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Antike Identitäten und moderne Identifikationen

Der Begriff der Identität in der Altertumsforschung steht im Mittelpunkt einer internationalen Tagung des Exzellenzclusters Topoi am 18. und 19. Juni im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin in Berlin-Mitte. Welche Spuren finden wir von vergangenen Kulturen und wie stehen wir heute zu historischen Akteuren in Beziehung? Die Antworten auf solche Fragen, die meist Aussagen wie „die Griechen“, „die Germanen“, „die Eliten“, „Jäger“ oder „Sammlerinnen“ enthalten, interessieren nicht nur die Altertumswissenschaften. Die Tagung ist öffentlich, der Eintritt frei.

Bis heute werden solche Zuschreibungen zur Legitimation von Machtansprüchen und zu Ein- und Ausgrenzungen in Politik und Gesellschaft, sowie auch im Privatleben verwendet. Doch lässt sich der moderne Begriff der Identität überhaupt auf das Altertum übertragen? Und wie gehen wir mit aktuellen Identitätspolitiken um, die sich auf die Vergangenheit beziehen? Expertinnen und Experten aus verschiedenen Disziplinen – etwa der Archäologie, Geschichte, Ethnologie und Geographie – diskutieren anhand konkreter Beispiele über Identitätspraktiken der Antike und der Moderne mit Bezug auf die Altertumswissenschaften.

In den Altertumswissenschaften ist der Begriff Identität relativ neu. Erst seit den 1990er Jahren wurde er in Deutschland für die Erforschung der Alten Welt erschlossen und scheint derzeit mehr und mehr zu einem Schlüsselbegriff zu werden. Statt jedoch in der Moderne entwickelte Konzepte auf die Vergangenheit zu übertragen, soll bei der Tagung diskutiert werden, wie der Begriff für die Erforschung eines weiter zurückliegenden Zeitraums der Menschheitsgeschichte verwendet werden kann. Dabei spielt auch die Quellenlage eine zentrale Rolle – für einige Kulturen sind bereits Texte überliefert, für andere nur Objekte. Ferner geht es darum, wie moderne Identitätsdiskussionen die Forschung geprägt haben und immer noch beeinflussen sowie welche Identitätsangebote die Altertumswissenschaften wiederum der Öffentlichkeit unterbreiten.

Das Thema der von Dr. Kerstin Hofmann, Nachwuchsgruppenleiterin am Exzellenzcluster Topoi und am Institut für Prähistorische Archäologie der Freien Universität, organisierten Tagung wird in vier Themenbereichen erschlossen: Identitäten: Theorien – Konzepte – Zugänge, Identität und Wissen, Identität und Raum sowie Identität und Repräsentation.

Identität zählt zu den Schlüsselbegriffen des Exzellenzclusters Topoi und wird in einer übergreifenden Arbeitsgruppe untersucht. Der Exzellenzcluster Topoi ist ein Forschungsverbund von Freier Universität Berlin und Humboldt-Universität zu Berlin in Kooperation mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, dem Deutschen Archäologischen Institut und dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte.

 

Weitere Infos zu der Tagung gibt es hier. 

Quelle:

Dr. Nina Diezemann
Stabsstelle für Presse und Kommunikation
Freie Universität Berlin

Riesenhirsche lebten nach der Eiszeit noch in Deutschland

Tübinger Forscher rekonstruieren DNA des Megaloceros aus Höhlenfunden der Schwäbischen Alb und finden mögliche Ursachen für sein späteres Aussterben.

Das große Massensterben am Ende der letzten Eiszeit führte zum Verschwinden vieler Tierarten, darunter das Mammut, das Wollnashorn, die Höhlenbären und der bis zu 1,5 Tonnen schwere Megaloceros, auch Riesenhirsch oder Irischer Elch genannt. Die genauen Gründe für das Aussterben vieler Arten sind ungeklärt, wahrscheinlich ist dafür eine Kombination aus dem Klimawandel und der Bejagung durch den Menschen verantwortlich. Einige Tierarten überdauerten jedoch das Ende der letzten großen Kaltzeit etwas länger als andere. Zu diesen gehört der Riesenhirsch, der während der Eiszeit große Teile Eurasiens besiedelte. Er war auch nach der Eiszeit noch in Teilen Nordwesteuropas zu finden, bevor er vor rund 7.000 Jahren endgültig von der Bildfläche verschwand. Forschern der Universität Tübingen gelang es nun, mitochondriale Genome (mtDNA) aus 12.000 Jahre alten Hirschknochen von der Schwäbischen Alb zu isolieren und dadurch Details zu ihrer Verbreitung im Süden Deutschlands zu klären.

