Menschen dieses Kulturraumes müssen sich auf ein einheitliches Zeichensystem geeinigt haben“, ist Prof. Morenz überzeugt.

Die Bildzeichen könnten gleichzeitig mehrere Bedeutungen haben: Ein Schlange stehe einerseits für Bedrohung, könne aber auch als Zeichen für etwas Abwesendes verstanden werden – weil der Abdruck der Schlange im Sand verbleibt, wenn das Tier längst weitergezogen ist. Das Abbild einer abstrahierten Hand lasse sich als Geste – etwa von Abwehr – interpretieren. Manche Zeichen waren in kleine, flache Steine geritzt – quasi als „Heiligtum für die Hosentasche“. „Bei dieser frühen Bildsprache handelt es sich aber noch um keine Schriftzeichen“, stellt Prof. Morenz fest. Schriftzeichen seien noch einmal deutlich differenzierter und umfassten auch die lautliche Dimension, das heißt wie ein bestimmtes Zeichen ausgesprochen wird.

Göbekli Tepe zeigt nach den Untersuchungen des Ägyptologen eindrücklich, wie komplex und spezialisiert bereits die steinzeitliche Gesellschaft vor rund 12.000 Jahren war. „Der Gebrauch von Sprache, Hand und Hirn gingen mit einander einher“, sagt Prof. Morenz. In dem Maß, wie sich die Menschen damals mit großem handwerklichen und intellektuellem Geschick eine abstrakte Bildsprache schufen, drangen sie jenseits der Herausforderungen des Alltags in religiöse Sphären vor und stellten sich bereits den Grundfragen der Menschheit nach dem Jenseits. „Es handelt sich um den Beginn der medialen Entwicklung und um den Aufbruch in neue Denkräume“, sagt Prof. Morenz.

Weitere Infos gibt es hier.

Quelle:
Johannes Seiler
Dezernat 8 – Hochschulkommunikation
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

 

Raubgrabung, Zerstörung, Kulturerhalt

Deutsches Archäologisches Institut startet Veranstaltungsreihe im Rahmen des Review-Prozesses „Außenpolitik Weiter Denken“.
Am 15. Oktober 2014 um 18 Uhr diskutieren international Experten im Auswärtigen Amt zum Thema „Meaningful Heritage – New Challenges for Cultural Policy“ über den Kulturerhalt als Bestandteil der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, die aktuellen internationalen Herausforderungen und Handlungs- und Lösungsoptionen.

Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) beteiligt sich aktiv am Review-Prozess des Auswärtigen Amts „Außenpolitik Weiter Denken“, der im Dezember 2013 von Außenminister Frank-Walter Steinmeier initiiert wurde. Als „dritter Säule“ deutscher Außenpolitik kommt der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik hierbei eine besondere Bedeutung zu. Durch die aktuelle politische Lage etwa im Nahen Osten gewinnt dieser Prozess gerade im Bereich des Kulturerhalts und des Kulturguterschützes neue Brisanz.

Das DAI vertritt seit 185 Jahren das Ideal, dass materielles und immaterielles Kulturerbe zu schützende, zu erhaltende und zu erklärende Grundlagen kultureller Identität und Verständigung sind. Erhalt, Schutz und Vermittlung des Kulturerbes sind Grundlagen stabiler sozialer und ökonomischer Gemeinschaften. Die Fragen, wie die Denkmäler vor Zerstörung und Raub zu bewahren sind, bewegen nicht nur eine kleine Wissenschaftsdisziplin, sondern uns alle.

Weitere Infos zur Veranstaltungsreihe des Deutschen Archäologischen Instituts gibt es hier.
 

Quelle:
Nicole Kehrer
Pressestelle
Deutsches Archäologisches Institut

 

Digitales Forum Romanum

Der Tahrir-Platz in Kairo, der Maidan in Kiew – eindrucksvoll führen diese zwei aktuellen Beispiele vor Augen, wie öffentlichen Plätzen als Bühnen der politischen Kommunikation und des öffentlichen Handelns in den modernen Städten der Neuzeit wieder Leben eingehaucht wird. Diese Erfahrung mag überraschen, galten die urbanen Plätze lange als Relikte vergangener Zeiten, denen lediglich noch eifrige Verkehrsplaner und Touristen Beachtung schenkten. Dieses wiederbelebte Interesse an den öffentlichen Plätzen spiegelt sich auch in der historischen Stadtforschung wider, wie das Forschungs- und Lehrprojekt digitales forum romanum am Winckelmann-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin zeigt.

In Kooperation mit dem Exzellenzcluster Topoi und dem Architekturreferat des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) Berlin arbeiten Wissenschaftler und Studierende der Klassischen Archäologie seit 2011 an der Erstellung eines neuen digitalen 3D Modells des antiken Forum Romanum. Hier an diesem öffentlichen Platz Roms wurde Geschichte geschrieben und Politik gemacht, hier wurden die Geschicke der Stadt und des Römischen Reiches gelenkt, hier konzentrierte sich das öffentlich-politische Leben der größten Metropole der Antike über 1000 Jahre, ehe das Forum Romanum seit Ende des 19. Jahrhunderts zur berühmteste Ausgrabungsstätte im Herzen der Ewigen Stadt wurde.

