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Kupferzeitliche Siedlung in Zentralspanien entdeckt

Wissenschaftler des Tübinger Sonderforschungsbereichs RessourcenKulturen finden neue Hinweise auf Ansiedlungen in unwirtlichen Gebieten der Iberischen Halbinsel im dritten Jahrtausend vor Christus.

Forscher des Sonderforschungsbereichs RessourcenKulturen (SFB 1070) an der Universität Tübingen haben in Zusammenarbeit mit Kollegen der spanischen Universität Alcalá de Henares ein bislang unbekanntes kupferzeitliches Siedlungszentrum in der Region Azután (Zentralspanien) entdeckt. Bei einer Feldstudie fanden sie auf einer Fläche von rund 90 Hektar Keramik und Steinwerkzeuge, die sie durch typologische Untersuchungen der Kupferzeit zuweisen konnten.

Chalkolitisches Megalithgrab „Dolmen de Azután“ (Foto: Felicitas Schmitt/Universität Tübingen)
Chalkolitisches Megalithgrab „Dolmen de Azután“
(Foto: Felicitas Schmitt/Universität Tübingen)

Als Kupferzeit oder Chalkolithikum wird der Zeitraum zwischen der Jungsteinzeit und der frühen Bronzezeit im dritten Jahrtausend vor Christus bezeichnet. Kennzeichnend für diese Epoche waren die Nutzung von Kupfererzen, große befestigte Siedlungen im Südosten der Iberischen Halbinsel sowie eine intensivere Nutzung der Umwelt als noch im Neolithikum. Bislang ging man davon aus, dass die zentralspanische Region um Toledo während des Chalkolithikums nur sporadisch besiedelt war: Sie liegt eher ungünstig zwischen zwei Gebirgsmassiven am Lauf des Flusses Tajo, der damals schwer zu überqueren war.

Das bis heute erhaltene „Megalithgrab von Azután“ wies bereits auf Spuren von Menschen im Chalkolithikum hin. Der neue Siedlungsfund liefert nun Hinweise auf eine umfangreiche durchgängige Besiedlung in der Region um Toledo während des vierten und dritten Jahrtausends vor Christus. Zu diesem Schluss gelangte das Forscherteam unter Leitung des Tübinger Archäologen Professor Martin Bartelheim wegen des großen Vorkommens und der Konzentration der Funde. In geomagnetischen Untersuchungen und durch eine gezielte Auswertung von Luftbildern wollen die Wissenschaftler nun Ausmaß und Struktur der Siedlung ermitteln.

Seit den 1980er Jahren rückt die Iberische Halbinsel in der chalkolitischen Periode verstärkt in das Interesse der Forschung. „Dank der neuen Funde bei Azután wurde die Annahme bestätigt, dass es auch in Zentralspanien eine intensive Kupferverarbeitung und Besiedlung gab. Bisher glaubte man, dass sich dies weitgehend auf die fruchtbaren Küstenregionen im Süden der Iberischen Halbinsel beschränkte“, sagt Felicitas Schmitt, Doktorandin am SFB RessourcenKulturen. Im nahegelegenen Aldeanueva de San Bartolomé ist eine weitere, vermutlich sogar befestigte Siedlung vorhanden, die auf ein frühes Kupferverarbeitungszentrum hindeutet. Neue Werkzeugfunde im Bereich Azután lassen sich dem Ackerbau und dem Fischfang (Mühlsteine und Netzsenker) zuordnen. Diese Entdeckungen zeigen, dass bereits in der chalkolitischen Gesellschaft eine verstärkte Ausdifferenzierung in verschiedene, komplexe Arbeitsbereiche stattfand, was einen entscheidenden Entwicklungsschritt auf dem Weg zur Herausbildung verschiedener Berufszweige in der kupferzeitlichen Gesellschaft markiert.

Wie die neu entdeckte Siedlung an die Verkehrs- und Handelsrouten der damaligen Zeit in Zentralspanien angebunden war, wird durch Landschaftssurveys erkundet. Bereits jetzt ist die Nähe zu wichtigen Fernverbindungen entlang des Flusstals und quer verlaufender Wege der Wanderhirten auffällig, die seit alters her das zentraliberische Hochland, die Mesetas, durchziehen. In einer Vergleichsstudie untersucht Javier Escudero Carillo, ebenfalls Doktorand des SFB 1070, an der portugiesischen Algarveküste eine weitere kupferzeitliche Siedlung, wodurch sich Parallelen zwischen beiden Regionen aufzeigen lassen. Felicitas Schmitt: „In beiden Regionen finden sich ähnliche Grabbauten, Bestattungsriten und Fundgegenstände. Deshalb gehen wir davon aus, dass Flüsse und Routen von Wanderhirten als Kommunikationswege schon damals eine wichtige Rolle spielten.“

Weitere Infos zur kupferzeitlichen Siedlung in Zentralspanien gibt es hier.

 

Quelle:
Antje Karbe
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Volltreffer bei Grabung in Gernsheim

Frankfurter Uni-Archäologen haben im Rahmen einer studentischen Lehrgrabung in Gernsheim im Hessischen Ried das seit Langem gesuchte Römerkastell entdeckt: Zwischen 70/80 und 110/120 n. Chr. war dort eine Truppeneinheit mit etwa 500 Soldaten (Kohorte) stationiert. Nachgewiesen wurden in den vergangenen Wochen zwei für entsprechende Kastelle typische Spitzgräben, die Pfostenlöcher eines hölzernen Turms der Umwehrung sowie weitere Befunde aus der Zeit nach der Auflassung des Kastells.