Die untersuchten Hirschknochen konnten bei Ausgrabungen in den Höhlen Hohle Fels und Hohlenstein-Stadel auf der Schwäbischen Alb geborgen werden. Der Riesenhirsch galt in dieser Gegend sowie in ganz Zentraleuropa seit dem Höhepunkt der letzten großen Kaltzeit vor 20.000 Jahren als ausgestorben. Wissenschaftler hielten die Funde zunächst für Elchknochen, da Elche zu der Zeit in Süddeutschland weit verbreitet waren. Die Rekonstruktion der mitochondrialen Genome durch das Forscherteam unter der Leitung von Johannes Krause vom Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie und die anschließende genetische Analyse der DNA zeigten jedoch, dass es sich bei den Funden um Knochen der Riesenhirschart Megaloceros giganteus handelt. „Es ist nicht leicht, Elch und Riesenhirsch anhand der Form kleiner Knochenfragmente zu unterscheiden. Es könnte durchaus noch mehr Knochen geben, die bisher dem Elch zugeordnet wurden, aber vom Riesenhirsch stammen”, sagt Johannes Krause.

Weiterhin kamen bisherige Studien zu keinem klaren Ergebnis, mit welchen heutigen Hirschen der Riesenhirsch am engsten verwandt war. Die Tübinger Forscher erstellten einen Datensatz aus der DNA 44 moderner Hirsche und der beiden späteiszeitlichen Riesenhirsche, um daraus einen Stammbaum zu rekonstruieren. Dabei erwies sich der Damhirsch als der engste lebende Verwandte des Riesenhirsches. Diese Spezies ist in Vorderasien heimisch und wurde in Europa erst zu Zeiten des Absolutismus im 17. Jahrhundert als Jagdwild eingeführt. „Anhand des Körperbaus wurde spekuliert, ob der Rothirsch am nächsten mit dem Riesenhirsch verwandt sei, dies können wir in unserer Studie klar widerlegen”, sagt Alexander Immel aus der Arbeitsgruppe Krause.

Die Forscher untersuchten zusätzlich die Verhältnisse der stabilen Isotope des Kollagens, einem Strukturprotein, das einen wesentlichen Bestandteil der Knochen bildet. Sie verglichen die Kohlenstoff-13 und Stickstoff-15-Werte der Riesenhirschknochen aus den schwäbischen Höhlen mit de-nen von Rothirschen, weiteren Riesenhirschen und Rentieren, die zum Beginn und zum Ende der letzten Kaltzeit lebten. „Vor der letzten Kaltzeit unterschieden sich die Werte von allen drei Arten, danach zeigte sich eine klare Übereinstimmung – das deutet auf einen kleiner werdenden Lebensraum hin oder auf eine sich überschneidende Ernährungsweise der Hirscharten”, meint Dorothée Drucker aus der Biogeologie, die das Kollagen untersuchte.

Die Forscher spekulieren, dass sich die Riesenhirsche nach der letzten Kaltzeit den Lebensraum und die Nahrung mit anderen Hirscharten teilen mussten. Zudem war ihr bis zu 3,40 Meter spannendes Geweih wenig geeignet für das Leben im zunehmend bewaldeten Europa. Wahrscheinlich setzten dem Riesenhirsch die Konkurrenz mit anderen Arten sowie eine mögliche Überjagung durch Menschen zu, was letztlich zum Aussterben dieser imposanten Hirsche führte.

Weitere Infos zu den Riesenhirschen gibt es hier.

Quelle:

Dr. Karl Guido Rijkhoek
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Archäologen restaurieren Kalifenpalast am See Genezareth

Institut für Altertumswissenschaften erhält Fördermittel aus dem Kulturerhalt-Programm des Auswärtigen Amts.

Für die Restaurierung des frühislamischen Kalifenpalastes Khirbat al-Minya am See Genezareth (Israel) erhält das Institut für Altertumswissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) im Rahmen des Kulturerhalt-Programms des Auswärtigen Amts Fördermittel in Höhe von 30.000 Euro. Der rund 5000 Quadratmeter große Palastkomplex wurde 1932 bis 1939 von deutschen Archäologen im Auftrag der katholischen Görresgesellschaft und des Museums für Islamische Kunst Berlin ausgegraben. Er liegt bis heute auf Grundbesitz des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande zu Köln und wird durch die Israel National Parks Authority verwaltet.