„Unsere digitale Rekonstruktion des Forum Romanum ist zwar nicht die erste, aber wir verfolgen mit unserem Modell einen anderen, auch wissenschaftlich-kritischen Anspruch“, erläutert Prof. Dr. Susanne Muth vom Institut für Archäologie der Humboldt-Universität zu Berlin, die das Projekt leitet. “Wo andere digitale Rekonstruktionen ein verlorenes Erscheinungsbild des Forums primär ‚visualisieren‘, setzen wir stärker darauf, mit Hilfe unserer Rekonstruktionen das Forum besser ‚verstehbar‘ werden zu lassen.“ Entstanden ist die Idee zu diesem Forschungsprojekt im Rahmen einer interdisziplinären Forschergruppe im Exzellenzclusters TOPOI, die die Konstruktion und Wahrnehmung antiker Stadträume erforscht. Seine Realisierung gelang, indem das Projekt aus dem Forschungsverbund zwischen Humboldt-Universität und Freier Universität mit außeruniversitären Einrichtungen in die Lehre eingebunden wurde: Unter Anleitung durch Susanne Muth und den Topoi-Mitarbeiter Armin Müller (DAI Berlin) erarbeiteten Studierende der Humboldt-Universität sukzessive digitale Rekonstruktionen der Forumsbauten. Seit 2013 wurden diese dann in ein zusammenhängendes Modell des gesamten Forumsplatzes integriert.

Das neue Modell des digitalen forum romanum vereint erstmals Rekonstruktionen des Forums durch die verschiedenen Epochen und macht dadurch Entwicklungen sichtbar, die möglicherweise auch für aktuelle Diskurse zur Stadtnutzung fruchtbar sein können. „Hier erschließen wir mit unserem Modell ein spannendes und auch aufregendes Neuland. Dass die dynamischen Veränderungen des Platzes teils so einschneidend waren, war in diesem Umfang bisher nicht absehbar“, erklärt Erika Holter, Koordinatorin des Projektes.

Zwanzig Studierende haben mit viel Engagement und wissenschaftlicher Sorgfalt von Anfang an mitgearbeitet. „Die Einbindung der Studierenden in die aktuelle Forschungsarbeit hat sich als ein Glücksfall erwiesen: Für die Studierenden, indem sie unmittelbar Anteil an wissenschaftlicher Exzellenzforschung nehmen konnten, als auch für das Projekt, indem so viele Personen engagiert ihre Kompetenz einbringen konnten“, betont Susanne Muth.

Erste Ergebnisse des Projekts werden nun auf einer frei zugänglichen Website vorgestellt.

Quelle:
Hans-Christoph Keller
Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Humboldt-Universität zu Berlin

Häfen von der Römischen Kaiserzeit bis zum Mittelalter

Deutsches Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven präsentiert erste Forschungsergebnisse zum Thema „Häfen von der Römischen Kaiserzeit bis zum Mittelalter“.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert seit Juni 2012 im Rahmen eines Schwerpunktprogramms (SPP) „Häfen von der Römischen Kaiserzeit bis zum Mittelalter“ verschiedene Forschungsprojekte. Darin widmen sich in der Förderperiode von zweimal drei Jahren rund 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der interdisziplinären Erforschung des Phänomens „Hafen“. Die national und international beteiligten Institutionen zeigen am Donnerstag, 2. Oktober 2014, um 19.00 Uhr im Deutschen Schiffahrtsmuseum (DSM) in einer Posterpräsentation ihre ersten Ergebnisse der interessierten Öffentlichkeit. Die Teilnahme an der Eröffnung ist kostenfrei. Die Posterpräsentation ist anschließend bis zum Sonntag, 1. Februar 2015 im DSM zu sehen.

„Häfen sind hochkomplexe Systeme, in denen sich ökologische, logistische, ökonomische, soziale, juristische, militärische und kultische Subsysteme überlagern und gegenseitig bedingen. Um das Phänomen „Hafen“ in seiner gesamten Tragweite und zeitlichen Tiefe methodisch adäquat bewerten zu können, strebt das SPP eine Identifikation dieser Subsysteme und deren Bedeutung auf das Siedlungsgeschehen selbst an“, erläutert Prof. Dr. Sunhild Kleingärtner, Geschäftsführende Direktorin des DSM. Das Ziel: Um Häfen als systemrelevante Komponenten zu verstehen, sollen fächerübergreifend chronologische Hürden sowie räumliche Grenzen überwunden und Vergleichsanalysen initiiert werden.

Die Koordinatoren des Programms sind Prof. Dr. Claus von Carnap-Bornheim, Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen, Schloss Gottorf (gleichzeitig SPP Sprecher), Prof. Dr. Falko Daim, Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Forschungsinstitut für Archäologie, und Prof. Dr. Peter Ettel, Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität, sowie Dr. Ursula Warnke, Direktorin am DSM.

Weit gefächerte europäische und interdisziplinäre Hafenforschung

Das dafür eingerichtete DFG-Schwerpunktprogramm möchte unterschiedliche Richtungen einer zeitlich und räumlich weit gefächerten europäischen Hafenforschung aufgreifen, interdisziplinär vernetzen und methodisch fortführen. Zudem sollen auch naturwissenschaftliche Werkzeuge weiterentwickelt und erprobt werden, die zur Erkundung und Erfassung dienen sowie den Wert und die Bedeutung von bislang unbekannten Hafenbefunden feststellen können. Dabei wird sich das SPP auf jene Häfen konzentrieren, die primär zivilen Nutzungen unterlagen, ohne dass dabei militärische Anlagen und Schnittflächen umgangen oder ausgegrenzt werden dürfen. Anlagen, die rein militärischen Zwecken dienten, werden jedoch nicht mit einbezogen, beschreibt die Webseite http://www.spp-haefen.de das Programm.