Ungewöhnlich zahlreich sind die Funde. Denn die römische Truppe legte bei ihrem Abzug das Kastell nieder und verfüllte die Gräben. Dabei wurde vor allem im inneren Spitzgraben viel Abfall entsorgt – „ein Glücksfall für uns“ – so Prof. Dr. Hans-Markus von Kaenel vom Institut für Archäologische Wissenschaften der Goethe-Universität – „wir haben Kiste um Kiste mit Scherben von Fein-, Grob- und Transportkeramik gefüllt; ihre Bestimmung wird es erlauben, das Ende des Kastells zeitlich genauer einzugrenzen als bislang möglich“.

Über das römische Gernsheim war bisher wenig bekannt, obwohl hier seit dem 19. Jahrhundert immer wieder römische Funde zutage treten. „Sicher schien aufgrund der Funde bisher nur, dass hier vom 1. bis 3. Jahrhundert eine bedeutende dorfartige Siedlung, ein ‚vicus‘, gelegen haben muss, vergleichbar etwa mit ähnlichen Dörfern, die bereits in Groß-Gerau, Dieburg oder Ladenburg nachgewiesen werden konnten“, erläutert Grabungsleiter Dr. Thomas Maurer, der seit Jahren von Frankfurt aus nach Südhessen auf Spurensuche geht und seine Ergebnisse in einer großen Publikation über das nördliche Hessische Ried in der römischen Kaiserzeit veröffentlicht hat.

„Angenommen wurde“ – so Maurer weiter –, „dass diese Siedlung aus einem Kastell hervorgegangen sein müsse, war es doch üblich, dass die Angehörigen der Soldaten vor dem Kastell in einer dorfartigen Siedlung lebten.“ „Diese Grabungskampagne ist ein echter Volltreffer“, freut sich Prof. Dr. Hans-Markus von Kaenel, „die Ergebnisse stellen einen Meilenstein in der Rekonstruktion der Geschichte des Hessischen Ried in der römischen Zeit dar.“ Seit bald 20 Jahren kümmert sich von Kaenel zusammen mit seinen Mitarbeitern und Studierenden im Rahmen von Surveys, Ausgrabungen, Materialaufarbeitungen und Auswertungen um diesen Raum; die Ergebnisse sind in über 50 Beiträgen publiziert worden.

Die Römer errichteten das Kastell in Gernsheim, um in den 70er Jahren des 1. Jh. n. Chr. den rechtsrheinischen Raum großflächig in Besitz zu nehmen und die Verkehrsinfrastruktur vom und zum Zentrum Mainz-Mogontiacum auszubauen. Für die große Bedeutung von Gernsheim am Rhein in römischer Zeit spricht seine verkehrsgünstige Lage, hier zweigte eine Straße an den Mainlimes von der Fernstraße Mainz – Ladenburg – Augsburg ab. Auch die Existenz eines Rheinhafens wird vermutet, was durch diese Grabung allerdings nicht bestätigt werden konnte – „das war schon durch die Auswahl des Areals nicht zu erwarten“, so Maurer. Gernsheim hat sich im 20. Jahrhundert immer stärker ausgedehnt, was die archäologischen Spuren mehr und mehr zu verwischen drohte. Lagen die römischen Überreste um 1900 größtenteils noch unter Äckern und Gärten, so wurden sie peu à peu überbaut und gingen damit der planmäßigen archäologischen Forschung verloren. Das letzte größere Areal, in dem mit römischen Funden zu rechnen war, war ein Gebiet im Südwesten der Stadt zwischen der B 44 und dem Winkelbach. Doch 1971 rückten auch hier die Bagger an. Maurer ergänzt: „Nur notdürftig konnten damals einige römische Funde von ehrenamtlichen Helfern der Denkmalpflege geborgen werden.“

Am 4. August dieses Jahres startete auf einem der wenigen noch unbebauten Grundstücke, ein Doppelgrundstück an der Nibelungenstraße 10-12, die diesjährige Lehrgrabung des Instituts für Archäologische Wissenschaften der Goethe-Universität. „Nach meiner Kartierung der lokalisierbaren Gernsheimer Fundstellen befinden wir uns ganz am westlichen Rand der Fundkonzentration, unmittelbar am Rand der Niederterrasse, denn der nicht weit entfernte Winkelbach verläuft bereits in der Rheinniederung“, erklärt Grabungsleiter Maurer. Auf fast allen benachbarten Grundstücken wurden in den 1970er und 80er Jahren vereinzelt römische Funde notiert. „Der Platz erschien daher als lohnenswertes Grabungsziel, was sich voll bestätigt hat.“

Weitere Infos zur Grabung in Gernsheim gibt es hier. 

Quelle:
Ulrike Jaspers
Marketing und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Der Mensch und die Katastrophe

Auf aktuellen Forschungsergebnissen von Wissenschaftlern aus Heidelberg und Darmstadt basiert eine Ausstellung mit dem Titel „Von Atlantis bis heute – Mensch. Natur. Katastrophe“, die die Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (rem) vom 7. September 2014 an bis zum März kommenden Jahres zeigen. Die Schau geht der Frage nach, wie Individuen und Gesellschaften auf verheerende Unglücksereignisse reagieren, die durch Naturgewalten ausgelöst werden. Dabei wird der Bogen gespannt vom Untergang des sagenumwobenen Inselreiches Atlantis bis zum Wirbelsturm im ostindischen Bundesstaat Orissa, bei dem im vergangenen Jahr eine Million Menschen evakuiert werden musste. Die Ausstellung ist eine Kooperation der Reiss-Engelhorn-Museen mit dem Exzellenzcluster „Asien und Europa im globalen Kontext“ der Universität Heidelberg sowie der Technischen Universität Darmstadt. Zur Eröffnung wird die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer erwartet.