Der aus weißem Kalkstein auf schwarzem Basaltsockel errichtete Palast umschließt eine der ältesten Moscheen des Heiligen Landes. Erbaut wurde er durch den Kalifen Walid I. (705 bis 715 n. Chr.) aus der Dynastie der Umayyaden, die im Heiligen Land 661 bis 750 n. Chr. das erste Kalifat errichteten. Wenige Jahre nach Baubeginn erschütterte ein großes Erdbeben den Palast und verursachte einen Riss mitten durch die Moschee und den gesamten Ostflügel des Bauwerks, was wohl die Bauarbeiten vor ihrer Beendigung zum Erliegen brachte. Im Mittelalter entstand in der Anlage ein Siedeofen zur Verarbeitung des Zuckerrohrs, mit dem die Kreuzfahrer viel Geld verdienten, gleichzeitig aber durch den hohen Wasser- und Brennholzbedarf die Umwelt nachhaltig schädigten. Seit der Ausgrabung liegt die Ruine frei und ist durch Vegetation und Witterungseinflüsse in ihrem Bestand bedroht.

Luftaufnahme der Ausgrabungsstätte des frühislamischen Kalifenpalasts Khirbat al-Minya/ Foto: Courtesy of Yaniv Darvasi, The Hebrew University of Jerusalem
Luftaufnahme der Ausgrabungsstätte des frühislamischen Kalifenpalasts Khirbat al-Minya/ Foto: Courtesy of Yaniv Darvasi, The Hebrew University of Jerusalem

Die vom Auswärtigen Amt geförderte Restaurierung unterstreicht auch den hohen Stellenwert des Jubiläums „50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel“. „Die Restaurierung kommt fünf vor zwölf“, erklärt der Archäologe PD Dr. habil. Hans-Peter Kuhnen, Leitender Akademischer Direktor des Instituts für Altertumswissenschaften und Projektleiter, der seit 2009 mit Mainzer Studierenden archäologische Forschungen in Khirbat al-Minya unternimmt. „Wir konnten von Jahr zu Jahr den fortschreitenden Verfall des Palastes verfolgen. Mit dem Förderprojekt bekennt sich die Bundesrepublik zu ihrer Verantwortung für eine wichtige Ausgrabungsstätte, die ohne das deutsche Engagement in den 1930er Jahren nicht ausgegraben worden wäre. Gleichzeitig unterstützen wir damit die Arbeit der israelischen Nationalparkverwaltung, bieten unseren Studierenden praktische Erfahrungen in archäologischer Konservierung und setzen innerhalb der Archäologie ein Zeichen für den Dialog mit dem Islam“, erklärt Kuhnen, der 2014 zusammen mit Franziska Bloch vom Deutschen Archäologischen Institut einen Führer zu dem Palast herausgegeben hat.

Seit 1981 unterstützt die Bundesrepublik Deutschland im Rahmen des Kulturerhalt-Programms des Auswärtigen Amts die Bewahrung kulturellen Erbes in aller Welt mit dem Ziel, das Bewusstsein für die eigene nationale Identität im Partnerland zu stärken und einen partnerschaftlichen Kulturdialog zu fördern. Das Kulturerhalt-Programm des Auswärtigen Amts ist ein wirkungsvolles Instrument der deutschen Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Gerade der Beitrag von Kulturerhalt-Vorhaben zur Stabilisierung in Krisenstaaten und als Krisenprävention hat in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen.

Weitere Infos gibt es hier.

Quelle:
Petra Giegerich
Kommunikation und Presse
Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Was Feuersteine verraten können

Urgeschichtler der Universität Jena erforscht steinzeitliche Fundstellen in Westfalen.

Viele Spuren haben sie nicht hinterlassen, die Vormenschen, die nach der letzten Eiszeit auf dem Gebiet des heutigen Westfalen gelebt haben. Meist haben nur steinerne Artefakte bis heute überdauert.
Aus einer Reihe von Fundorten im Münsterland werden aktuell vier große und potenziell aussagekräftige Plätze von dem Archäologen Peter Balthasar von der Universität Jena untersucht.