„Das Arbeitsgebiet umfasst Europa in seiner gesamten geografischen Ausdehnung. Grundgerüst der geografischen Bestimmung des Arbeitsraumes sind zum einen die Meere und Binnenmeere Europas: Atlantik, Mittelmeer, einschließlich seiner afrikanischen Küste, sowie Nordsee und Os-see, die durch Seehäfen erschlossen werden“, erläutert Warnke weiter das Programm. Zum anderen seien die großen, schiffbaren Flüsse Europas wie Rhein, Rhone, Elbe, Oder und Donau mit ihren Zuflüssen von Bedeutung, da sie eine Verbindung zwischen Nord- und Ostsee sowie Schwarzem Meer beziehungsweise Mittelmeer herstellen und Binnenhäfen aufweisen, die das Zentrum regionaler Verkehrsnetze bilden. An diese angebundenen Flussgebiete würden einerseits die ökonomischen Ressourcen des Hinterlandes anschließen und andererseits den weiträumigen Warentransfer erlauben. „Damit stellen Hafenanlagen Teile grundlegender Infrastrukturen als Schnittstelle zwischen Land und Wasser dar“, so Warnke.

Von der Römischen Kaiserzeit bis ins 13. Jahrhundert

Die von den vier Initiatoren für dieses Programm gewählte Zeitspanne reicht von der Römischen Kaiserzeit bis ins 13. Jahrhundert. Das SPP stellt auf seiner Webseite zur Diskussion: „Die Entwicklung in den einzelnen Regionen und Zeitabschnitten suggeriert bislang den Eindruck, dass sie isoliert und ohne Bezug zueinander stehen. Die bereits auf eine Jahrhunderte währende Tradition zurückblickenden Hafenanlagen des Mittelmeeres scheinen konstruktiv und funktional zunächst wenig mit den gleichzeitigen Strukturen der Binnenschifffahrt in den römischen Provinzen oder den sich im Frühmittelalter entwickelnden Seehandelsplätzen Nordeuropas vergleichbar zu sein. Dagegen vermag die Schiffsarchäologie durchaus technikgeschichtliche Verbindungen zwischen der Mittelmeerwelt und den Regionen nördlich der Alpen herzustellen. Ebenso stellt der historisch und archäologisch nachweisbare Fernhandel eine Möglichkeit für den Transfer von Kenntnissen zur baulichen Ausgestaltung und dem Betrieb von Hafenanlagen dar.“

 

Weitere Infos zum Schwerpunktprogramm „Häfen von der Römischen Kaiserzeit bis zum Mittelalter“ gibt es hier.

 

Quelle
Imke Engelbrecht
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Schiffahrtsmuseum

Volltreffer bei Grabung in Gernsheim

Frankfurter Uni-Archäologen haben im Rahmen einer studentischen Lehrgrabung in Gernsheim im Hessischen Ried das seit Langem gesuchte Römerkastell entdeckt: Zwischen 70/80 und 110/120 n. Chr. war dort eine Truppeneinheit mit etwa 500 Soldaten (Kohorte) stationiert. Nachgewiesen wurden in den vergangenen Wochen zwei für entsprechende Kastelle typische Spitzgräben, die Pfostenlöcher eines hölzernen Turms der Umwehrung sowie weitere Befunde aus der Zeit nach der Auflassung des Kastells.

Ungewöhnlich zahlreich sind die Funde. Denn die römische Truppe legte bei ihrem Abzug das Kastell nieder und verfüllte die Gräben. Dabei wurde vor allem im inneren Spitzgraben viel Abfall entsorgt – „ein Glücksfall für uns“ – so Prof. Dr. Hans-Markus von Kaenel vom Institut für Archäologische Wissenschaften der Goethe-Universität – „wir haben Kiste um Kiste mit Scherben von Fein-, Grob- und Transportkeramik gefüllt; ihre Bestimmung wird es erlauben, das Ende des Kastells zeitlich genauer einzugrenzen als bislang möglich“.

Über das römische Gernsheim war bisher wenig bekannt, obwohl hier seit dem 19. Jahrhundert immer wieder römische Funde zutage treten. „Sicher schien aufgrund der Funde bisher nur, dass hier vom 1. bis 3. Jahrhundert eine bedeutende dorfartige Siedlung, ein ‚vicus‘, gelegen haben muss, vergleichbar etwa mit ähnlichen Dörfern, die bereits in Groß-Gerau, Dieburg oder Ladenburg nachgewiesen werden konnten“, erläutert Grabungsleiter Dr. Thomas Maurer, der seit Jahren von Frankfurt aus nach Südhessen auf Spurensuche geht und seine Ergebnisse in einer großen Publikation über das nördliche Hessische Ried in der römischen Kaiserzeit veröffentlicht hat.