Die Ausstellung basiert auf dem Forschungsprojekt „Bilder von Katastrophen“, in dem der Geschichtswissenschaftler und Katastrophenexperte Prof. Dr. Gerrit Jasper Schenk (Darmstadt) und die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Monica Juneja (Heidelberg) am Cluster „Asien und Europa“ zusammenarbeiten. Sie untersuchen den Umgang mit Extremsituationen in Geschichte und Gegenwart in unterschiedlichen Kulturen. Dabei geht es nicht nur um die Reaktionen der Betroffenen vor Ort, sondern auch um die unterschiedlichen Deutungen der existenzbedrohenden Ereignisse und ihre „mediale“ Verbreitung. „Im Moment einer Naturkatastrophe wird das Verhältnis von Mensch und Kultur zur Natur schlaglichtartig beleuchtet“, betont Gerrit Schenk. Im Nachgang werden verheerende Unglücksereignisse erinnert oder verdrängt, es zeigen sich kollektive Bewältigungsstrategien und kulturell begründete Handlungsmuster. „Um das Unbeschreibliche zu thematisieren, zu deuten und zu zähmen, greifen Menschen zu Bildern. Dies können Sprachbilder, Mythen, Mahnmale, Symbole oder auch bewegte Bilder sein“, sagt Monica Juneja, die Professorin für globale Kunstgeschichte ist.

Wie Kulturen auf die Gefahren und Katastrophen reagieren, ist zwar in Zeit und Raum erstaunlich unterschiedlich. Doch zeigen sich nach Angaben von Prof. Juneja und Prof. Schenk auch verbindende, häufig wandernde Muster kulturellen Umgangs mit der katastrophalen Erfahrung. In der Vormoderne bot zum Beispiel die Erklärung, dass „Unsterne“ für eine Katastrophe verantwortlich sind, ein transkulturelles Deutungsmuster von Asien bis Europa an. Andere Erklärungen suchten die Schuld in falschem Handeln von Menschen. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Selbstgefährdung der Menschheit und einer Medialisierung katastrophaler Erfahrungen zeichnen sich in der Moderne schließlich global verständliche Darstellungsmuster ab, die zunehmend zu weltweiter Solidarität auffordern, wie die beiden Wissenschaftler hervorheben.

Die Ausstellung wurde gemeinsam mit einem Team der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim unter der Leitung von Dr. Christoph Lind, stellvertretender Direktor der rem für den Bereich Kunst- und Kulturgeschichte, konzipiert und umgesetzt. Sie führt rund 20 bekannte und weniger bekannte Katastrophen der Weltgeschichte vor Augen. Dazu gehören der Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 nach Christus, dessen Lavastrom die Stadt Pompeji zerstörte, oder auch die Überschwemmungen von Mannheim Ende des 18. Jahrhunderts, nach denen Flutkarten zu bedrohten Stadtteilen angefertigt wurden. Thema ist auch die Havarie des Atomkraftwerkes im japanischen Fukushima nach einer Tsunamiwelle 2011, bei der durch das Zusammenspiel von Naturgewalt und menschlicher Technik das Ereignis zu einer ganz spezifischen Katastrophe wurde. Gezeigt werden dazu rund 200 Exponate, die von historischen Gemälden über Alltagsgegenstände bis zu Originalberichten, Fotografien, Filmen und Hörbeispielen reichen. Viele dieser Ausstellungsstücke waren bislang noch nicht öffentlich zu sehen.

Die Ausstellung „Von Atlantis bis heute – Mensch. Natur. Katastrophe“ ist vom 7. September 2014 bis zum 1. März 2015 im Museum Weltkulturen der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim zu sehen. Sie ist täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

Weitere Infos zur Ausstellung „Von Atlantis bis heute – Mensch. Natur. Katastrophe“ gibt es hier.

Quelle:
Marietta Fuhrmann-Koch
Kommunikation und Marketing
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Seidentücher des heiligen Ambrosius

Archäologen der Universität Bonn und Restauratoren sichern und erforschen Tuniken, die dem heiligen Ambrosius aus dem vierten Jahrhundert zugeschrieben werden. Bei der Untersuchung der kostbaren Seidengewänder fördern sie erstaunliche wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entstehungsgeschichte der frühen Reliquienverehrung zutage. In wenigen Tagen reisen sie wieder mit einem mobilen Labor nach Mailand, um dort in der Kirche Sant’Ambrogio das Projekt weiter voranzutreiben.

Der heilige Ambrosius ist der Schutzpatron der Krämer, Imker, Lebkuchenbäcker – und auch des Lernens. Deshalb zählen zu seinen Attributen neben Bienenkorb auch Buch und Geißel. Außerdem ist Ambrosius (339 bis 397) Stadtpatron von Mailand. Dort, in der nach ihm benannten Basilika Sant’Ambrogio, ruhen seine Gebeine. In Trier geboren schlug er zunächst die Politikerlaufbahn ein und wurde 374 zum streitbaren Bischof der Kaiserresidenz Mailand gewählt. Er forcierte die Reliquienverehrung, wird häufig im Katechismus zitiert, auf ihn gehen die ambrosianischen Gesänge zurück und er trägt den Ehrentitel „Kirchenvater“. Wenig bekannt sind erstaunlicherweise die in Sant’Ambrogio verwahrten Tuniken, die auf den Heiligen zurückgeführt und als Reliquien verehrt werden.