Doktorand Peter Balthasar vom Bereich für Ur-und Frühgeschichte der Universität Jena erforscht steinzeitliche Fundstellen in Westfalen, aufgenommen in Jena am 19.05.2015. Foto: Anne Günther/FSU
Doktorand Peter Balthasar vom Bereich für Ur-und Frühgeschichte der Universität Jena erforscht steinzeitliche Fundstellen in Westfalen, aufgenommen in Jena am 19.05.2015. Foto: Anne Günther/FSU

„Unter 4.000 Artefakten lassen sich manchmal nur 50 bis 100 als Geräte einordnen“, sagt Peter Balthasar, der gerade an seiner Dissertation arbeitet. Die überwiegende Zahl der Fundstücke sind lediglich Werkabfälle, die jedoch detaillierte technologische Rückschlüsse zulassen. Zeitlich lassen sich die Fundorte einordnen: Sie werden auf die Zeit von 13.000 Jahre bis 10.000 Jahre vor heute datiert. Das heißt, der älteste Fundort wurde am Ende der letzten Eiszeit von den Vormenschen genutzt, der jüngste zu Beginn der Warmzeit, in der wir heute leben.

Die Arbeit von Peter Balthasar heißt „Untersuchung des Wandels der Steinartefaktgrundproduktion in der Westfälischen Bucht vom Spätpaläolithikum bis zum Mesolithikum“. Der Doktorand erhält dafür ein Stipendium des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe.

Vorrangiges Ziel ist es, die technologische Entwicklung nachzuvollziehen. Zu den Fragen, die Balthasar klären möchte, gehören zudem jene nach den Aktivitätszonen an der Fundstelle sowie fundplatzinterne Dynamiken. „Lässt sich eine Entwicklung in der Technologie der Steinbearbeitung feststellen, gibt es Kontinuitäten oder Brüche?“, fragt Peter Balthasar.

So gebe es die – auf den ersten Blick verblüffende Tatsache – dass ältere Steinwerkzeuge auf komplexere Art und Weise hergestellt wurden als neuere Stücke. Eine Bewertung dieser Funde sei jedoch schwierig: „Wir schauen nach Technokomplexen, betreiben lediglich Grundlagenforschung“, sagt Balthasar. Wer die Menschen waren, die aus Feuerstein Werkzeuge fertigten, lasse sich nicht sagen. Nur ihre Geräte aus Stein haben überdauert. Fest stehe jedoch, dass sich aufgrund des rasch wandelnden Klimas große Veränderungen in der Technologie der Steinbearbeitung nachweisen lassen. Die genaue Einordnung, die Peter Balthasar gerade vornimmt, kann später wichtige Rückschlüsse an anderen Fundstellen ermöglichen.

 

Quelle:
Stephan Laudien
Stabsstelle Kommunikation/Pressestelle
Friedrich-Schiller-Universität Jena

Neolithische Siedlung im Nil-Delta größer als bisher angenommen

Im Nil-Delta lassen sich im größeren Umfang Spuren einer neolithischen Besiedlung der sogenannten Merimde-Kultur nachweisen. Das ist das Ergebnis von Feldforschungen und Archivstudien, die Prof. Dr. Joanne Rowland, Professorin für Ägyptologie an der Freien Universität Berlin, im Rahmen eines Forschungsprojektes des Exzellenzclusters Topoi durchgeführt hat. Bestätigung dafür brachte vor allem auch ein Grabungsschnitt, der im Sommer 2014 unter der Leitung von Joanne Rowland in Zusammenarbeit mit dem ägyptischen Ministerium für Altertümer durchgeführt wurde.

Er zeigt Spuren von Besiedlung 200 Meter südwestlich der bisher angenommen Besiedlungsgrenze. Die Grabung fand unter der Federführung der britischen Egypt Exploration Society (EES) statt und wurde von der Fritz Thyssen Stiftung, dem Center for International Cooperation der Freien Universität sowie dem Exzellenzcluster Topoi der Freien Universität Berlin und Humboldt-Universität zu Berlin gefördert.

Die Wissenschaftler um Joanne Rowland, darunter auch Dr. Geoffrey Tassie und Sebastian Falk, wollen nun herausfinden, ob die ersten Menschen, die in diesem Gebiet bereits vor dem Neolithikum als Jäger und Sammler lebten, auch noch präsent waren, als sich die ersten Gruppen dort dauerhaft niederließen. Zudem gehen sie Gründen für die Sesshaftwerdung nach und ob veränderte Umweltbedingungen dazu beitrugen. Durch Analysen im nächsten Sommer soll zudem näher bestimmt werden, ob der neu entdeckte Bereich von Anfang an Teil des Siedlungsgebiets war oder ob die Bewohner des Merimde Beni Salama erst später dorthin auswichen.

Dafür arbeiten die Archäologen eng mit Naturwissenschaftlern zusammen: „Der Einsatz von naturwissenschaftlichen Methoden in Kombination mit der Berücksichtigung von Archivmaterial ermöglicht uns neue Perspektiven auf die Entwicklung des Neolithikum in Ägypten“, sagt Joanne Rowland.