„Angenommen wurde“ – so Maurer weiter –, „dass diese Siedlung aus einem Kastell hervorgegangen sein müsse, war es doch üblich, dass die Angehörigen der Soldaten vor dem Kastell in einer dorfartigen Siedlung lebten.“ „Diese Grabungskampagne ist ein echter Volltreffer“, freut sich Prof. Dr. Hans-Markus von Kaenel, „die Ergebnisse stellen einen Meilenstein in der Rekonstruktion der Geschichte des Hessischen Ried in der römischen Zeit dar.“ Seit bald 20 Jahren kümmert sich von Kaenel zusammen mit seinen Mitarbeitern und Studierenden im Rahmen von Surveys, Ausgrabungen, Materialaufarbeitungen und Auswertungen um diesen Raum; die Ergebnisse sind in über 50 Beiträgen publiziert worden.

Die Römer errichteten das Kastell in Gernsheim, um in den 70er Jahren des 1. Jh. n. Chr. den rechtsrheinischen Raum großflächig in Besitz zu nehmen und die Verkehrsinfrastruktur vom und zum Zentrum Mainz-Mogontiacum auszubauen. Für die große Bedeutung von Gernsheim am Rhein in römischer Zeit spricht seine verkehrsgünstige Lage, hier zweigte eine Straße an den Mainlimes von der Fernstraße Mainz – Ladenburg – Augsburg ab. Auch die Existenz eines Rheinhafens wird vermutet, was durch diese Grabung allerdings nicht bestätigt werden konnte – „das war schon durch die Auswahl des Areals nicht zu erwarten“, so Maurer. Gernsheim hat sich im 20. Jahrhundert immer stärker ausgedehnt, was die archäologischen Spuren mehr und mehr zu verwischen drohte. Lagen die römischen Überreste um 1900 größtenteils noch unter Äckern und Gärten, so wurden sie peu à peu überbaut und gingen damit der planmäßigen archäologischen Forschung verloren. Das letzte größere Areal, in dem mit römischen Funden zu rechnen war, war ein Gebiet im Südwesten der Stadt zwischen der B 44 und dem Winkelbach. Doch 1971 rückten auch hier die Bagger an. Maurer ergänzt: „Nur notdürftig konnten damals einige römische Funde von ehrenamtlichen Helfern der Denkmalpflege geborgen werden.“

Am 4. August dieses Jahres startete auf einem der wenigen noch unbebauten Grundstücke, ein Doppelgrundstück an der Nibelungenstraße 10-12, die diesjährige Lehrgrabung des Instituts für Archäologische Wissenschaften der Goethe-Universität. „Nach meiner Kartierung der lokalisierbaren Gernsheimer Fundstellen befinden wir uns ganz am westlichen Rand der Fundkonzentration, unmittelbar am Rand der Niederterrasse, denn der nicht weit entfernte Winkelbach verläuft bereits in der Rheinniederung“, erklärt Grabungsleiter Maurer. Auf fast allen benachbarten Grundstücken wurden in den 1970er und 80er Jahren vereinzelt römische Funde notiert. „Der Platz erschien daher als lohnenswertes Grabungsziel, was sich voll bestätigt hat.“

Weitere Infos zur Grabung in Gernsheim gibt es hier. 

Quelle:
Ulrike Jaspers
Marketing und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Der Mensch und die Katastrophe

Auf aktuellen Forschungsergebnissen von Wissenschaftlern aus Heidelberg und Darmstadt basiert eine Ausstellung mit dem Titel „Von Atlantis bis heute – Mensch. Natur. Katastrophe“, die die Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (rem) vom 7. September 2014 an bis zum März kommenden Jahres zeigen. Die Schau geht der Frage nach, wie Individuen und Gesellschaften auf verheerende Unglücksereignisse reagieren, die durch Naturgewalten ausgelöst werden. Dabei wird der Bogen gespannt vom Untergang des sagenumwobenen Inselreiches Atlantis bis zum Wirbelsturm im ostindischen Bundesstaat Orissa, bei dem im vergangenen Jahr eine Million Menschen evakuiert werden musste. Die Ausstellung ist eine Kooperation der Reiss-Engelhorn-Museen mit dem Exzellenzcluster „Asien und Europa im globalen Kontext“ der Universität Heidelberg sowie der Technischen Universität Darmstadt. Zur Eröffnung wird die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer erwartet.

Die Ausstellung basiert auf dem Forschungsprojekt „Bilder von Katastrophen“, in dem der Geschichtswissenschaftler und Katastrophenexperte Prof. Dr. Gerrit Jasper Schenk (Darmstadt) und die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Monica Juneja (Heidelberg) am Cluster „Asien und Europa“ zusammenarbeiten. Sie untersuchen den Umgang mit Extremsituationen in Geschichte und Gegenwart in unterschiedlichen Kulturen. Dabei geht es nicht nur um die Reaktionen der Betroffenen vor Ort, sondern auch um die unterschiedlichen Deutungen der existenzbedrohenden Ereignisse und ihre „mediale“ Verbreitung. „Im Moment einer Naturkatastrophe wird das Verhältnis von Mensch und Kultur zur Natur schlaglichtartig beleuchtet“, betont Gerrit Schenk. Im Nachgang werden verheerende Unglücksereignisse erinnert oder verdrängt, es zeigen sich kollektive Bewältigungsstrategien und kulturell begründete Handlungsmuster. „Um das Unbeschreibliche zu thematisieren, zu deuten und zu zähmen, greifen Menschen zu Bildern. Dies können Sprachbilder, Mythen, Mahnmale, Symbole oder auch bewegte Bilder sein“, sagt Monica Juneja, die Professorin für globale Kunstgeschichte ist.