Mit Pinsel und Ministaubsauger werden die kostbaren Seidenfasern von schädigenden Staubauflagen befreit. (c) Foto: Ulrike Reichert
Mit Pinsel und Ministaubsauger werden die kostbaren Seidenfasern von schädigenden Staubauflagen befreit.
(c) Foto: Ulrike Reichert

„Es handelt sich dabei um traumhaft schöne Gewänder aus kostbarer Seide, die dem Heiligen zugeschrieben werden“, sagt Prof. Dr. Sabine Schrenk von der Abteilung Christliche Archäologie der Universität Bonn. Auf einem Tuch sind aufwändige Jagdszenen mit Bäumen und Leoparden eingewebt, das andere kostbare Textil ist dagegen schlichter gehalten. Der wissenschaftliche Nachweis, ob die Tuniken tatsächlich im späten vierten Jahrhundert entstanden, steht noch aus. Sehr viel später aber werden sie nicht gewebt worden sein. Und so zählen sie zu besonders wichtigen Zeugnissen für die Spätantike und die frühchristliche Epoche.

Im Lauf der vielen Jahrhunderte nagte der Zahn der Zeit an den berühmten Textilien. „Um die brüchigen Seidenfasern noch lange zu erhalten, ist es wichtig, dass sie von schädigenden Staubauflagen befreit werden“, sagt die Kölner Textilrestauratorin Ulrike Reichert, die seit vielen Jahren ihre eigene Textil-Restaurierungswerkstatt in Köln-Dellbrück führt und sich auf die Konservierung früher Seidengewebe spezialisiert hat. Mit einem Ministaubsauger und unter Zuhilfenahme feiner Pinsel werden die Tücher mit viel Geduld vorsichtig abgesaugt. „Hierfür mussten wir die Textilien ganz vorsichtig von der Glasscheibe befreien, die zum Schutz darüber gelegt war“, berichtet Katharina Neuser, Mitarbeiterin von Prof. Schrenk.

Rettungsaktion mit dem mobilen Labor

In den vergangenen zwei Jahren fuhr das Team aus den Restauratorinnen und Prof. Schrenk mit Förderung der Gielen-Leyendecker-Stiftung mehrfach mit einem mobilen Labor nach Mailand, um dort über die Restaurierung hinaus mehr über die Herkunft und Geschichte der Textilien zu erfahren. „Wohl spätestens ab dem elften Jahrhundert wurden die Gewebe als die Tuniken des Heiligen Ambrosius verehrt“, sagt Prof. Schrenk. Erzbischof Heribert von Mailand ließ damals ein Textilband mit einem Hinweis an dem Ort anbringen, an dem die Tuniken verwahrt wurden. „Es handelt sich dabei um eine Art textiles Museumsschild, das auf die Bedeutung der Reliquien hinweist“, berichtet die Wissenschaftlerin der Universität Bonn. Vermutlich wurde jedoch schon viel früher ein rotes Kreuz auf eines der Gewänder als Zeichen seiner kirchlichen Bedeutung aufgenäht.

Im Lauf der Jahrhunderte wurden die Tuniken auf unterschiedliche Weise präsentiert und aufbewahrt. Eine Zeit lang wurden die kostbaren Seidengewebe wie ein Sandwich zwischen zwei weiteren Stoffen eingepackt in einer Truhe gelagert. Bis zum Zweiten Weltkrieg waren die Reliquien in einem Rahmen an einem Altar der Kirche Sant’Ambrogio angebracht, dann, bis vor einigen Jahren, im Museum der Kirche in neuen Glasrahmen. Um sie vor Licht zu schützen, legte man sie danach in einen großen Schubladenschrank. „Der Druck der schweren Glasscheibe beansprucht die Jahrhunderte alten Textilien zusätzlich“, sagt Prof. Schrenk. Vor einigen Jahren reifte die Entscheidung, die wertvollen Seidenstoffe restaurieren zu lassen.

In der Kirche Sant'Ambrogio in Mailand: Prof. Dr. Sabine Schrenk (rechts) von der Universität Bonn und die Kölner Textilrestauratorin Ulrike Reichert mit den wertvollen Tuniken. (c) Foto: Jochen Schaal-Reichert
In der Kirche Sant’Ambrogio in Mailand: Prof. Dr. Sabine Schrenk (rechts) von der Universität Bonn und die Kölner Textilrestauratorin Ulrike Reichert mit den wertvollen Tuniken.
(c) Foto: Jochen Schaal-Reichert

Die beteiligten Forscher und Restauratoren sind schon ein großes Stück vorangekommen, haben aber auch in den nächsten Jahren noch alle Hände voll zu tun. „Das Projekt zu Ambrosius fördert auf erstaunliche Weise anhand der Textilien zutage, wie sich die Entstehungsgeschichte der frühen Reliquienverehrung vollzog“, sagt Prof. Schrenk. Auch für die spätantike Wirtschaftsgeschichte wird das Projekt neue Erkenntnisse liefern. Zwar ist bekannt, dass im vierten Jahrhundert in Europa und Kleinasien noch keine Seide gewonnen wurde. Die kostbaren Garne wurden aus China importiert. Die Wissenschaftlerin zweifelt aber die gängige Lehrmeinung an, dass zu dieser Zeit sämtliche Seidenstoffe im östlichen Mittelmeergebiet – vor allem in Syrien – gewebt wurden. „Mailand war damals Kaiserresidenz, verfügte über zahlungskräftige Kundschaft und nutzte Seide im ganz großen Stil. Es würde mich sehr wundern, wenn es zu dieser Zeit nicht auch vor Ort Seidenmanufakturen gegeben hätte“, sagt die Archäologin.