Ziel des Forschungsprojektes „Das Nil-Delta im Neolithikum“ ist es, geographische Bedingungen und Umweltfaktoren bei der Rekonstruktion der Besiedlungsgeschichte des Ortes stärker einzubeziehen. Dafür betrachten die Wissenschaftler nicht nur die neolithische Merimde-Kultur (5.300 bis 4.000 v. Chr.), sondern auch die Zeit bis 9.000 v. Chr. (Epipaläolithikum), jene Zeit, in der ein Übergang von den Jägern und Sammlern zu sesshaften Bauern stattfand.

Die neolithische Siedlung Merimde Beni Salama liegt 45 Kilometer nordwestlich von Kairo und wurde 1928 von dem deutschen Archäologen Hermann Junker entdeckt. Die Grabung im Sommer 2014 wurde möglich, weil eine Gas-Pipeline durch die Region gelegt wurde.

 

Quelle:

Dr. Nina Diezemann
Stabsstelle für Presse und Kommunikation
Freie Universität Berlin

Tübinger Forscher stellt Seevölker-These infrage

Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs RessourcenKulturen für neue Erkenntnisse zur biblischen Archäologie ausgezeichnet

Jesse Millek, Doktorand des Sonderforschungsbereichs 1070 RessourcenKulturen an der Universität Tübingen, widerlegt in seiner Forschungsarbeit die bis heute in der biblischen Archäologie vieldiskutierte These, dass Seevölker aus dem nördlichen Mittelmeerraum für den Kollaps der Reiche in der Levante am Ende der Bronzezeit verantwortlich waren. Als Evidenz für diese Seevölker – Theorie gilt eine Inschrift aus dem Totentempel von Ramses dem III in Medinet Habu aus dem Jahr 1180 v.Chr., auf der die Invasion von Fremden, die über das Meer kamen, als Grund für den Niedergang ägyptischer Nachbarreiche genannt wird. Daraus leitete die bisherige archäologische Forschung ab, Seevölker aus dem Mittelmeerraum seien auch für den ökonomischen Kollaps in der Levante verantwortlich gewesen.

Nach neuesten Erkenntnissen spricht jedoch einiges dafür, dass die Ursachen für den starken Rückgang des Handels viel komplexer sind als bisher angenommen und eher auf einen internen, gesellschaftlichen Umwälzungsprozess und auf einen veränderten Umgang mit Ressourcen zurückzuführen sind. Die Dokumentationen archäologischer Grabungen an 16 Fundorten der Region werden in der Forschungsarbeit des SFB 1070 kritisch neu bewertet und ausdifferenziert. Ein Beispiel ist die Fundstätte Lachisch, 44 Kilometer südwestlich von Jerusalem, eine der größten und bedeutendsten Fundstätten der Levante.

In früheren Grabungen wurden in der spätbronzezeitlichen Zerstörungsschicht 7 die ausgebrannten Überreste eines Tempels und eines Gebäudes entdeckt. Diese Funde interpretierte man in Untersuchungen als Hinweise auf eine kriegerische Auseinandersetzung mit den Seevölkern. Die kritische Neubetrachtung der Grabungsdokumentation zeigt, dass bei der initialen Interpretation einige Faktoren übersehen wurden.

„Der bronzezeitliche Gebäudebrand in Lachisch begann nachweislich im Küchenbereich – auch in der Bronzezeit gab es ganz alltägliche Ursachen für Zerstörungen“, berichtet Jesse Millek. „Der Tempel weist keinerlei Vandalismus und keine Anzeichen von Schatzräuberei auf und wurde vor der Zerstörung vollständig geräumt. Alles deutet auf eine kultische Stilllegung der Stätte hin. Die heiligen Gegenstände wurden geordnet und systematisch entfernt. Der Standort des Tempels blieb dennoch als heilige Stätte tabu, auch in späterer Zeit.“ Die geordnete Stilllegung von Heiligtümern deutet auf einen veränderten Umgang mit spirituellen Ressourcen und eine kulturelle Neuordnung von Werten innerhalb der Gesellschaft hin. In der weiteren Forschungsarbeit soll nun geklärt werden, inwieweit der Rückgang des Handels mit diesem Wertewandel zusammen hängt.

Jesse Millek studierte zunächst Archäologie und Kunstgeschichte in New York und Leiden. Seit 2013 ist er Doktorand im SFB RessourcenKulturen an der Universität Tübingen und untersucht unter Leitung von Professor Jens Kamlah die Ressourcenkontrolle am Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit im Ostmittelmeerraum. Vor allem der Niedergang des Handels in der Spätbronzezeit in Israel und den umliegenden Ländern steht dabei im Forschungsinteresse.