Wie Kulturen auf die Gefahren und Katastrophen reagieren, ist zwar in Zeit und Raum erstaunlich unterschiedlich. Doch zeigen sich nach Angaben von Prof. Juneja und Prof. Schenk auch verbindende, häufig wandernde Muster kulturellen Umgangs mit der katastrophalen Erfahrung. In der Vormoderne bot zum Beispiel die Erklärung, dass „Unsterne“ für eine Katastrophe verantwortlich sind, ein transkulturelles Deutungsmuster von Asien bis Europa an. Andere Erklärungen suchten die Schuld in falschem Handeln von Menschen. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Selbstgefährdung der Menschheit und einer Medialisierung katastrophaler Erfahrungen zeichnen sich in der Moderne schließlich global verständliche Darstellungsmuster ab, die zunehmend zu weltweiter Solidarität auffordern, wie die beiden Wissenschaftler hervorheben.

Die Ausstellung wurde gemeinsam mit einem Team der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim unter der Leitung von Dr. Christoph Lind, stellvertretender Direktor der rem für den Bereich Kunst- und Kulturgeschichte, konzipiert und umgesetzt. Sie führt rund 20 bekannte und weniger bekannte Katastrophen der Weltgeschichte vor Augen. Dazu gehören der Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 nach Christus, dessen Lavastrom die Stadt Pompeji zerstörte, oder auch die Überschwemmungen von Mannheim Ende des 18. Jahrhunderts, nach denen Flutkarten zu bedrohten Stadtteilen angefertigt wurden. Thema ist auch die Havarie des Atomkraftwerkes im japanischen Fukushima nach einer Tsunamiwelle 2011, bei der durch das Zusammenspiel von Naturgewalt und menschlicher Technik das Ereignis zu einer ganz spezifischen Katastrophe wurde. Gezeigt werden dazu rund 200 Exponate, die von historischen Gemälden über Alltagsgegenstände bis zu Originalberichten, Fotografien, Filmen und Hörbeispielen reichen. Viele dieser Ausstellungsstücke waren bislang noch nicht öffentlich zu sehen.

Die Ausstellung „Von Atlantis bis heute – Mensch. Natur. Katastrophe“ ist vom 7. September 2014 bis zum 1. März 2015 im Museum Weltkulturen der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim zu sehen. Sie ist täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

Weitere Infos zur Ausstellung „Von Atlantis bis heute – Mensch. Natur. Katastrophe“ gibt es hier.

Quelle:
Marietta Fuhrmann-Koch
Kommunikation und Marketing
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Seidentücher des heiligen Ambrosius

Archäologen der Universität Bonn und Restauratoren sichern und erforschen Tuniken, die dem heiligen Ambrosius aus dem vierten Jahrhundert zugeschrieben werden. Bei der Untersuchung der kostbaren Seidengewänder fördern sie erstaunliche wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entstehungsgeschichte der frühen Reliquienverehrung zutage. In wenigen Tagen reisen sie wieder mit einem mobilen Labor nach Mailand, um dort in der Kirche Sant’Ambrogio das Projekt weiter voranzutreiben.

Der heilige Ambrosius ist der Schutzpatron der Krämer, Imker, Lebkuchenbäcker – und auch des Lernens. Deshalb zählen zu seinen Attributen neben Bienenkorb auch Buch und Geißel. Außerdem ist Ambrosius (339 bis 397) Stadtpatron von Mailand. Dort, in der nach ihm benannten Basilika Sant’Ambrogio, ruhen seine Gebeine. In Trier geboren schlug er zunächst die Politikerlaufbahn ein und wurde 374 zum streitbaren Bischof der Kaiserresidenz Mailand gewählt. Er forcierte die Reliquienverehrung, wird häufig im Katechismus zitiert, auf ihn gehen die ambrosianischen Gesänge zurück und er trägt den Ehrentitel „Kirchenvater“. Wenig bekannt sind erstaunlicherweise die in Sant’Ambrogio verwahrten Tuniken, die auf den Heiligen zurückgeführt und als Reliquien verehrt werden.

Mit Pinsel und Ministaubsauger werden die kostbaren Seidenfasern von schädigenden Staubauflagen befreit. (c) Foto: Ulrike Reichert
Mit Pinsel und Ministaubsauger werden die kostbaren Seidenfasern von schädigenden Staubauflagen befreit.
(c) Foto: Ulrike Reichert

„Es handelt sich dabei um traumhaft schöne Gewänder aus kostbarer Seide, die dem Heiligen zugeschrieben werden“, sagt Prof. Dr. Sabine Schrenk von der Abteilung Christliche Archäologie der Universität Bonn. Auf einem Tuch sind aufwändige Jagdszenen mit Bäumen und Leoparden eingewebt, das andere kostbare Textil ist dagegen schlichter gehalten. Der wissenschaftliche Nachweis, ob die Tuniken tatsächlich im späten vierten Jahrhundert entstanden, steht noch aus. Sehr viel später aber werden sie nicht gewebt worden sein. Und so zählen sie zu besonders wichtigen Zeugnissen für die Spätantike und die frühchristliche Epoche.