Mehr Infos zur Erforschung der Seidentücher gibt es hier.

Quelle:
Johannes Seiler
Dezernat 8 – Hochschulkommunikation
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Grabungen auf dem Kapellenberg

Auch in diesem Jahr werden die archäologischen Untersuchungen im Innenraum der jungsteinzeitlichen Höhensiedlung Kapellenberg in Hofheim/Ts. fortgeführt. Ziel der am 1. September beginnenden Grabungen ist das Verständnis der ehemaligen Bebauungsdichte und die Frage, wie viele Menschen dort zugleich gewohnt hatten – letztlich, ob man von einer frühen Stadt sprechen kann.

Die Grabungen konzentrieren sich wieder auf das bereits im Jahr 2013 untersuchte Areal. Dort fanden die Archäologen des Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz Konzentrationen von Keramik, Lehm, Holzkohle und einige Steingeräte aus der Zeit um 4000 v. Chr. Die Funde zeigen, dass noch Teile der ehemaligen Oberfläche um die damaligen Häuser erhalten sind. Das macht den Kapellenberg aus archäologischer Sicht so bedeutend, denn in den meisten steinzeitlichen Siedlungen sind diese Oberflächen abgeschwemmt.

Geophysikalische Prospektion auf dem Kapellenberg durch Patrick Mertl, Universität Mainz, August 2014. (Foto: RGZM / D. Gronenborn)
Geophysikalische Prospektion auf dem Kapellenberg durch Patrick Mertl, Universität Mainz, August 2014. (Foto: RGZM / D. Gronenborn)

Bereits im Frühjahr 2014 ist in Kooperation mit Prof. Dr. Heinrich Thiemeyer von der Goethe-Universität in Frankfurt das Plateau des Kapellenberges und die seitlichen Hänge abgebohrt worden, so dass nun die Erosions- und Umgestaltungsgeschichte der Oberfläche besser verstanden ist. Demnach wurde bereits vor 6000 Jahren der Boden weitgehend durch die Siedlungsaktivitäten verändert. Im kommenden Herbst und Winter werden geophysikalische Messungen an geeigneten Flächen weitere Informationen zur Besiedlungsdichte geben, ein erster Versuch im August erbrachte vielversprechende Ergebnisse.

Letztendlich zielen alle diese Forschungen auf die Frage nach der ehemaligen Besiedlungsdichte und Größe der Höhensiedlung – es geht es um den Beginn städtischer Siedlungen in Mitteleuropa. Während man früher städtische Strukturen erst zu Beginn der Eisenzeit sehen wollte, zeigen neue Forschungen, dass Siedlungen mit vielen Tausend Einwohnern als Zentrum eines Umlandes bereits um 4000 v. Chr. in mehreren Regionen Europas existierten. Anhand des Kapellenberges lassen sich diese Fragen ausgezeichnet untersuchen.

Die Grabung und die Prospektionen werden ausgerichtet vom RGZM und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Kooperation mit der hessenARCHÄOLOGIE und unterstützt von der Stadt Hofheim. Das Grabungsteam besteht aus Studierenden der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und wird geleitet von Timo Lang M.A.

Mehr Infos zu den Grabungen auf dem Kapellenberg gibt es hier. 

Quelle:
Christina Nitzsche
Vermittlung und Öffentlichkeitsarbeit
Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM) – Forschungsinstitut für Archäologie

Workshop zum Bloggen in Wien

Das Institut für Österreichische Geschichtsforschung organisiert einen Workshop zum Thema „Weblogs in Geschichtswissenschaft und Archivwesen“, am 10. November in Wien. Der Workshop soll einerseits dem Austausch von Bloggerinnen und Bloggern aus dem Bereich der Geschichtswissenschaft und des Archivwesens dienen, vor allem aber interessierte Historikerinnen und Historiker, Archivarinnen und Archivare sowie fortgeschrittene Studierende an die Möglichkeiten und Chancen des Bloggens heranführen. Teilnahme kostenlos, aber Anmeldung erforderlich.

Mehr Infos zu dem Workshop findet Ihr hier!

 

 

 

 

Neandertaler starben vor spätestens 39.000 Jahren aus

Internationales Forscherteam unter Beteiligung der Universität Tübingen überprüft Datierungen europäischer Funde und erstellt ein Modell der zeitlichen Abläufe in der Altsteinzeit.

Die letzten Neandertaler sind vor spätestens 39.000 Jahren ausgestorben. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forscherteam, an dem Wissenschaftler der Universität Tübingen beteiligt waren. „Das Verschwinden der Neandertaler muss früher angesetzt werden“, sagt Professor Nicholas Conard von der Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Universität Tübingen. Auch für die bisherige Annahme, dass Neandertaler im Süden der Iberischen Halbinsel besonders lange überlebt hätten, ließen sich bei erneuter Prüfung keine Hinweise finden. Die Ergebnisse der Studie werden in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht.