Professor Jens Kamlah, Leiter des Teilprojekts A06, hebt die Bedeutung der Widerlegung der Seevölkerthese hervor: „Ziel unserer Forschung ist es, dem alten, stark vereinfachenden Modell die Beweise zu entziehen. Hierzu leistet die Arbeit von Jesse Millek einen wichtigen Beitrag. Der Zeitraum, den wir untersuchen, ist ausschlaggebend für die Entstehung des alttestamentarischen Israels, wie wir es aus der Bibel kennen. Das Aufzeigen der verschiedenen Gründe und komplexen wirtschaftlichen Zusammenhänge für den Handelsrückgang kann neue Einblicke in diese wichtige Epoche leisten.“

Für seine Forschung wurde Jesse Millek mit dem Sean W. Dever Memorial Prize ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich für bahnbrechende Veröffentlichungen im Bereich syro-palästinischer und biblischer Archäologie vergeben. Das William F. Albright Institute of Archaeological Research in Jerusalem honoriert damit einen innovativen Forschungsansatz.

 

Quelle:
Antje Karbe
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

HYPOGEA 2015 in Rom

Mitte März 2015 fand in Rom die „HYPOGEA 2015“ statt. Aus allen Teilen Europas waren Vereine wie auch Privatpersonen angereist, um an diesem Kongress teilzunehmen. Was sie miteinander gemein haben: Sie interessieren sich mit großer Leidenschaft für Räume im Untergrund. Beim diesjährigen Kongress legten die Veranstalter den Schwerpunkt auf Höhlenforschung und Unterwasser-Archäologie.

Bunker, Verkehrstunnel, Katakomben und Zisternen – die Unterwelten Europas sind vielseitig. Während unzählige Denkmäler auf der Oberfläche den Wandel der Zeit nicht überdauern konnten, haben sich im Boden Spuren der Vergangenheit auf einzigartige Weise erhalten. Unter unseren Füßen existieren Orte, die nahezu ungefilterte Einblicke in die Geschichte erlauben.

Während der Recherchen zu meinem Buch „Unter dem Asphalt“ gab es eigentlich keine Stadt, in der ich nicht Menschen kennengelernt hätte, die sich mit großer Leidenschaft für „ihre“ Unterwelten engagieren. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese verborgenen Bauwerke zu untersuchen, zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Damit leisten sie einen wichtigen kulturellen Beitrag zum Verständnis der Geschichte Europas. Ich freute mich darauf, auch auf dem Kongress in Rom wieder viele neue Experten der Unterwelt kennenzulernen, von ihren Projekten zu erfahren – und von ihrer Begeisterung angesteckt zu werden.

Auf der Hypogea 2015 in Rom (Foto: Leoni Hellmayr)
Auf der Hypogea 2015 in Rom (Foto: Leoni Hellmayr)

Zahlreiche Vorträge wurden gehalten. Da der diesjährige Kongress von italienischen Vereinen organisiert wurde, lag ein Schwerpunkt auf den unterirdischen Räumen des Gastgeberlandes: So haben nicht nur unter Rom und Neapel, sondern auch unter vielen anderen italienischen Städten jahrhundertealte Steinbrüche bis heute überdauert. Aus diesen bezogen die Bewohner das Baumaterial für ihre Städte. Auch später ließen sie die Hohlräume nicht ungenutzt, sondern verwendeten sie auf unterschiedlichste Weise weiter. Für die Forscher liegt heute die Herausforderung insbesondere darin, diese Räume zu restaurieren und dauerhaft zu stabilisieren. In Italien, aber auch in der Türkei existieren besonders viele Zisternen und Aquädukte aus der Antike. Sie zeugen von den bautechnischen Leistungen, mit denen die Menschen einst Trinkwasser aus weit entfernten Regionen in ihre Städte und Siedlungen beförderten. So haben Archäologen erst kürzlich an den Ufern des Küçükçekmece-Sees westlich von Istanbul zwei noch fast intakte Tunnel für die Wasserversorgung aus der Spätantike entdeckt. In den kommenden Jahren müssen die Forscher noch vielen offenen Fragen über diese Tunnel nachgehen. Auch zu den Unterwelten von Osteuropa wurden viele Vorträge gehalten, u.a. über die rund 6000 (!) natürlichen wie auch künstlichen schon erforschten Höhlen in Bulgarien oder die unterirdischen, in Felsen gehauenen Komplexe in Georgien. Ihre Ursprünge reichen zum Teil bis in das 5. Jahrhundert v. Chr. zurück.
Neben den Vorträgen organisierten die Veranstalter für die Teilnehmer mehrere Touren in den Untergrund von Rom: Hinab ging es zunächst in eines der besterhaltenen Mithräen Roms, in der Nähe des Circus Maximus gelegen. Es wurde im 3. Jahrhundert n. Chr. erbaut und bewahrt seit dieser Zeit ein besonders schönes Mithrasrelief aus Marmor.