Im Lauf der vielen Jahrhunderte nagte der Zahn der Zeit an den berühmten Textilien. „Um die brüchigen Seidenfasern noch lange zu erhalten, ist es wichtig, dass sie von schädigenden Staubauflagen befreit werden“, sagt die Kölner Textilrestauratorin Ulrike Reichert, die seit vielen Jahren ihre eigene Textil-Restaurierungswerkstatt in Köln-Dellbrück führt und sich auf die Konservierung früher Seidengewebe spezialisiert hat. Mit einem Ministaubsauger und unter Zuhilfenahme feiner Pinsel werden die Tücher mit viel Geduld vorsichtig abgesaugt. „Hierfür mussten wir die Textilien ganz vorsichtig von der Glasscheibe befreien, die zum Schutz darüber gelegt war“, berichtet Katharina Neuser, Mitarbeiterin von Prof. Schrenk.

Rettungsaktion mit dem mobilen Labor

In den vergangenen zwei Jahren fuhr das Team aus den Restauratorinnen und Prof. Schrenk mit Förderung der Gielen-Leyendecker-Stiftung mehrfach mit einem mobilen Labor nach Mailand, um dort über die Restaurierung hinaus mehr über die Herkunft und Geschichte der Textilien zu erfahren. „Wohl spätestens ab dem elften Jahrhundert wurden die Gewebe als die Tuniken des Heiligen Ambrosius verehrt“, sagt Prof. Schrenk. Erzbischof Heribert von Mailand ließ damals ein Textilband mit einem Hinweis an dem Ort anbringen, an dem die Tuniken verwahrt wurden. „Es handelt sich dabei um eine Art textiles Museumsschild, das auf die Bedeutung der Reliquien hinweist“, berichtet die Wissenschaftlerin der Universität Bonn. Vermutlich wurde jedoch schon viel früher ein rotes Kreuz auf eines der Gewänder als Zeichen seiner kirchlichen Bedeutung aufgenäht.

Im Lauf der Jahrhunderte wurden die Tuniken auf unterschiedliche Weise präsentiert und aufbewahrt. Eine Zeit lang wurden die kostbaren Seidengewebe wie ein Sandwich zwischen zwei weiteren Stoffen eingepackt in einer Truhe gelagert. Bis zum Zweiten Weltkrieg waren die Reliquien in einem Rahmen an einem Altar der Kirche Sant’Ambrogio angebracht, dann, bis vor einigen Jahren, im Museum der Kirche in neuen Glasrahmen. Um sie vor Licht zu schützen, legte man sie danach in einen großen Schubladenschrank. „Der Druck der schweren Glasscheibe beansprucht die Jahrhunderte alten Textilien zusätzlich“, sagt Prof. Schrenk. Vor einigen Jahren reifte die Entscheidung, die wertvollen Seidenstoffe restaurieren zu lassen.

In der Kirche Sant'Ambrogio in Mailand: Prof. Dr. Sabine Schrenk (rechts) von der Universität Bonn und die Kölner Textilrestauratorin Ulrike Reichert mit den wertvollen Tuniken. (c) Foto: Jochen Schaal-Reichert
In der Kirche Sant’Ambrogio in Mailand: Prof. Dr. Sabine Schrenk (rechts) von der Universität Bonn und die Kölner Textilrestauratorin Ulrike Reichert mit den wertvollen Tuniken.
(c) Foto: Jochen Schaal-Reichert

Die beteiligten Forscher und Restauratoren sind schon ein großes Stück vorangekommen, haben aber auch in den nächsten Jahren noch alle Hände voll zu tun. „Das Projekt zu Ambrosius fördert auf erstaunliche Weise anhand der Textilien zutage, wie sich die Entstehungsgeschichte der frühen Reliquienverehrung vollzog“, sagt Prof. Schrenk. Auch für die spätantike Wirtschaftsgeschichte wird das Projekt neue Erkenntnisse liefern. Zwar ist bekannt, dass im vierten Jahrhundert in Europa und Kleinasien noch keine Seide gewonnen wurde. Die kostbaren Garne wurden aus China importiert. Die Wissenschaftlerin zweifelt aber die gängige Lehrmeinung an, dass zu dieser Zeit sämtliche Seidenstoffe im östlichen Mittelmeergebiet – vor allem in Syrien – gewebt wurden. „Mailand war damals Kaiserresidenz, verfügte über zahlungskräftige Kundschaft und nutzte Seide im ganz großen Stil. Es würde mich sehr wundern, wenn es zu dieser Zeit nicht auch vor Ort Seidenmanufakturen gegeben hätte“, sagt die Archäologin.

Mehr Infos zur Erforschung der Seidentücher gibt es hier.

Quelle:
Johannes Seiler
Dezernat 8 – Hochschulkommunikation
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Grabungen auf dem Kapellenberg

Auch in diesem Jahr werden die archäologischen Untersuchungen im Innenraum der jungsteinzeitlichen Höhensiedlung Kapellenberg in Hofheim/Ts. fortgeführt. Ziel der am 1. September beginnenden Grabungen ist das Verständnis der ehemaligen Bebauungsdichte und die Frage, wie viele Menschen dort zugleich gewohnt hatten – letztlich, ob man von einer frühen Stadt sprechen kann.