Seit vielen Jahren ist sich die Forschung einig, dass anatomisch moderne Menschen, von denen alle heute lebenden Menschen abstammen, und Neandertaler eine Zeit lang nebeneinander existierten. Doch wie viel Zeit und Möglichkeiten zur Begegnung die beiden Menschenarten hatten und wann die Neandertaler ausgestorben sind, stellt die Wissenschaft vor viele Rätsel. Dies liegt auch daran, dass die Radiokohlenstoffdatierung der archäologischen Funde bei Proben mit einem Alter um etwa 50.000 Jahre ihre verlässlichen Grenzen erreicht – ausgerechnet in dem Zeitraum, auf den es für die Klärung der Abläufe ankommt. Ein großes internationales Forscherteam hat nun von zahlreichen europäischen Fundstellen aus der Altsteinzeit Momentaufnahmen zusammengetragen, frühere Datierungen mit einer genaueren Methode überprüft und daraus ein, wenn auch lückenhaftes, Gesamtbild zusammengefügt. Die Ergebnisse der Studie sprechen geografisch wie auch zeitlich für eine mosaikartige Verteilung der letzten Neandertaler in Europa.

Im europäischen Mittelmeerraum tauchten die ersten anatomisch modernen Menschen vor 45.000 bis 43.000 Jahren auf. Offenbar verdrängten diese Einwanderer die europäischen Neandertaler aber nicht gleich überall bei ihrer Ankunft. Die Forscher gehen davon aus, dass sich die Lebenszeiten der letzten Neandertaler und der eingewanderten anatomisch modernen Menschen in Europa über einen Zeitraum von 2.600 bis 5.400 Jahren überschnitten. Die Zeit habe ausgereicht, dass Neandertaler Kenntnisse von modernen Menschen übernehmen konnten. Das Bild der Koexistenz sei komplex und ergebe ein mosaikartiges Muster.

Das Forscherteam bezog 40 archäologische Schlüsselfundstellen von Russland bis Spanien in ihre Studie ein. Die Datierung zahlreicher Funde wurde mithilfe der Beschleuniger-Massenspektrometrie nachuntersucht, die genauere Messungen zulässt als die Radiokohlenstoffdatierung. Es zeigte sich, dass mit den bisherigen Methoden und aufgrund von Verunreinigung der Proben das Alter von steinzeitlichen Überresten häufig bis zu mehrere Tausend Jahre unterschätzt worden war. „Das altsteinzeitliche Europa ist das beste Gebiet, um die Verdrängung der Neandertaler durch anatomisch moderne Menschen zu untersuchen, hier gibt es viele bereits gut untersuchte Fundstellen“, erklärt Nicholas Conard. Das Forscherteam untersuchte drei steinzeitliche Kulturformen, die sich jeweils durch ihre Steinwerkzeuge unterscheiden: das Moustérien und das in Frankreich sowie Nordspanien beschriebene Châtelperronien, die Neandertalern zugeordnet werden, sowie die Uluzzien-Kultur, die auf der italienischen Halbinsel und Südgriechenland zu beobachten war und deren Produkte dem modernen Menschen zugeschrieben werden.

Sicher ist, dass es außerhalb von Afrika einen Austausch von Genmaterial zwischen Neandertalern und anatomisch modernen Menschen gegeben hat. Noch heute finden sich einige Neandertalergene im Erbgut von Nichtafrikanern. Wann und wo außerhalb Afrikas sich die beiden Menschengruppen zusammenfanden, bevor die Neandertaler verschwanden, konnte bisher nicht näher bestimmt werden. Das Forscherteam entwickelte aus den neuen Messdaten der Beschleuniger-Massenspektrometrie ein Modell der Zeitabläufe: Danach wurde das Moustérien an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten von anderen Industrien wie zum Beispiel dem Châtelperronien beziehungsweise der Uluzzien-Kultur abgelöst. Die Forscher sind sich jedenfalls sicher, dass spätestens seit 39.000 Jahren vor heute keine Neandertaler mehr lebten.

Mehr Infos zu den Forschungsergebnissen über den Neandertaler gibt es hier.

Quelle:

Dr. Karl Guido Rijkhoek
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Schmuck aus dem Frühmittelalter

Das Römisch-Germanische Zentralmuseum Mainz (RGZM) forscht seit Jahren auf dem Gebiet frühmittelalterlicher Granate und hat dazu im Januar 2014 gemeinsam mit weiteren Partnern ein mehrjähriges interdisziplinäres Forschungsprojekt begonnen. Es widmet sich einer exotischen Fernhandelsware: dem roten Granat. Dieser zwischen ca. 450 und 800 n. Chr. aus Indien und Sri Lanka importierte Edelstein zierte tausende Waffen und Schmuckobjekte und wurde großflächig in einem geometrisch angelegten Zellwerkmuster arrangiert. Nachdem sich das Projektteam am 2. Juli getroffen hat, sind nun alle laufenden Projekte auf der RGZM-Homepage abrufbar.

Der Zugang zu exotischen Gütern wurde schon in der Antike von gesellschaftlichen Eliten zur Schau gestellt, um das eigene Prestige zu demonstrieren. Wie auch heute löste die „High Society“ als Trendsetter regelrechte Modewellen aus. Erhöhte Nachfrage machte einstige exotische Fernhandelswaren zu Massengütern, deren Wert und Sinngehalt sich dadurch veränderte. Fernhandel und Bedeutung des Granats können daher modellhafte Einblicke in die Weltwirtschaft nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches eröffnen. Von großem Interesse ist außerdem die Vorstellungswelt der frühmittelalterlichen Menschen. Nicht nur die rote Farbe der Granateinlagen, sondern auch deren Anordnungsmuster auf den einzelnen Objekten lässt die hohe symbolische Aufladung erkennen.