Im Mithräum in der Nähe des Circus Maximus (Foto: Leoni Hellmayr)
Im Mithräum in der Nähe des Circus Maximus (Foto: Leoni Hellmayr)

Unter einem Wohnhaus im Stadtviertel Travestere stiegen wir über mehrere Stockwerke 20 Meter in die Tiefe hinab, um schließlich auf dem originalen Straßenpflaster des antiken Roms zu stehen. Ganz besonders beeindruckt war ich auch von einem mittelalterlichen Tuffsteinbruch unweit vom Kolosseum.

Tuffsteinbruch im Cave del Claudium (Foto: Leoni Hellmayr)
Tuffsteinbruch im Cave del Claudium (Foto: Leoni Hellmayr)

Nach den interessanten Diskussionen und Gesprächen in Rom ist mir persönlich einmal mehr klar geworden, wie wichtig der zukünftige Austausch und die Vernetzung der europäischen Untergrund-Vereine sind. Denn vielen dieser Vereine fehlt es (abgesehen von den finanziellen Mitteln) häufig auch an realisierbaren Plänen, um die unterirdischen Denkmäler in ihrer Region angemessen und dauerhaft sichern zu können. Der Kongress HYPOGEA hat eine Plattform geboten, um Erfahrungen austauschen zu können.

20 Meter unter der Oberfläche: Unterwegs auf dem originalen Straßenpflaster des antiken Roms (Foto: Leoni Hellmayr)
20 Meter unter der Oberfläche: Unterwegs auf dem originalen Straßenpflaster des antiken Roms (Foto: Leoni Hellmayr)

Mit vielen spannenden Eindrücken kehrte ich nach fünf Tagen in Rom wieder nach Berlin zurück. Den nächsten Termin des Kongresses habe ich mir bereits vermerkt: 2017 in Kappadokien. Schon jetzt freue ich mich darauf, die unterirdischen Städte dieser Region und viele andere Unterwelten kennenzulernen!

Kunst oder Fälschung?

Professionelle Kunstfälschungen sind selbst von Fachleuten nur schwer von den Originalen zu unterscheiden. Wie Fälschungen durch archäometrische Methoden – also naturwissenschaftliche Methoden, die zur Klärung archäologischer und teilweise auch historischer Fragestellungen angewendet werden – schlussendlich doch nachgewiesen werden können, ist Thema eines öffentlichen Abendvortrags am 25. März um 19:00 Uhr im Hörsaalgebäude des Fachbereichs Chemie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Professor Dr. Robert Fuchs, Leiter des Instituts für Konservierungs- und Restaurierungswissenschaft an der Fachhochschule Köln, hält den Vortrag mit dem Titel „Von falscher Kunst und kunstvoller Fälschung – Den Kunstfälschern auf der Spur“ im Rahmen der Jahrestagung „Archäometrie und Denkmalpflege 2015“ vom 25. bis zum 28. März in Mainz.

Die Jahrestagung wird ausgerichtet von der Johannes Gutenberg-Universität, dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum und dem Institut für Steinkonservierung e.V. Die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) ist im wissenschaftlichen Komitee durch Vorstandsmitglieder des Arbeitskreises Archäometrie vertreten. Neben dem Abendvortrag bietet die Tagung weitere 38 Vorträge und 51 Posterbeiträge an, die thematisch in die Bereiche Allgemeines/ Methode/Historie, organisches Material/Bio-Material, Glas, Keramik, Stein/Edelstein, Konservierung/Restaurierung, Metall sowie Mal-material/Maltechnik untergliedert sind.

Auf der deutschlandweit einzigartigen Veranstaltung treffen sich Naturwissenschaftler mit Vertretern der Nachbardisziplinen wie Archäologie, Kunstgeschichte, Restaurierung und Bauforschung. In Mainz wollen sie die einzige Bestandsaufnahme im nationalen Rahmen mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt zu den Forschungsgebieten Archäometrie und Erhaltung von Kunst- und Kulturgut durchführen.