Die Grabungen konzentrieren sich wieder auf das bereits im Jahr 2013 untersuchte Areal. Dort fanden die Archäologen des Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz Konzentrationen von Keramik, Lehm, Holzkohle und einige Steingeräte aus der Zeit um 4000 v. Chr. Die Funde zeigen, dass noch Teile der ehemaligen Oberfläche um die damaligen Häuser erhalten sind. Das macht den Kapellenberg aus archäologischer Sicht so bedeutend, denn in den meisten steinzeitlichen Siedlungen sind diese Oberflächen abgeschwemmt.

Geophysikalische Prospektion auf dem Kapellenberg durch Patrick Mertl, Universität Mainz, August 2014. (Foto: RGZM / D. Gronenborn)
Geophysikalische Prospektion auf dem Kapellenberg durch Patrick Mertl, Universität Mainz, August 2014. (Foto: RGZM / D. Gronenborn)

Bereits im Frühjahr 2014 ist in Kooperation mit Prof. Dr. Heinrich Thiemeyer von der Goethe-Universität in Frankfurt das Plateau des Kapellenberges und die seitlichen Hänge abgebohrt worden, so dass nun die Erosions- und Umgestaltungsgeschichte der Oberfläche besser verstanden ist. Demnach wurde bereits vor 6000 Jahren der Boden weitgehend durch die Siedlungsaktivitäten verändert. Im kommenden Herbst und Winter werden geophysikalische Messungen an geeigneten Flächen weitere Informationen zur Besiedlungsdichte geben, ein erster Versuch im August erbrachte vielversprechende Ergebnisse.

Letztendlich zielen alle diese Forschungen auf die Frage nach der ehemaligen Besiedlungsdichte und Größe der Höhensiedlung – es geht es um den Beginn städtischer Siedlungen in Mitteleuropa. Während man früher städtische Strukturen erst zu Beginn der Eisenzeit sehen wollte, zeigen neue Forschungen, dass Siedlungen mit vielen Tausend Einwohnern als Zentrum eines Umlandes bereits um 4000 v. Chr. in mehreren Regionen Europas existierten. Anhand des Kapellenberges lassen sich diese Fragen ausgezeichnet untersuchen.

Die Grabung und die Prospektionen werden ausgerichtet vom RGZM und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Kooperation mit der hessenARCHÄOLOGIE und unterstützt von der Stadt Hofheim. Das Grabungsteam besteht aus Studierenden der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und wird geleitet von Timo Lang M.A.

Mehr Infos zu den Grabungen auf dem Kapellenberg gibt es hier. 

Quelle:
Christina Nitzsche
Vermittlung und Öffentlichkeitsarbeit
Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM) – Forschungsinstitut für Archäologie

Zurück! Steinzeit. Bronzezeit. Eisenzeit.

Heute wurde die neue Dauerausstellung des Museums für Vor- und Frühgeschichte im Neuen Museum feierlich eröffnet. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Allein schon wegen der besonderen Architektur des Gebäudes, der wunderbaren Verbindung von historischer Substanz mit modernen Materialien und schlichten Formen, komme ich immer wieder gern an diesen Ort.

Mit der heutigen Eröffnung beginnt „das Erlebnis, die ältesten Epochen der Menschheitsgeschichte in einer Ausstellung lebendig werden zu lassen.“, so heißt es im Programm. Klingt vielversprechend. Der Rundgang startet im Roten Saal. Gleich beim Betreten des Raumes habe ich tatsächlich das Gefühl, in die Vergangenheit gereist zu sein, wenn auch nicht bis zum Ursprung der Menschheitsgeschichte, sondern „nur“ etwa 150 Jahre zurück. Im Roten Saal werden die größten und bedeutendsten Sammlungen, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert den Grundstock des Museums für Vor- und Frühgeschichte bildeten, in traditionellen Vitrinen präsentiert. Ganz im Ambiente einer Studiensammlung des 19. Jahrhunderts.

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Archäologie in Berlin (LH)

Einen absolut erfrischenden Kontrast dazu bildet der nächste Raum mit aktuellen Funden aus dem Zentrum von Berlin. Hier gibt es Objekte wie mittelalterliche Keramik bis hin zu verrosteten Soldatenhelmen aus dem Zweiten Weltkrieg. In der modernen archäologischen Forschung geht es eben schon längst nicht mehr nur um „alte“, längst vergangene Epochen!

 

Unmittelbar hinter den Funden aus dem Zweiten Weltkrieg wird der Besucher zurück in die frühen Kapitel der Menschheitsgeschichte geführt. Kaum habe ich den Raum betreten, blicke ich direkt in die Augen des Neandertalers aus Le Moustier. Die auf der Grundlage aktueller Forschungen erstellte Gesichtsrekonstruktion wirkt ergreifend lebendig. In Zusammenarbeit mit Fachspezialisten und dem Museum für Vor- und Frühgeschichte wurden anhand des Schädels und der vermuteten Lebensumstände des ca. 11-jährigen Neandertalerjungen die physiognomischen Merkmale und die zu erwartende Dicke der Weichteilauflagen erarbeitet.

 

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Ergreifend echt: Der Neandertaler aus Le Moustier. (LH)

 

In rauhen Mengen wird im nächsten Raum das neue, der folgenden Epoche seinen Namen gebende Material präsentiert: Bronzegegenstände, wohin ich auch blicke. Die Anordnung der Großvitrinen erfolgt wie in einer Prozessionsstraße und gibt die Sicht auf den berühmten Berliner Goldhut frei.

Zeremonialhut aus der Bronzezeit (LH)
Zeremonialhut aus der Bronzezeit (LH)

 

Den Abschluss der Dauerausstellung bilden die Funde aus der Eisenzeit. Die Eisenverhüttung, die Gesellschaft und Kultur nachhaltig veränderte, wird nicht nur durch historische Fundobjekte aus Eisen dokumentiert. Der Vorgang der Verhüttung von Eisenerz in sogenannten Rennöfen aus Lehm ist für die Besucher in allen Schritten nachvollziehbar; vermittelt wird so ein Eindruck von dessen technischer Komplexität.

 

Zwischendurch komme ich an einer „Zeitmaschine“ vorbei. In dieser Videoinstallation ist die vorgeschichtliche Entwicklung des Menschen zu sehen, dargestellt in Aquarellbildern mit fiktiven Landschafts-Ausschnitten. Während des Filmes entdecke ich immer wieder Exponate aus der Ausstellung, wie zum Beispiel den Zeremonialhut aus der Bronzezeit. Es wird nachvollziehbar, welche Rolle diese Exponate im Leben unserer Vorgänger gespielt haben. Hier zeigt sich die Grundidee der Ausstellung: Eine spannende Reise zu den frühen Epochen der Menschheitsgeschichte in Europa.

Eine Reise in die früheste Menschheitsgeschichte. (LH)
Eine Reise in die früheste Menschheitsgeschichte. (LH)

 

Die Präsentation von Sammlungen und Aufstellung von Exponaten ist nach wie vor eine große Herausforderung für WissenschaftlerInnen und AusstellungsgestalterInnen. Denn das moderne Bild von den ältesten Epochen der Menschheitsgeschichte wird immer detaillierter, eine übersichtliche Darstellung hiervon immer schwieriger. Diesem Anspruch wird die neue Dauerausstellung in jedem Fall gerecht. Sie schafft es, die Objekte und ihre jeweiligen Kontexte anschaulich und spannend zu vermitteln, und zwar für alle Besucher – egal, ob jung oder alt. Ganz im Einklang mit diesem Ziel fand zur heutigen Eröffnung gleichzeitig auch ein Familientag mit einem umfangreichen Bildungs- und Vermittlungsprogramm im Kolonnadenhof statt.

Steinzeit erfahrbar machen für Jung und Alt. (LH)
Steinzeit erfahrbar machen für Jung und Alt. (LH)

 

Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 18 Uhr

Adresse: Neues Museum (Museumsinsel), Besuchereingang: Bodestraße 1-3, 10178 Berlin

 

Weitere Infos zum Neuen Museum gibt es hier.

Neues Service-Angebot vom Berliner Antike-Kolleg

Das Berliner Antike-Kolleg stellt auf seinen Internetseiten ein neues umfangreiches Informations- und Rechercheangebot bereit, das die altertumswissenschaftlichen Ressourcen in der Region Berlin-Brandenburg bündelt und öffentlich zugänglich macht. Das Angebot ist Teil des Projekts „Altertumswissenschaften in Berlin/Brandenburg“ und wird vom Berliner Antike-Kolleg und dem Exzellenzcluster Topoi in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Archäologischen Institut, der Staatsbibliothek zu Berlin und dem altertumswissenschaftlichen Fachliteraturportal „Propylaeum“ erstellt. Es richtet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Studierende und die interessierte Öffentlichkeit.

Das Angebot umfasst drei Bereiche:

– Ein virtueller Verbundkatalog vereint die wichtigsten Fachbibliotheken in der Region und ermöglicht eine Literatursuche.

– Ein Veranstaltungskalender listet Vorträge, Konferenzen und weitere Ereignisse in der Region, die im Zusammenhang mit altertumswissenschaftlicher Forschungs stehen.

– Mithilfe des Infrastrukturführers können die Standorte von Fachbibliotheken, Instituten und Museen in Berlin und Brandenburg recherchiert werden.

Das Berliner Antike-Kolleg ist 2011 aus dem Exzellenzcluster Topoi hervorgegangen und wird wie dieses von allen Institutionen getragen, die sich in Berlin mit der Alten Welt beschäftigen: Beteiligt sind die Freie Universität und die Humboldt-Universität zu Berlin, die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, das Deutsche Archäologische Institut, das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Das Zentrum umspannt unter anderem die Disziplinen Archäologie, Geschichtswissenschaft, Philologie und Philosophie; integriert sind auch Geo- und andere Naturwissenschaften.

Zum Kolleg gehört auch eine Graduiertenschule zur Doktorandenausbildung. Ein weiterer Bereich ist das Research Center of Ancient Studies, mit dem der internationale wissenschaftliche Austausch in Berlin gefördert werden soll. Die Geschäftsstelle des Berliner Antike Kollegs befindet sich im Archäologischen Zentrum der Staatlichen Museen zu Berlin.

 

Weitere Infos zu dem neuen Service-Angebot des Berliner Antike-Kollegs gibt es hier.

 

Quelle:
Dr. Nina Diezemann
Stabsstelle für Presse und Kommunikation
Freie Universität Berlin