Als Ausgangspunkt für das Projekt dient die Sammlung des RGZM. Die Zusammenarbeit mit Partnern aus fünf europäischen Ländern ermöglicht Zugang zu luxuriösem Granatschmuck aus weiten Teilen Europas. Darüber hinaus werden auch die frühmittelalterlichen Schriftquellen zur sozialen und symbolischen Bedeutung von Edelsteinen erstmals zusammenfassend ausgewertet. Die Projektleitung für das RGZM übernimmt Dr. Dieter Quast.

Die Arbeiten werden im Verbund mit dem LVR-LandesMuseum Bonn und dem Südasien-Institut der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg durchgeführt und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziell gefördert.

Beim zweiten Projekttreffen waren über 20 Archäologen, Indologen, Historiker, Mineralogen, Sprachwissenschaftler und Informatiker aus den beteiligten Ländern in Mainz zusammengekommen, um neben der Vernetzung der zwölf Teilprojekte an einem Workshop zu frühmittelalterlichen Goldschmiedetechniken teilzunehmen.

Mehr Infos zum Projekt über den frühmittelalterlichen Edelsteinschmuck gibt es hier.

Quelle:
Christina Nitzsche
Vermittlung und Öffentlichkeitsarbeit
Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM) – Forschungsinstitut für Archäologie

 

Leo Frobenius und die Felsbilder Afrikas

Das Goethe-Institut in Paris zeigt bis zum 22. Juli eine Reihe weltweit einzigartiger Felsbilder aus dem Archiv des Frankfurter Frobenius-Instituts an der Goethe-Universität. Die Ausstellung „Auf dem Weg nach Atlantis: Leo Frobenius und die Felsbilder Afrikas“ geht der abenteuerlichen Entstehungsgeschichte dieser Bilder in der Zentralsahara und den Savannen Simbabwes nach, die gleichzeitig einen Startpunkt für die öffentliche Wahrnehmung der älteren Geschichte des afrikanischen Kontinents in Deutschland darstellte.

Der Frankfurter Kurator Dr. Richard Kuba, Ethnologe und Leiter der Sammlung am Frobenius-Institut, erläutert die Hintergründe: „Unsere Ausstellung erzählt auch die spektakuläre Ausstellungsgeschichte der Sammlung, die in den 1930er Jahren u.a. im Berliner Reichstag, im Pariser Pleyel und im Trocadéro sowie im New Yorker MoMA gezeigt wurde. Als Wissenschaftsbilder längst überholt und heute weitgehend vergessen, waren diese ungesehenen Bilder eine Quelle der Inspiration für die künstlerische Avantgarde.“ Verbunden mit der Pariser Ausstellung sind auch öffentliche Vorträge und ein Kolloquium zur „Verflechtungsgeschichte der Ethnologie“.

 

Felsbild aus Simbabwe. Abgebildet sind Elefanten, eine Schlange, springende Tiere, Bäume sowie liegende Gestalten. (© Frobenius-Institut)
Felsbild aus Simbabwe. Abgebildet sind Elefanten, eine Schlange, springende Tiere, Bäume sowie liegende Gestalten. (© Frobenius-Institut)

Bereits auf seinen ersten Expeditionen durch den belgischen Kongo von 1904 bis 1906 und durch Westafrika von 1907 bis 1909 war der deutsche Ethnologe Leo Frobenius (1873-1938) auf der Suche nach den ursprünglichen Formen afrikanischer Kulturen und glaubte sich bisweilen auf den Spuren des alten Atlantis. Ab 1912 haben Malerinnen und Maler, die Frobenius für seine insgesamt 12 Afrika-Expeditionen engagierte, Kopien von Felsbildern angelegt. Dazu Kuba: „Vor Ort in Nordafrika, in der Sahara und im südlichen Afrila haben sie die prähistorischen Malereien und Gravuren in Farbe und und oftmals in Originalgröße auf Leinwand kopiert.“ In den 1930er Jahren folgten dann Felsbild-Expeditionen in europäische Länder sowie nach Australien und Indonesien. Bis zu Frobenius Tod im Jahre 1938 entstand so eine weltweit einzigartige Sammlung von fast 5000 Felsbildkopien, die noch heute überwiegend im Archiv des Frobenius-Instituts erhalten ist.

 

 

Felsbild aus Simbabwe. Große, rote sitzende Gestalt. (© Frobenius-Institut)
Felsbild aus Simbabwe. Große, rote sitzende Gestalt. (© Frobenius-Institut)

Leo Frobenius war eine schillernde Persönlichkeit: Abenteurer und Afrika-Entdecker, Ethnologe und Kulturphilosoph, Monarchist und Ideenspender für ein neues Afrika-Bild, das in der nachkolonialen Phase entscheidenden Einfluss auf die Entstehung der emanzipatorischen Négritude-Bewegung hatte. Frobenius, der Mitte der 1920er Jahre an das eigens für ihn gestiftete Institut für Kulturmorphologie an die Universität Frankfurt kam, war getrieben von der Vorstellung, sich mit aller Kraft gegen Modernisierung und Rationalisierung stemmen zu müssen. Und in Afrika schien er all das in den Mythen, Masken und Malereien zu finden, was in Europa an Wert verlor. Soeben ist übrigens in der von der Goethe-Universität herausgegebenen Biographie-Reihe „Gründer, Gönner und Gelehrte“ ein Band über Leo Frobenius im Societäts-Verlag erschienen. Der Autor und Ethnologe Prof. Dr. Bernhard Streck von der Universität Leipzig setzt sich intensiv mit Frobenius und seiner Kulturmorphologie auseinander.

Weitere Infos gibt es hier. 

Quelle:
Ulrike Jaspers
Marketing und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Zurück! Steinzeit. Bronzezeit. Eisenzeit.

Heute wurde die neue Dauerausstellung des Museums für Vor- und Frühgeschichte im Neuen Museum feierlich eröffnet. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Allein schon wegen der besonderen Architektur des Gebäudes, der wunderbaren Verbindung von historischer Substanz mit modernen Materialien und schlichten Formen, komme ich immer wieder gern an diesen Ort.

Mit der heutigen Eröffnung beginnt „das Erlebnis, die ältesten Epochen der Menschheitsgeschichte in einer Ausstellung lebendig werden zu lassen.“, so heißt es im Programm. Klingt vielversprechend. Der Rundgang startet im Roten Saal. Gleich beim Betreten des Raumes habe ich tatsächlich das Gefühl, in die Vergangenheit gereist zu sein, wenn auch nicht bis zum Ursprung der Menschheitsgeschichte, sondern „nur“ etwa 150 Jahre zurück. Im Roten Saal werden die größten und bedeutendsten Sammlungen, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert den Grundstock des Museums für Vor- und Frühgeschichte bildeten, in traditionellen Vitrinen präsentiert. Ganz im Ambiente einer Studiensammlung des 19. Jahrhunderts.

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Archäologie in Berlin (LH)

Einen absolut erfrischenden Kontrast dazu bildet der nächste Raum mit aktuellen Funden aus dem Zentrum von Berlin. Hier gibt es Objekte wie mittelalterliche Keramik bis hin zu verrosteten Soldatenhelmen aus dem Zweiten Weltkrieg. In der modernen archäologischen Forschung geht es eben schon längst nicht mehr nur um „alte“, längst vergangene Epochen!

 

Unmittelbar hinter den Funden aus dem Zweiten Weltkrieg wird der Besucher zurück in die frühen Kapitel der Menschheitsgeschichte geführt. Kaum habe ich den Raum betreten, blicke ich direkt in die Augen des Neandertalers aus Le Moustier. Die auf der Grundlage aktueller Forschungen erstellte Gesichtsrekonstruktion wirkt ergreifend lebendig. In Zusammenarbeit mit Fachspezialisten und dem Museum für Vor- und Frühgeschichte wurden anhand des Schädels und der vermuteten Lebensumstände des ca. 11-jährigen Neandertalerjungen die physiognomischen Merkmale und die zu erwartende Dicke der Weichteilauflagen erarbeitet.

 

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Ergreifend echt: Der Neandertaler aus Le Moustier. (LH)

 

In rauhen Mengen wird im nächsten Raum das neue, der folgenden Epoche seinen Namen gebende Material präsentiert: Bronzegegenstände, wohin ich auch blicke. Die Anordnung der Großvitrinen erfolgt wie in einer Prozessionsstraße und gibt die Sicht auf den berühmten Berliner Goldhut frei.

Zeremonialhut aus der Bronzezeit (LH)
Zeremonialhut aus der Bronzezeit (LH)

 

Den Abschluss der Dauerausstellung bilden die Funde aus der Eisenzeit. Die Eisenverhüttung, die Gesellschaft und Kultur nachhaltig veränderte, wird nicht nur durch historische Fundobjekte aus Eisen dokumentiert. Der Vorgang der Verhüttung von Eisenerz in sogenannten Rennöfen aus Lehm ist für die Besucher in allen Schritten nachvollziehbar; vermittelt wird so ein Eindruck von dessen technischer Komplexität.

 

Zwischendurch komme ich an einer „Zeitmaschine“ vorbei. In dieser Videoinstallation ist die vorgeschichtliche Entwicklung des Menschen zu sehen, dargestellt in Aquarellbildern mit fiktiven Landschafts-Ausschnitten. Während des Filmes entdecke ich immer wieder Exponate aus der Ausstellung, wie zum Beispiel den Zeremonialhut aus der Bronzezeit. Es wird nachvollziehbar, welche Rolle diese Exponate im Leben unserer Vorgänger gespielt haben. Hier zeigt sich die Grundidee der Ausstellung: Eine spannende Reise zu den frühen Epochen der Menschheitsgeschichte in Europa.

Eine Reise in die früheste Menschheitsgeschichte. (LH)
Eine Reise in die früheste Menschheitsgeschichte. (LH)

 

Die Präsentation von Sammlungen und Aufstellung von Exponaten ist nach wie vor eine große Herausforderung für WissenschaftlerInnen und AusstellungsgestalterInnen. Denn das moderne Bild von den ältesten Epochen der Menschheitsgeschichte wird immer detaillierter, eine übersichtliche Darstellung hiervon immer schwieriger. Diesem Anspruch wird die neue Dauerausstellung in jedem Fall gerecht. Sie schafft es, die Objekte und ihre jeweiligen Kontexte anschaulich und spannend zu vermitteln, und zwar für alle Besucher – egal, ob jung oder alt. Ganz im Einklang mit diesem Ziel fand zur heutigen Eröffnung gleichzeitig auch ein Familientag mit einem umfangreichen Bildungs- und Vermittlungsprogramm im Kolonnadenhof statt.

Steinzeit erfahrbar machen für Jung und Alt. (LH)
Steinzeit erfahrbar machen für Jung und Alt. (LH)

 

Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 18 Uhr

Adresse: Neues Museum (Museumsinsel), Besuchereingang: Bodestraße 1-3, 10178 Berlin

 

Weitere Infos zum Neuen Museum gibt es hier.