Weiterführende Informationen finden sich unter www.ak-archaeometrie.de.

Quelle:
Dr. Renate Hoer
Abteilung Öffentlichkeitsarbeit
Gesellschaft Deutscher Chemiker

Jahrringe aus Asien erklären historische Pestausbrüche in Europa

Ein interdisziplinäres Forschungsteam der Universität Oslo und der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL konnten erstmals zeigen, dass klimatisch gesteuerte Pestausbrüche in Asien während mehrerer Jahrhunderte wiederholt die südeuropäischen Hafenstädte erreichten. Diese Erkenntnis widerlegt die bisherige Annahme, der „Schwarze Tod“ sei 1347 AD auf eine einmalige Einführung des Bakteriums Yersinia pestis 1347 AD von Asien nach Europa zurückzuführen. Ihre Ergebnisse wurden diese Woche in Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States publiziert.

Bis heute konzentrierte sich die Wissenschaft auf die Suche nach natürlichen Langzeit-Reservoiren von Yersinia pestis in Europe. Zudem hat man auch nach Klimafaktoren gesucht, welche möglicherweise zum „Schwarzen Tod“ in der Mitte des 14. Jhd. beigetragen haben. Forscher der Universität Oslo und der WSL fanden nun neue Hinweise, dass eine einmalige Einwanderung des Bakteriums aus den Asiatischen Pestherden in die mediterranen Hafenstädte Europas unwahrscheinlich war.

Anstatt eines singulären Ereignisses, das die europäische Bevölkerung binnen weniger Jahre nach 1347 AD um geschätzte 40-60% dezimierte, gehen die Forscher nun davon aus, dass die Populationsdichte zentralasiatischer Nagetiere stark schwankte und der Auslöser für das wiederholte Auftreten der Pest im mittelalterlichen Europa war. Während mehr als vier Jahrhunderten haben zahlreiche Epidemien nicht nur die sozioökonomische Entwicklung, sondern auch die Kultur, Kunst und Religion des gesamten Kontinents massgeblich beeinflusst. Der Vergleich des umfangreichsten digitalen Inventars historischer Pestausbrüche (7711 Fälle) mit 15 Klimarekonstruktionen, basierend auf jährlich aufgelösten und absolut datierten Jahrringen, zeigte, dass Pestausbrüche in Asien mehrfach bis nach Europa gelangten.

Die Wissenschaftler konnten statistische Zusammenhänge zwischen hochaufgelösten Klimarekonstruktionen und der Populationsdichte sowie der Häufigkeit von Pestepidemien innerhalb des wichtigsten Pest-Wirtes, der Wüstenrennmaus (Rhombomys opimus), nachweisen. Die neuen Erkenntnisse weisen darauf hin, dass sich das Bakterium Yersinia pestis nach extrem niederschlagsreichen Jahren im natürlichen Verbreitungsgebiet Zentralasiens, zum Beispiel in Kasachstan, über die pan-eurasischen Handelswege der Seidenstrasse ausbreiten konnte; mit einer Verzögerung von 10-15 Jahren erreichte der Erreger Europa.

Gemeinsam gelang es den Schweizer und Norwegischen Kollegen, die bisherige Sichtweise von einer einmaligen Herkunft der Pest auf sich wiederholende, klimagesteuerte Ausbrüche in den natürlichen Herden Asiens zu richten. Ihre Resultate zweifeln die vorherrschende, jedoch nur wenig begründete Meinung an, Yersinia pestis habe ein permanentes, natürliches Reservoir in wild lebenden Tieren Europas gehabt, beispielsweise in der Hausrattenpopulation. Aufgrund der neuen Forschungsergebnisse gehen sie davon aus, dass sich neue Stämme mehrfach in Asien ausbreiteten und immer wieder den Weg nach Europa fanden.

Eine endgültige Bestätigung dieser Hypothese hängt jedoch von der Verfügbarkeit genetischer Proben historischer Pestopfer ab. Diese müssten im Idealfall sowohl aus unterschiedlichen Zeitepochen als auch aus mehreren Regionen in Eurasien stammen. Aufgrund der aktuellen Entwicklung der aDNA Forschung ist davon auszugehen, dass internationale Kooperationen über bestehende Disziplingrenzen hinweg voraussichtlich neue Erkenntnisse in eine faszinierende Thematik an der Schnittstelle zwischen Geschichte und Umweltwissenschaften liefern werden.

 

Mehr Infos gibt es hier. 

 

Quelle:
Reinhard Lässig
Medienkontakt WSL Birmensdorf
Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL